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Martin Schulze und Ulrike Janssen
Foto: Thomas Dahl

„Wir wollen Räume für ein anderes Zuhören öffnen“

26. Februar 2026

Regisseur Martin Schulze und Dramaturgin Ulrike Janssen über „Wem gehört das Volk?“ am TdK – Premiere 03/26

Mit der Inschrift „Dem Deutschen Volke“ am Giebel des Reichstags befasste sich im Jahr 2000 das Kunstwerk „Der Bevölkerung“ von Hans Haacke. Es löste eine Debatte über nationale Identität aus, die Regisseur Martin Schulze (u.a. „Prima Facie“, Theater im Bauturm) und Dramaturgin Ulrike Janssen nun für eine theatralische Performance aufgreifen.

choices: Herr Schulze, Frau Janssen, ich habe versucht, Ihrem Trigger zu widerstehen, dabei jedoch auf ganzer Linie verloren und muss diese absurde Frage nun stellen: Wem gehört denn das Volk?

Martin Schulze (MS): Das ist nur ein Titel.

Ulrike Janssen (UJ): Das darf man durchaus fragen. Ich behaupte, das Volk gehört sich selbst. Unser Titel war die Überschrift einer der vielen Medienberichte im Umfeld über die Debatte, die damals erschienen sind.

Ich dachte im ersten Moment auch daran, wem wohl der Nordpol, der Mond oder das Sonnensystem gehören. Warum fühlt sich diese Infragestellung noch so befremdlich an?

UJ: Es geht um die Deutungshoheit. Wer bestimmt denn, wer oder was das Volk ist? Das ist ein wichtiges Thema zurzeit.

MS: Es geht um Vereinnahmung.

Kann man darüber mit Berufspolitiker:innen diskutieren?

MS: Das war für dieses Projekt erst mal nicht das Thema. Aber das geht bestimmt.

UJ: Es geht um Kernfragen. Darum wollen wir vor allem auch mit jungen Menschen darüber diskutieren. Wir richten dafür einen Workshop für Schüler:innen ein.

Was passiert da und wer darf sich daran beteiligen?

MS: Wir wollen uns anlässlich der Debatte und der eigenartigen Heftigkeit, mit der sie geführt wurde, mit der Frage beschäftigen, wie eine junge Generation sich mit den Begrifflichkeiten „Volk“, „Bevölkerung“, „Kunst“, „Demokratie“ und „Zugehörigkeit“ auseinandersetzt. Wir wollen gegenwärtigen Perspektiven darauf eine Stimme geben. Das alles findet schon im Vorfeld beziehungsweise in den Probenphasen zum Stück statt.

UJ: Wir haben dazu eine Kooperationsvereinbarung mit der Gesamtschule IGIS Köln abgeschlossen. Wir werden zudem weitere Workshops durchführen, solange die Produktion im Spielplan ist. Die ab 16 Jahre alten Schüler:innen werden dann zu den Aufführungen eingeladen. Ihre Gedanken zum Thema sollen in das Werk eingearbeitet werden.

Werden wir im Zuge der Premiere Ende März eine Komödie, eine Tragödie oder eine Tragikomödie erleben?

MS: Man kann auf jeden Fall sagen, dass es kein klassisches Schauspiel wird. Es gibt keine Einordnung in die gängigen Theaterkategorien. Deshalb nennen wir es im Untertitel „Reenactment“, also ein Nachspiel der damaligen Debatte im Bundestag. Es ist auch eine Stückentwicklung; das heißt, wir haben vor uns unterschiedliche Formen, die wir noch überprüfen wollen. Das Stichwort „Performance“ trifft es deshalb viel besser.

Wie ist bei Ihnen die Begrifflichkeit „Volk“ konnotiert?

