Mittwoch, 28. Januar: Am Tag vor dem bundesweiten Kinostart von „White Snail“, dem neuen Film des Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter („Dreaming Dogs“), hatte der Kölner Filmverleih Real Fiction zur Premiere ins Filmhaus Köln geladen. In der Domstadt konnte man den Film zuvor bereits beim Film Festival Cologne sehen, auch auf internationalen Festivals war er bereits erfolgreich gezeigt worden. Die beiden HauptdarstellerInnen Marya Imbro und Mikhail Senkov, die zuvor noch nie vor der Kamera gestanden hatten, wurden für ihre herausragenden Darstellerleistungen auf dem Film Festival von Locarno 2025 mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet. Beide waren nun auch bei der Kinopremiere in Köln wieder mit dabei und beantworteten die zahlreichen Fragen des Publikums im Anschluss an die Filmprojektion. Zuvor hatte man im Foyer des Filmhauses noch eine kleine Ausstellung mit Gemälden von Mikhail Senkov eröffnet, die dieser unter dem Pseudonym A.R.Ch. angefertigt hat und die einen morbiden Charme ausstrahlen. Da es in der aktuellen politischen Situation für den aus Belarus stammenden Künstler unmöglich war, seine ca. zwei mal drei Meter großen Gemälde im Ausland auszustellen, wurden von einigen von ihnen kleinere Reproduktionen angefertigt. Diese kann man nun noch bis Sonntag, den 1. Februar, im Filmhaus Köln ansehen, wo der Film ab heute ebenfalls regulär im Programm läuft. Einige der Original-Gemälde kann man in „White Snail“ auf der großen Leinwand bewundern, denn Elsa Kremser und Levin Peter haben die tatsächlichen Lebensgeschichten von Marya Imbro und Mikhail Senkov als Grundlage für ihre fiktionale filmische Erzählung verwendet.

Auf Lebenserfahrungen zurückgreifen
So berichtete Senkov beim Publikumsgespräch, dass er „über 20 Jahre in der Leichenhalle gearbeitet“ habe und dort „Fachmann für Balsamierungen“ war. „Ich musste für den Film nur auf meine Lebenserfahrungen zurückgreifen.“ Dass er in seiner Freizeit an Gemälden von aufgeschnittenen menschlichen Körpern arbeitet, wurde im Film zu einer weiteren biografisch inspirierten Nebenhandlung. Ähnlich verhält es sich bei Hauptdarstellerin Marya Imbro. Sie sagte in Köln: „Man hat meine Geschichte genommen und ein wenig zurechtgerückt. Ich bin im wahren Leben auch Model.“ Wie sie überhaupt auf die Idee gekommen waren, zwei reale Schicksale in einer fiktionalen Geschichte miteinander zu verknüpfen, erläuterte dann Elsa Kremser. Ihre erste Begegnung mit Mikhail Senkov liegt zehn Jahre zurück und fand auf einem Filmfestival in Minsk statt, wo ihr der Künstler vorgestellt wurde. „Seine Arbeit hat mich sofort fasziniert“, kommentierte Kremser. Schon kurz darauf wurde das Konzept des Films entwickelt, in dem Kremser und Levin Peter Senkovs Bilder mit der Liebesgeschichte zu einer Frau kombinierten, die sich umbringen wollte. Für die Frauenrolle hatte das Regie-Duo eine künstlerische Figur im Kopf, die sie dann auf Social-Media-Plattformen in Belarus suchten und im Model Marya Imbro schließlich fanden. Kremser und Peter verbrachten längere Zeit in Belarus und entwickelten dabei das Drehbuch weiter. Elemente wie den Schamanismus, den die beiden vor Ort kennenlernten, haben sie dann ebenfalls in die Erzählung mit einfließen lassen. Kremser führte dies weiter aus: „Im Drehbuch haben wir unsere Fantasien und Träume transportiert, die Inspiration dazu kam von den beiden DarstellerInnen – das funktionierte wie ein Schmelztiegel.“

Situationen vor der Kamera durchleben
Dass es dem Regieduo gelungen ist, zwei Laien zu solch herausragenden Darstellerleistungen anzuspornen, erklärte Elsa Kremser: „Wir haben die beiden in Szenen gesteckt, in denen wir sie gut und interessant fanden und wo wir sie hinbringen konnten. Wir haben in 360° bespielbaren Sets gedreht und nichts geprobt, nur gelegentlich noch einmal neu angesetzt.“ Marya Imbro berichtete, dass sie manchmal stundenlang mit der Regie diskutiert hätten, was diese haben wollte. Dialoge hätte es im Drehbuch allerdings keine gegeben, „was wir gesagt haben, war oftmals pure Improvisation anhand von vorgegebenen Szenen“, so die Hauptdarstellerin. Mikhail Senkov hingegen konnte mit dem Begriff Improvisation nichts anfangen, da diese für ihn die Abweichung von einem Plan darstellt. Er beschrieb die Arbeitsweise stattdessen als „Situationen, die möglichst natürlich vor der Kamera durchlebt wurden.“ Für ihn als Laien sei diese Methode wesentlich leichter gewesen, als einen fertigen Text auswendig lernen zu müssen. Spannend sei es insofern auch gewesen, da die Szenen mit den ProtagonistInnen getrennt voneinander im Vorfeld durchgesprochen worden waren und keiner vom anderen wusste, was er in der entsprechenden Einstellung transportieren sollte. Dadurch ist sicherlich auch ein Großteil der Spannung dieses an die Substanz gehenden Beziehungsdramas entstanden. Auf Nachfrage aus dem Publikum über Auswertungsmöglichkeiten für „White Snail“ in Belarus musste Elsa Kremser allerdings attestieren, dass es mittlerweile in dem Land keinerlei Orte mehr gäbe, wo man einen solchen Film guten Gewissens zeigen könnte. Auch subversive Filmfestivals wie das von Minsk, wo der Samen für den Film einst gelegt worden war, sind mittlerweile leider komplett von der Bildfläche verschwunden. Auch für den renommierten Darstellerpreis von Locarno seien die beiden in ihrem eigenen Heimatland kaum gewürdigt worden. Hierzulande kann man sich nun aber regulär im Kino von diesem ungewöhnlichen und starken Film ein Bild machen.

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