Mein ist die Rache: Unter dieser Prämisse sind in der Antike ganze Kriege geführt und ganze Geschlechter ausgelöscht worden. Der Feldherr Agamemnon muss nach dem Willen der Jagdgöttin Artemis seine Tochter Iphigenie opfern, um in See stechen zu können. Nach seiner Rückkehr erschlägt ihn im eigenen Bad seine Gattin Klytaimnestra, die ihm den Tod der Tochter nicht verzeiht. Sie wiederum wird daraufhin von ihrem Sohn Orestes durchbohrt. Diese Tragödie hat der Dichter Aischylos in der „Orestie“ zusammenfasst – und dem von den Erinnyen (Rachegöttinnen) gejagten Titelhelden zugleich einen Ausweg ermöglicht. Ein Prozess unter dem Vorsitz von Athene spricht ihn letztlich von aller Schuld frei. Nun nimmt sich die australische Regisseurin Adena Jacobs dieses mythischen Stoffes an, in dem erstmals in der altgriechischen Literatur die Rechtsprechung über die Blutrache triumphiert. Und stellt sich auf die Seite der Anklägerinnen.
Jacobs will mit ihrer Inszenierung zumindest in Frage stellen, ob es sich bei dem Freispruch um einen Sieg der Gerechtigkeit handelt. „Die Orestie endet ja versöhnlich“, erklärt Alexander Kerlin, Chefdramaturg am Schauspiel Köln, „aber das gilt nur für die Männer. Die Erinnyen werden am Ende an den Herd geschickt, und der Mord an Klytaimnestra bleibt ungesühnt.“ Orestes‘ Schwester Elektra, die ihm bei der blutigen Tat half, wird übrigens weder von den Göttinnen noch von der Justiz weiter behelligt. Wie auch immer, im Grunde gehe es Jacobs überhaupt nicht darum, Antworten zu finden. Die Fragen würden schon reichen, sagt Kerlin. „Allerdings befinden wir uns noch mitten in der Probenphase, vielleicht entwickelt sich das noch.“ Für ihre Inszenierung verknüpft Jacobs Schauspiel mit modernem Tanz und Videokunst, und das laut Kerlin sehr bild- und geradezu alptraumhaft – nicht zuletzt unter dem Eindruck von brutalen Szenen, wie sie sich zum Beispiel zuletzt im Iran zugetragen haben. In seiner Struktur bleibe das Stück aber dennoch sehr konkret. „Wir haben schon klar gezeichnete Figuren mit einer stringenten Handlung und kein vertanztes assoziatives Metapherntheater“, bekräftigt Kerlin. Letztlich obliegt es aber den Zuschauerinnen und Zuschauern, sich ein Urteil zu bilden. Was auch nicht selbstverständlich ist.
Die Orestie | 7. (P, ausverkauft), 10., 14.3. je 19.30 Uhr, 15.3. 18 Uhr | Schauspiel Köln, Depot 1 | www.schauspiel.koeln
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Nebenberuf: Serienmörder
„Unterweger“ am Schauspiel Köln
So verwirrend wie das Leben
„Berlin Alexanderplatz“ am Schauspiel Köln – Prolog 11/25
Die Moralfrage im Warenhaus
„Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ am Schauspiel Köln – Prolog 09/25
Zwischen den Fronten
„Making the Story“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 04/25
Die Grenzen des Theaters
„Was ihr wollt“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 04/25
Lebensgeschichten für Leerstellen
„Vatermal“ am Schauspiel Köln – Prolog 01/25
Vererbte Traumata
Stück über das Thiaroye-Massaker am Schauspiel Köln – Prolog 12/24
Flucht auf die Titanic
„Muttertier“ am Schauspiel Köln – Prolog 03/24
Parolen in Druckerschwärze
„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ am Schauspiel Köln – Auftritt 03/24
„Es wird ein Kampf um Vormachtstellung propagiert“
Rafael Sanchez inszeniert „Die letzten Männer des Westens“ am Schauspiel Köln – Premiere 03/24
Dunkle Faszination
Franz Kafkas „Der Prozess“ am Schauspiel Köln – Auftritt 02/24
Wiederholungsschleife
„Soko Tatort“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 02/24
Hüpfen, nicht denken
„Du musst dich entscheiden!“ am Schauspiel Köln – Auftritt 02/26
„Wir denken an ein liebevolles Beschimpfen“
Das Cuma Kollektiv inszeniert „Bühnenbeschimpfung“ am Freien Werkstatt Theater – Premiere 02/26
Spuk mit Fragezeichen
„2:22“ am Kleinen Theater Bad Godesberg – Prolog 02/26
Der Tanz der Krähe
„Die Ecke“ in der Alten Wursterei – Auftritt 01/26
„Als säße man in einem flirrenden Zirkuszelt“
Regisseur Sergej Gößner über „Der fabelhafte Die“ am Comedia Theater – Premiere 01/26
Im Hamsterrad des Grauens
„Der Gott des Gemetzels“ am Theater Bonn – Prolog 01/26
Das Meer in dir
„Aqua@Cycles“ in der Alten Feuerwache – Theater am Rhein 01/26
Auszeit der Ewigkeit
„Pyrofems“ von Wehr51 im Studio Trafique – Auftritt 12/25
Praktisch plötzlich doof sein
Helge Schneider präsentiert seine neue Tour – Prolog 12/25
„Man spürt den Theatermenschen“
Dirigent Daniel Johannes Mayr über die Bonner Wiederentdeckung der Oper „Die Ameise“ – Premiere 12/25
Über zwei Ikonen
„Marlene Piaf“ am Theater der Keller – Theater am Rhein 12/25
Verlorene Jahre
„The Drop“ am Jungen Schauspiel in Düsseldorf – Prolog 11/25