UJ: Na ja, es gibt Ameisen- und Bienenvölker, die auch „Volksgemeinschaften“ sind. Bei dem Volksbegriff schwingt immer auch etwas mit, was in der Bundestagsdebatte zum Thema wurde und zwar aus mehreren Richtungen. Die Geschichte des Begriffs aus Deutschland kann ich da nicht ausblenden. Ich habe mit „Bevölkerung“ weniger Probleme. Die Gesetze werden ja für die Bevölkerung gemacht und nicht für das Deutsche Volk. Ist das Deutsche Volk denn eine Einheit, die anders positioniert ist als die deutsche Bevölkerung?

MS: Schwierige Frage. Wenn es sich um eine Einheit handelt, könnte das Volk auch – wieder – besessen werden. Der Erweiterungsbegriff „Bevölkerung“ hingegen inkludiert Diversität, Vielfalt, Ambivalenz, Gegensätze. Es ist aufschlussreich, sich mit der Diskussion und deren emotionaler Aufladung – damals wie heute – zu beschäftigen. Der Rückblick ist dabei so interessant, weil er einen Appell und vielleicht auch letzte Warnung beinhaltet.

Eine letzte Warnung?

MS: Ja, Warnung, je nachdem wie groß die Sorge ist, dass wir in drei Jahren vielleicht eine rechtsradikale Bundesregierung bekommen.

Kommen wir zur Inszenierung. Was erwartet die Besucher:innen des Stücks in puncto optische Wahrnehmung und Klang?

MS: Die Leute werden auf jeden Fall Teile der damaligen Debatte zu hören bekommen. Wir sind aber noch ganz am Anfang der Proben (Stand: 11.2., Anm. d. Verf.). Die Texte erfolgen in unterschiedlicher Darreichungsform. Wir wollen Räume für ein anderes Zuhören öffnen. Hinter jeder Rhetorik wohnt auch ein Subtext. Den gilt es, herauszuarbeiten.

UJ: Es gibt höchstwahrscheinlich eine Arenen-Situation, nicht die herkömmliche klassische Blackbox. Wir möchten aber nicht belehren, sondern das Publikum zu einem gemeinsamen Spiel einladen.

Warum sollten sich die Aufführung auch konservative bis patriotische Personen anschauen?

UJ: Um sich gute, bessere Argumente für die Debatte einfallen zu lassen. Die Inschrift sollte ja nicht ersetzt werden, sondern im Lichthof als Pendant installiert werden. Der Wunsch wäre ein Spektrum an Haltungen und Statements, damit wir ins Gespräch kommen können.

Haben Sie sich in Bezug auf das Stück bereits auf mögliche Shitstorms aus Teilen der Bevölkerung eingerichtet?

UJ: Glauben Sie, wir bekommen einen Shitstorm? Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Das würde absolut dafür sprechen, dass wir das Thema aufgreifen. Ich fände es schlimmer, wenn es niemanden interessiert.

MJ: Apropos Shitstorm und was Menschen warum aufregt. Es ist dokumentiert, dass bei der Haacke-Debatte das Plenum des Bundestages ziemlich vollbesetzt war, während zu einer unmittelbaren Debatte zuvor anlässlich der Erklärung der Bundesregierung zum Thema „Kosovo – Herausforderung auf dem Weg des Balkan nach Europa“ und zum Stabilitätspakts Südosteuropawesentlich weniger Personen anwesend waren. 

Mussten Ihre Darsteller:innen für die Rollen historisch kundig sein? Schließlich geht es um die Inschrift am Reichstag und somit um deutsche Geschichte.

MJ: Nein. Beide kommen aus Deutschland und sind mit der Geschichte vertraut.

Nachdem wir bereits das Substantiv „Volk“ bemüht haben, wie steht es bei Ihnen um die „Heimat“?

MJ: Ich finde, das ist ein Begriff,zu dem man einen komplett eigenen Abend machen kann.

UJ: Heimat ist etwas Privates. So etwas spürt man vielleicht erst, wenn man etwas verloren hat, zu dem man nicht mehr zurückkehren kann. Ich möchte mir von niemandem definieren lassen, was Heimat ist.

Wem gehört das Volk? Ein Reenactment in 3 Teilen | 27. (P), 28.3., 17., 18.4. | Theater der Keller | 0221 31 80 59

Interview: Thomas Dahl

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