Man schreitet nicht ins Glück, sondern springt mitten hinein. Die Wahl zwischen Prekariat und Oberschicht verspricht die neue TV-Gameshow „Du musst dich entscheiden!“. Dafür gilt es zunächst, zwischen drei farbigen Antwortfeldern zu hüpfen, um auf dem „richtigen“ stehen zu bleiben. Doch nicht Fernsehen, sondern Theater ist hier angesagt – denn das Format ist fiktiv, die Darbietungsstätte das Depot 1 am Schauspiel Köln. Die Moderator:innen, Kandidat:innen, das obligatorische Kamerakind und gar die Zuschauer:innen erweisen sich in der nahezu ausverkauften Köln-Premiere als ein miteinander harmonierendes Ensemble. Die Inszenierung von Kay Voges fordert zum Urteilswahn über brandaktuelle Themen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft heraus. Als Vorbild für das Format fungiert Michael Schanzes einstige Kindersendung „1, 2 oder 3“ aus den 1980er Jahren. Wesentlich für die Vergabe der Punkte ist in der Erwachsenenvariante jedoch das Publikum, das sich mittels QR-Code in das Quiz einloggt und per Abstimmung Fakten schafft.
Im Streit um die astronomische Siegprämie öffnen sich bald die schwefligen Abgründe der Protagonist:innen. Es wird höllisch, denn unter dem Deckmantel des Entertainments lodern Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Narzissmus und der Totalitarismus des heiligen Kapitals. Mit maximaler Entschiedenheit wollen Voges und sein hochdynamisches Ensemble das perfide Spiel auf die Spitze der Einschaltquoten treiben. Pendelnd zwischen Seelenstriptease und Massenbeeinflussung dürfte das Stück auch Zuschauer:innen verstören. Die Frage lautet: abschalten oder dranbleiben? Bei einer Sendezeit von zwei Stunden und 15 Minuten (inklusive Werbung mit klavierspielenden Kätzchen und aussagekräftiger Blicke hinter die Studiokulissen) offenbaren sich die Wahrheiten hinter den humanistischen Fassaden: Die Akzeptanz der eigenen Würdelosigkeit, chronische Geilheit auf das Unglück anderer und das Hochgebet des Neides zimmern ein niederdrückendes Kreuz aus Eichenholz auf die Rücken der Studiogäste.
Dies gilt es auszuhalten. Tatsächlich ist es schwer, nicht zu vergessen, dass es sich um ein Theaterstück handelt. Zu real erscheinen die Einheizer des Publikums, der Habitus des Moderatorenduos (brachial-jovial: Elias Eilinghoff und Anke Zillich) und die multiplen Charaktere der Aspirant:innen auf den Zweimillionen-Euro-Koffer. Mit der bildlichen Einbindung legendärer Meinungsmacher wie Dramatiker Friedrich Schiller, dem Philosophen Karl Marx und Theoretiker Theodor W. Adorno sorgt die Inszenierung für totale Sinnlichkeit in einer komplett hohlen Welt. Statt langem Überlegen zählt hier berauschtes Hüpfen, um elementare Entscheidungen zur Zukunft der Zivilisation, zum Proletariat und zur eigenen Zukunft zu treffen. Köln springt mit, bis ein höchst alarmierter wie fiktiver Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien die Liveübertragung per Dekret unterbricht. Irre. Bitte sofort wieder auf Sendung gehen.
Du musst dich entscheiden – Die Gameshow für Köln | 28.2., 18.4. je 19.30 Uhr, 1.2. 18 Uhr | 0221 22 12 84 00
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