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Ingrid Berzau
Foto: Thomas Dahl

„Es war immer ein Herzblutprojekt“

28. Dezember 2022

Ingrid Berzau über das Ende des Altentheaters am FWT – Interview 01/23

choices: Frau Berzau, was hat nach über vier Dekaden Altentheater zum Entschluss geführt, „Tschüss“ zu sagen?

Ingrid Berzau: Das war ein Prozess und eine intuitive Entscheidung. Wir hatten ja bereits 2012 die Leitung des Hauses an Gerhard Seidel und Inken Kautter übergeben, was eine Entlastung bedeutete. Wir hatten das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um aufzuhören. Wir haben mit einem tollen Stück („Vom Sagen und Schreiben“, Anm. d. Verf.) einen Endpunkt gesetzt. Es war immer ein Herzblutprojekt, in das wir viel hineininvestiert, aber auch sehr viel zurückbekommen haben. Neben den Stückentwicklungen waren ja auch andere Arbeiten, beispielsweise Fachtagungen, und Gastspielreisen verbunden.

Gab es nie die Idee, den Stab an andere weiterzureichen?

Das wäre eine Entscheidung der jetzigen Theaterleitung (Guido Rademachers und Gerhard Seidel, Anm. d. Verf.). Da haben sich neue Schwerpunkte herauskristallisiert. Ich würde sagen, dass das Altentheater nach dem Verständnis der Leitung etwas Einmaliges und nicht fest ans Konzept des Hauses Gebundenes ist. Das wäre mit sehr viel Aufwand verbunden und es gibt gerade viele Veränderungen, bei denen der Hauptfokus nicht auf dem Altentheater liegt.

Würden Sie sich das nicht dennoch wünschen? Es entsteht eine Lücke.

Doch, schon. Aber diesen Einsatz kann in den heutigen Zeiten langfristig kaum jemand leisten.

Da hört man auch die Überlegung nach der Wirtschaftlichkeit heraus. Sie waren mit dem Ensemble etabliert. Die Nachfrage besteht doch.

Richtig. Wir wurden zu internationalen Festivals eingeladen und haben 1999 selbst das erste Altentheatertreffen in Köln organisiert. Doch wir waren früher ganz anders verzahnt. In den letzten Jahren waren wir zunehmend ein Theater im Theater. Das ist natürlich schwierig. Ich denke da eher realistisch und nicht romantisch. Die Verabschiedung ist aber vor allem eine persönliche notwendige Entscheidung.

Das heißt, für Sie ist definitiv Schluss?

Am Freien Werkstatt Theater: ja.

Aha.

Es ist wichtig, jetzt loszulassen und nicht darüber nachzudenken, wo ich schnellstmöglich woanders etwas realisieren kann. Erstmal gilt es, herunterzukommen und den Rückzug ins Private zuzulassen. Ich will nicht irgendwo halb andocken.

Wie haben die Ensemble-Mitglieder Ihre Entscheidung aufgenommen?

Sowohl emotional als auch verständnisvoll. Die Leute würden gerne weitermachen. Wir verstehen uns als experimentelle Gruppe, die sich abseits des FWT und der Öffentlichkeit weiterhin treffen wird.

Welche besonderen Momente verbinden Sie mit dem Ensemble?

Vor allem diese unglaubliche Motivation der Gruppen, spielen zu wollen. Ich kann mich an einen KVB-Streik vor ungefähr 20 Jahren erinnern, an dem sich Besucher:innen außerhalb Kölns angesagt hatten. Die Leute sind kreuz und quer zu Fuß durch die Stadt gelaufen, um die Vorstellung nicht zu verpassen. Taxis waren an dem Tag kaum zu bekommen. Das fand ich sehr bewegend. Dann gab es 2003 die Episode, wo an einem anderen Theater ein Schauspieler in „Warten auf Godot“ wegen Krankheit ausfiel. Die Vorstellung war bereits ausverkauft und das FTW wurde gefragt, ob es etwas anbieten könne. Wir haben unser Altentheater mit dem Stück „Ewig jung“ offeriert. Wir fragten vor dem Auftritt die Zuschauer:innen, ob sie ihre Karten umtauschen wollten, aber das Publikum wollte uns sehen und war schließlich hin und weg.

Wie beurteilen Sie als Zeitzeugin die Entwicklung der freien Theaterszene in der „Kulturstadt“ Köln?

Ach, wir waren jung und verspürten diese Aufbruchstimmung, Stücke komplett selber zu gestalten. Wir mussten uns nicht ständig mit Bestimmungen oder Auflagen herumschlagen, wie dies heute der Fall ist. Was wir damals machten, wäre heute unmöglich, auch wegen der detaillierten Schutzbestimmungen, wobei ich versichern kann, dass wir immer sehr verantwortlich gehandelt haben. Ich denke da zum Beispiel an ein Stück, in dem wir sehr viel Heu auf der Bühne ausgelegt hatten. Die gesamten Prozesse vor den Aufführungen waren uns dabei mindestens genauso wichtig wie die Aufführungen. Es ging ständig darum, sich weiterzuentwickeln und neu auszuloten. Ich habe mich mittlerweile etwas aus der freien Szene zurückgezogen, denn mit zunehmender Betrieblichkeit und Bürokratisierung ist nach meinem Empfinden etwas verloren gegangen. Unabhängig davon bin ich davon überzeugt, dass die neue Generation von Theatermacher:innen ihre Akzente setzen wird bzw. schon setzt.

Apropos neu – wie sind Sie mit der digitalen Zeitenwende im Altentheater klargekommen? Auf Ihrer Internetseite finden sich Podcasts und z.B. die komplette Verfilmung des sehr erfolgreichen präventiven Bühnen-Stücks „Ausgetrickst – nicht mit uns!“

Da hatten wir das große Glück, Charlotte Rimbach zu treffen, die uns bei der technischen Umsetzung beistand. Sie gehört einer jungen Generation an, die mit den digitalen Entwicklungen ganz natürlich umgeht. Zu nennen ist auch Frieder Beckmann, der momentan unsere Homepage überarbeitet.

Hat Ihnen die Kooperation mit der Polizei im Zuge der Entstehung von „Ausgetrickst ...“ eigentlich selbst Betrügereien durch Kriminelle erspart?

Ja, tatsächlich. Es gab zwei Versuche, mich per Telefon zu beeinflussen. Jedes Mal gab sich die Person als Polizist aus, lieferte dabei aber eine solch schlechte Vorstellung ab, dass ich es schnell durchschaute. Der Mann war einfach zu schlecht. Man darf das aber nicht unterschätzen. Viele Besucher:innen des Stücks haben sich für die spielerische Umsetzung des Themas bedankt.

Wir wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft, Frau Berzau!

Dankeschön! Das gebe ich gerne zurück.

Interview: Thomas Dahl

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