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Ralf Harster mit Publikum in „Das Schiff“
Foto: Jana Ludwig

Verbraucht, verkannt, verworfen

06. Dezember 2017

Die Theaterinstallation „Das Schiff“ des Ulbe-Ensemble – Bühne 12/17

Nicht für jedes Stück ist die klassische Theaterbühne der richtige Ort. Statt eine konventionelle Bühne zu suchen, um vom Leben und Sterben des britischen Dichters Thomas Chatterton (1752-70) zu erzählen, suchte das Ulbe-Ensemble um Kreativ-Gespann Bettina Eberhard (Regie) und Ulrike Schwab (künstlerische Leitung) für ihre Produktion „Das Schiff“ eine Kulisse, die auch ohne Zutun mit genug Assoziation und Aura aufgeladen war, das Los eines Künstlers, der nicht dazugehören konnte und wollte, zu illustrieren. Stets auf der Suche nach der Schnittmenge zwischen Theater, Performance und Happening, verschlug es das Ulbe-Ensemble in die Räumlichkeiten des Basislagers „Bürger für Obdachlose“ in der Bickendorfer Silcherstraße, die sie zum Schauplatz einer unkonventionellen Meditation über Leben, Wirken, Leiden und Tod machten.


Sängerin Burcin Keskin, Foto: Jana Ludwig

Gleicht die improvisierte Spielstätte, wo auf der Basis von Spenden und Wohnungsauflösungen ein Gebrauchtwaren-Kaufhaus betrieben wird, bereits von sich aus einem morbid angehauchten Wimmelbild voller Insignien fehlgeschlagener Lebenswege, korrespondiert der Schauplatz hier mit dem Leben des von anhaltender Erfolglosigkeit und Frustration geplagten Dichters Chatterton. Verbraucht, verkannt, verworfen und für die Nachwelt vor allem als skurrile Dekoration von Nutzen, werden der Raum und sein Inhalt im Rahmen der Theaterinstallation zu einem Mausoleum, in dem die Tragik für eine Stunde den Schauwert überwiegt. Der durch eigene Hand umgekommene Chatterton, der so gern den Konsens hinterfragte, nach seinem Platz in der Welt suchte und an allgegenwärtiger Ablehnung scheiterte, fügt sich harmonisch in einen Raum, der so erfüllt scheint von Lebenswegen, die nicht in eine auf Funktionalität bedachte Welt zu passen scheinen.

Die Wahl des Spielortes ist dabei nicht die einzige experimentierfreudige Entscheidung in der Konzeption. So wurde das Publikum schon vor Beginn mit Kopfhörern ausgestattet, über die Auszüge aus Hans Henny Jahnns 1955 verfasstem Theaterstück über die letzten, von zunehmender Entfremdung geprägten Lebensjahre Chattertons von Venus Madrid eingesprochen werden. Während die Besucher auf auditiver Ebene Ohrenzeuge einer beklemmenden Hörspiel-Performance werden, schlüpft Ralf Harster derweil in die Rolle des Dichters selbst, der stumm und schlafwandlerisch durch die Regalreihen und die im Zentrum des Saales platzierten Vintage-Möbel geistert, als wären es die Überreste eines eigenen, längst ad acta gelegten Lebens, von dessen Bestandteilen er sich nicht zu lösen vermag. Gesprochen wird derweil abseits der Hörspiel-Texte kein Wort. Gespenstisch schleicht er durch „Kulissen“, lässt sich nieder und starrt in die Schwärze des spärlich beleuchteten Saales, während es den Zuschauern selbst überlassen ist, der Geschichte entweder passiv-ruhend beizuwohnen oder sich frei im Raum zu bewegen und dem Weg der Mimen zu folgen. Während Dorissa Lem als mysteriöse Erscheinung den vermeintlichen Ausweg in die Welt der Poesie personifiziert, die Realitätsflucht jedoch nur weiter antreibt, steuert Burcin Keskin als Dritte im performativen Bunde eine musikalische Ebene bei und schwebt, leidvolle Melodien singend, durch die Szenerie, ohne mit den anderen Darstellern in Kontakt zu treten.


Ralf Harster und Dorissa Lem, Foto: Jana Ludwig

Das nebulöse Nebeneinander beschränkt sich nicht nur auf die sichtbaren Darbietungen. Wirklich zusammen finden auch die einzelnen Facetten des ambitionierten Unterfangens nie. Statt sich zu einem zwingenden narrativen Gesamteindruck zu summieren, bei dem einzelne Stilmittel und Ebenen wie Zahnräder ineinandergreifen, treiben die für sich interessanten Versatzstücke des Hörspiels, der Kulisse und des entrückten Spiels wie Ideen-Inseln umeinander, ohne Bezug zueinander zu nehmen. So bleiben die zahlreichen losen Enden dann doch Versprechen, die nicht eingelöst werden konnten oder wollten. Wie Leben und Werk seines Protagonisten bleibt auch „Das Schiff“ ein Fragment voll offener Fragen und nicht erfüllter Erwartungen. Mal mit Faszination und mal mit Frust blickt das Publikum auf Ansätze, die Ansätze bleiben. 

„Das Schiff“ | R: Bettina Eberhard & Ulrike Schwab | Basislager Bürger für Obdachlose | keine weiteren Termine

Robert Cherkowski

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