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Sebastian Seidler (Film- und Medienstiftung NRW), Karin Jurschick, Birgit Schulz (Produktion), Joachim Kühn (Real Fiction)
Foto: © Kino Gesellschaft Köln

Der Preis eines Menschenlebens

30. Januar 2018

Stranger Than Fiction: Karin Jurschick stellt „Playing God“ vor – Foyer 02/18

Sonntag, 28. Januar: Das Filmforum ist sehr gut gefüllt an diesem vierten Tag des Stranger Than Fiction-Festivals. Auf dem Programm steht ein Film, der zwar aus NRW stammt, vom Thema her aber genauso gut in die Kategorie „Dokumentarfilm international“ gepasst hätte. „Playing God“ bezieht sich auf die Tätigkeit des US-Anwalts Kenneth R. Feinberg, der seit den Anschlägen vom 11. September zu einer Art mächtigen Vermittlerinstanz in Sachen Entschädigungszahlungen geworden ist. Er verteilt Gelder aus Entschädigungsfonds, trifft dafür unzählige Opfer, hört sich deren Geschichten an, misst das Leid und klebt letztlich ein Preisschild auf Menschenleben. Er wird dafür angefeindet, respektiert, angehimmelt und kritisiert. Die Kölner Regisseurin Karin Jurschick („Krieg und Spiele“) hat ihn in seinem Haus besucht, bei einigen Veranstaltungen mit betroffenen Bürgern begleitet und verbindet das mit Archivmaterial seiner bekanntesten Aufträge.

„Playing God“

Auf ihn gekommen seien sie, so Jurschick nach einer Frage aus dem Publikum, weil er in einem anderen Film der produzierenden Firma Bildersturm aus Köln als Interviewter zu sehen gewesen war. Auf ihre Anfrage nach einem exklusiven Auftritt in einem Film über ihn kam recht schnell die Zusage. „Ich glaube, er hat darauf gewartet, dass jemand einen Film über ihn dreht“, so Jurschick. Erst nach Drehbeginn entwickelte sich dann ein Auftrag, der prominent im Film begleitet wird: Ihm wird eine von Politikern geplante radikale Rentenkürzung anvertraut, er soll in mehreren öffentlichen Veranstaltungen die Betroffenen anhören und dann entscheiden, ob gekürzt werde oder alles zurückgenommen wird. Der Film, der am 8.2. ins Kino kommt, springt zwischen mehreren solchen großen Fällen aus Feinbergs Karriere.

Den Titel „Playing God“, so Karin Jurschick, habe er abgesegnet – er beziehe sich auf die Forderung „Stop Playing God!“ von protestierenden Nachfahren der 9/11-Opfer. Präsident Bush hatte Feinberg die Verteilung eines milliardenschweren Entschädigungsfonds aus Steuergeldern übertragen. Nicht jedes Opfer ist am Ende gleich viel Wert. Es geht da um die Verdienstmöglichkeiten, die bei einem Feuerwehrmann eben geringer seien, als bei einem CEO, wie Feinberg im Film erklärt. Die Moral hinter seiner Arbeit ist auch im Kölner Publikum Thema. Er selbst war leider nicht anwesend, obwohl das durchaus geplant gewesen sei. So bleiben spannende Fragen offen, die der Film aufwirft, weil er den Anwalt durchaus ambivalent darstellt.

In den USA soll ein solches Porträt eher auf die Zeichnung eines Helden oder einen Anti-Helden hinauslaufen, wie Jurschick andeutet. „In Europa wird das gerne gesehen, dass ein Mensch auch beides ist.“ Trotz der Nähe zum Protagonisten gelingt das dem Film, auch weil die Kritik an Feinberg durch Dritte formuliert wird und nicht durch die Filmemacherin. Ein anderer Anwalt zweifelt die Rechtmäßigkeit einer Entschädigung der „Agent Orange“-Opfer an, die verpflichtend gewesen sei, aber gleichzeitig das Recht auf eine Klage ausschloss.

Überhaupt gehören solche Klageunterlassungserklärungen zu allen Deals dazu, so dass hier auch eine finanzielle Notlage der Opfer ausgenutzt wird: Für eine geringere Entschädigung bar auf die Hand kaufen sich Unternehmen wie BP auch die Sicherheit vor weiteren eingeklagten Entschädigungen. Dass Ken Feinberg nach einer von BP ausgelösten Ölkatastrophe über die Entschädigungen entscheidet, aber gleichzeitig von BP bezahlt wird, löst viel Kritik aus. „BP war, glaube ich, das Waterloo für ihn. Das hat er auch nicht verkraftet“, berichtet Karin Jurschick. Ein im Film gezeigtes Treffen mit einem Vertreter der geschädigten Fischer zeigt plötzlich einen anderen Feinberg, der sonst eher ruhig und durchaus sympathisch agiert: Schroff weist er ihn ab, als der auch Gesundheitsschäden durch die Umweltkatastrophe geltend machen will. So lernt man einen hochintelligenten Mann kennen, der in einer seltsamen Nischenfunktion als „Special Master“ Karriere gemacht hat. Er dient als Puffer, auch als „Schutzwall“, wie es ein Richter nennt, und hält so auch die Emotionen und die Reaktionen von Betroffenen fern von (verantwortlichen) Politikern oder Konzernen. Ein Job, in dem er einfühlsam sein muss (dabei aber sein schauspielerisches Talent hervorhebt!), in moralischen Fragen sich aber ausschließlich auf „das Gesetz“ bezieht.

War die Regisseurin von der Art dieses Menschen überrascht, wird sie in Köln gefragt. „Ich war überrascht, wie sehr jemand schon seine Geschichte geschrieben haben kann.“ Wozu offenbar auch gehörte, dass der Film über ihn dann den Oscar erhalten sollte.

Mario Müller

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