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„Vicky Vagina“
Foto: Presse

„Kampf mit dem Frausein“

16. November 2018

Silvia Werner über „Vicky Vagina“ an der Studiobühne – Interview 11/18

Am 17. Oktober 2017 wird #metoo ins Leben gerufen, eine Möglichkeit des Aufrufs gegen sexualisierte Gewalt. Seither berichten Frauen in den Sozialen Medien von ihren Erlebnissen. Sie sind mit gesellschaftlichen und patriarchalen Machtstrukturen konfrontiert, dazu aufgefordert sich diesen zu stellen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Das ist ein Kraftakt, der die Aufmerksamkeit verstärkt auf den Kern der Debatte lenkt. Ein Gespräch mit Silvia Werner, die sich in „Vicky Vagina“, einer eine Koproduktion von 16/9 productions und studiobühneköln, darüber aussprechen möchte, wie Frauen Sexismus erleben und vor allem, wie sie damit umgehen.

choices: Frau Werner, wir müssen reden. Ganz ohne Augenrollen und Aber. Sexismus ist ein Alltagsproblem für viele Frauen. Die #metoo-Debatte hat sich zu einem Manifest über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen entwickelt. #metoo begegnet uns im Alltag, im Privat- und Berufsleben. Jetzt werden die Künste vermehrt unter diesem Vorzeichen betrachtet. Was für einen Zugang nimmt „Vicky Vagina“ zu dem Thema?
Silvia Werner: „Vicky Vagina“ behauptet zunächst eine blutige Revolution, die zur Umkehrung der weltweiten Machtverhältnisse geführt hat. Nachdem sie ihr „Werk“ vollbracht haben, realisieren die Frauen dieser Revolution nun, dass sie viele ihrer Kernprobleme nach wie vor nicht gelöst haben. In Rückblenden und Einschüben erzählt das Stück verschiedene Geschichten von Frauen, die zwischen Anspruch und Indifferenz schwankend ihren ganz eigenen Weg zu einer Art kollektiven Befreiung suchen.

Silvia Werner
Foto: privat
Silvia Werner hat englische und skandinavische Literaturwissenschaft studiert und arbeitet seit 2011 in den Bereichen Tanz und Theater in Köln. Ihr Regiedebüt „Exit Romeo“ brachte sie 2013 zur Uraufführung in der studiobühneköln und hat seitdem jährlich eine neue Produktion dort realisiert. Ihr Jugendtheaterprojekt „Requiem 2.0“ wurde für den Kölner Kinder- und Jugendtheaterpreis 2014 nominiert.

Was war der konkrete Auslöser dafür, dass Sie sich dazu entschieden haben, dem Thema im öffentlichen Diskurs Raum zu geben?
Sicherlich hat das Aufkommen der #metoo-Debatte stark zur Entstehung des Projekts beigetragen, wobei der begleitende Diskurs rund um die Sinnhaftigkeit der Bewegung – u.a. geführt in den vielen Kommentarspalten im Netz – noch viel prägender war. Nicht nur Männer, sondern auch viel zu viele Frauen zweifeln die Relevanz der #metoo-Bewegung an, stellen sogar in Frage, dass es großflächig geführte Diskussionen über Gleichberechtigung überhaupt noch braucht oder vermeiden sie insbesondere im privaten Bereich ganz. Schnell zeigt sich auch da, dass scheinbar „unbequemes“ Verhalten von Frauen selten gern gesehen und unterstützt wird. In „Vicky Vagina“ setzen wir aber an genau diesem Punkt an: Wir wollen unbequeme, offen wütende Frauen zeigen, die die Dinge endlich selbst in die Hand nehmen.

Wieso haben Sie sich für den Titel „Vicky Vagina“ entschieden?
Nichts ist durch alle Kulturen hinweg so sexuell aufgeladen wie der weibliche Körper, gleichzeitig gilt die weibliche Lust aber oft als Tabuthema. Im Projekt ist „Vicky Vagina“ eine Art Superheldin wider Willen, die sich auf ihrer Suche nach neuen Wegen über kurz oder lang auch mit ihrer kulturell und sozial geprägten Rolle als Frau auseinandersetzen muss – ob sie will oder nicht. Nicht alles lässt sich mit dem Verstand lösen, doch ein entspanntes Verhältnis mit dem eigenen Körper ist für viele Frauen nach wie vor nicht so einfach zu erreichen. Diese Schwachstelle im System gilt es mit einer offensiven Herangehensweise zu überwinden. 

Welche Bedeutung kommt dabei der Auseinandersetzung auf der Bühne zu? 
Die drei Protagonistinnen nehmen teils bewusst überhöhte Haltungen ein, um sich so Stück für Stück der Komplexität der Dinge zu stellen. Die persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, der eigenen Sexualität, ist dabei eines von vielen zentralen Elementen. Im Stück behaupten wir eine utopische Welt, in der die Machtverhältnisse umgekehrt und die Frauen nun doch erneut auf sich selbst zurückgeworfen wurden. Der ewige „Tanz um den Phallus“ wird so ersetzt durch den Kampf mit dem eigenen „Frausein“.

Eine Seite ist bisweilen weniger diskutiert und das ist die der männlichen Perspektive. Wie steht es um diese? Sollten Männer mit in die Diskussion aufgenommen werden?
Männer finden auch in dieser Utopie Gehör, wenngleich in verhältnismäßig geringerem Maß. Im echten Leben ist ihre Teilnahme an der Diskussion sogar absolut notwendig, auf der Bühne konzentrieren wir uns allerdings darauf, eine Haltung losgelöst von einer „männlichen“ Perspektive zu entwickeln. So geht es schlussendlich darum, die Maßstäbe für individuelles Handeln tatsächlich individuell zu bestimmen, anstatt sie einer vermeintlichen „Allgemeingültigkeit“ zu entlehnen.

„Vicky Vagina“ | R: Silvia Werner | 21.-24.11. 20 Uhr, 25.11. 18 Uhr | Studiobühne | 0221 470 45 13

Interview: Charlotte Wollmann

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