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Anja Jazeschann, Charles Ripley, Mirjam Radovic (v. l.)
Foto: Dieter Jacobi

Kartographierung eines Nicht-Ortes

18. November 2021

„Die Lage“ am Freien Werkstatt Theater – Bühne 11/21

In seiner aktuellen Produktion „Die Lage“ mutiert das Freie Werkstatt-Theater zur Freien Wohn-Treuhand, die Immobilien im Herzen der Kölner Südstadt offeriert. Ein „exklusives Loft“, das sich als sanierungsbedürftiger Altbau herausstellt, verlangt von den Interessenten neben überzogenem Mietzins absurde Belege für die Eignung als qualifizierte Nachbarn innerhalb eines bizarren Wertesystems. Vorortmessungen zum Dezibel-Wert des Schnarchens und die akustischen Erschütterungen im Zuge sexueller Aktivitäten („Bitte stöhnen Sie kurz, aber aussagekräftig!“) offenbaren in überspitzter Art den Eingriff in die Privatsphäre. Latenter Rassismus angelehnt an die Hautfarbe („Wo kommen Sie her?“) sowie die Verdrängung langjähriger Bewohner zugunsten einer solventen Klientel reduzieren den freien Wohnungsmarkt als gnadenlose Profitmaschinerie mit Casting-Charakter, die sozial benachteiligten Menschen im besten Fall eine Abstellkammer mit Matratze oder die (temporäre) Nutzung des Balkons als Zuhause gewährt.

Regisseur Kay Link changiert in der Adaption von Thomas Melles Textvorlage zwischen nacktem Beton, der zum hippen Industrial-Style stilisiert wird, und einer Bühne auf der Bühne, deren Vorhang die Schatten ausbeuterischer, sexistischer oder sadistischer Vermieter projiziert. Mit dem Abgesang auf ethische Grundsätze verhöhnt das intensiv agierende Darstellerensemble um Michel Kopmann, Anja Jazeschann, Mirjam Radovic und Charles Ripley als antiker Chor eine Gesellschaft, die sich in ihrer bemühten Abgrenzung Mauern erschafft, hinter denen Lebensqualität zur kurzzeitigen Zwischenstation auf dem Weg zurück in die Höhlen verkommt. Im Wechsel zwischen Satire und Tragik pirscht sich während der 100-minütigen Aufführung ein Gefühl des Ausgeliefertseins an die Zuschauerränge.

„Die Lage“ beleuchtet mehr Netto-Quadratmeter-Fläche als die Metropole bietet. Lauter werdende Rufe nach Enteignung, die arrogante Lässigkeit einer selbstverliebten Oberschicht, städtische Interessensvertreter – schwankend zwischen sozialem Gewissen und Investoren-Geilheit – sowie das verzweifelte Aufbäumen gegen die drohende Obdachlosigkeit legen in dem sehenswerten Stück den Nährboden für kommende Kämpfe um urbanen Lebensraum.

Die Lage | R: Kay Link | 8., 11., 12.12. | Freies Werkstatt-Theater Köln | 0221 32 78 17

Thomas Dahl

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