Das Junge Theater Bonn hat anscheinend ein Händchen für Jugendstoffe mit Tiefgang: Immer wieder gelingt es, zeitgenössische Stücke vom Broadway oder vom Londoner East End an den Rhein zu holen und Probleme zu behandeln, mit denen sich Teenager heute auseinandersetzen. Zuletzt inszenierte Bernard Niemeyer das mit acht Tony Awards ausgezeichnete „Spring Awakening“, jetzt bringt er das Musical „Dear Evan Hansen“ um ein immer komplexer werdendes Lügengebilde auf die Bühne des Jungen Theaters.
Eigentlich ist Evan Hansen unsichtbar. Ein Niemand, ein Versager, ein Außenseiter, der an einer Angststörung leidet und an seiner Schule immer nur am Rand steht. Das ändert sich, als sein Mitschüler Connor Selbstmord begeht: Unter seinen Sachen finden dessen Eltern einen Brief von Evan, den der im Rahmen einer Therapie an sich selbst geschrieben hat und den Connor geklaut hat. Connor hat Evan ständig gemobbt – doch auf einmal glauben alle, dass die beiden beste Freunde waren. Ein Missverständnis, das Evan nicht etwa aufklärt, sondern sogar mit allerlei erfundenen Geschichten verstärkt. Zu sehr genießt er die Aufmerksamkeit, die ihm auf einmal zuteilwird. „Gleichzeitig sieht Evan, wie sehr Connors Mutter leidet und wie wichtig ihr die Vorstellung ist, dass ihr Sohn jemanden hatte, dem er sich anvertraute“, erklärt Niemeyer. „Im Grunde sind sich Connor und Evan nämlich gar nicht unähnlich, sie gehen nur mit ihren Emotionen unterschiedlich um. Während Evan sich zurückzieht, rastet Connor regelmäßig aus und verscheucht all die anderen Schüler mit seiner Wut. Allein fühlen sie sich aber beide.“ Natürlich bricht das Netz aus Lügen irgendwann auseinander, es kommt zur Katastrophe.
Im Vergleich zu manch anderen Musicals soll die Musik bei „Dear Evan Hansen“ nur eine untergeordnete Rolle spielen: „Das Stück setzt auf vergleichsweise viel Sprechtext“, erklärt Niemeyer, „dafür sind die einzelnen Songs umso prägnanter. Das dazugehörige Album hat ja in den USA sogar den Sprung in die Charts geschafft.“
Dear Evan Hansen | 10. (P), 12., 29., 30.4., 29., 30.5., 26., 27.6. | Dauer: Etwa 140 Minuten + Pause | Junges Theater Bonn | www.jt-bonn.de
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