Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
24 25 26 27 28 29 30
1 2 3 4 5 6 7

12.630 Beiträge zu
3.852 Filmen im Forum

Alissa Jung zu Gast im Filmhaus Köln
Frank Brenner

Langfilmdebüt einer Schauspielerin

30. November 2025

„Paternal Leave – Drei Tage Meer“ im Filmhaus – Foyer 12/25

Samstag, 29. November: Schon vor der Projektion ihres ersten Spielfilms als Regisseurin kam Schauspielerin Alissa Jung („Ihr Name war Maria“) im Dialog mit Filmhaus-Leiter Dirk Steinkühler auf den Titel „Paternal Leave – Drei Tage Meer“ zu sprechen. Den englischsprachigen Haupttitel habe sie ganz bewusst gewählt, weil er ein Wortspiel beinhaltet. Wörtlich ist damit eigentlich der Vaterschaftsurlaub gemeint, aber man kann „Paternal Leave“ auch als das Verlassen durch den Vater interpretieren. Das kommt dem Inhalt des Films schon sehr nahe, denn die 15jährige Leo (grandios: Debütantin Juli Grabenhenrich) entschließt sich darin, auf eigene Faust nach Italien zu reisen, um endlich ihren Vater kennenzulernen, dem sie noch nie begegnet ist. Dieser ist vom plötzlichen Auftauchen der Teenagerin sichtlich überfordert, zumal er mittlerweile wieder eine andere Familie hat, und auch hier nicht alles problemlos abläuft. Für Alissa Jung, die auch das Drehbuch zum Film selbst geschrieben hat, stand schon von Anfang an fest, dass die Geschichte in Deutschland und in Italien spielen sollte. „Ich lebe durch meinen Partner sowohl in Rom als auch in Berlin, und die Emilia-Romagna außerhalb der Saison fand ich in diesem zugerammelten Zustand ideal als Metapher für die Verschlossenheit des Vaters“, erklärte sie beim Filmgespräch in Köln. Dass es sich bei ihrem Partner um den italienischen Filmstar Luca Marinelli („Martin Eden“) handelt, der auch in „Paternal Leave“ die Hauptrolle spielt, enthüllte sie erst später am Abend. Die Geschichte sei zwar insgesamt komplett erfunden, aber „darunter ist viel Eigenes versteckt“, so die Filmemacherin weiter.


Dirk Steinkühler befragt Regisseurin Alissa Jung, Foto: Frank Brenner

Die richtigen Darsteller finden

Warum Jung ausgerechnet die Geschichte eines Mädchens erzählen wollte, das ohne Vater aufwächst, habe sie sich selbst im Nachhinein auch gefragt. Aber schließlich würde sich die Wahrnehmung der Eltern in den Augen der Kinder im Laufe der Jahre verändern, aus den anfänglichen Helden würden mit der Zeit schließlich Menschen werden. Die Beschäftigung mit der Figur des Vaters Paolo war für Alissa Jung „die Beschäftigung mit dem Bild des Mannes an sich. Ich kann gut verstehen, warum man als Mann nicht die Säule der Familie sein will und generell nie Schwächen zeigen darf“. Nach der passenden Hauptdarstellerin für ihr Erstlingswerk hat die Regisseurin lange gesucht, in Jugendtheatergruppen und sogar in der Straßenbahn, wo sie Mädchen angesprochen habe, was ihr selbst sehr befremdlich vorkam. Auf einen Castingaufruf hätte sich dann u.a. auch Juli Grabenhenrich gemeldet, an der sie von Anfang an ihre „bedingungslose Ehrlichkeit“ beeindruckt habe. Bei jeder neuen Castingszene sei Grabenhenrich ein Stück weiter über sich hinausgewachsen und während der langen gemeinsamen Probenzeit hätten sie noch viel Zeit miteinander verbracht und sich gut kennengelernt. Dass sie mit Hauptdarsteller Luca Marinelli auch privat liiert ist, war Vor- und Nachteil gleichermaßen. „Es wäre blöd gewesen, ihn nicht zu fragen, die Rolle zu spielen, obwohl ich das bei meinem Debütfilm eigentlich nicht machen wollte“, erläuterte Jung. Doch nachdem Marinelli nach dem ersten Lesen des Drehbuchs sehr berührt gewesen war, wollte er beim Film direkt mitmachen. Obwohl er in Italien ein großer Star ist, war es auch nach seiner Zusage nicht so leicht wie erwartet, einen italienischen Koproduktionspartner zu finden.


Alissa Jung plaudert gutgelaunt beim Publikumsgespräch, Foto: Frank Brenner

Miteinandergefühl am Set

Schließlich hat es aber doch geklappt, und „Paternal Leave – Drei Tage Meer“ lief im Mai 2025 nach seiner Weltpremiere auf der Berlinale offiziell auch in Italien in den Kinos an. Dass er in seiner dreisprachigen Originalfassung gezeigt wurde, stellte für den italienischen Verleih ein Risiko dar. Denn so war er in der gesamten italienischen Filmgeschichte erst der dritte Film, der unsynchronisiert aufgeführt wurde, berichtete die Regisseurin. Beim Publikumsgespräch in Köln äußerte Jung sich auch dazu, wie ihr ihre Erfahrungen als Schauspielerin auf dem Regiestuhl geholfen hätten. „Ich weiß, was mir an Sets gefällt und was nicht. Gerade auch die Arbeit mit jüngeren SchauspielerInnen konnte ich gut nachvollziehen, weil ich selbst mit 16 Jahren angefangen habe.“ Deswegen führte sie beim Dreh auch das strikte Regiment, dass die jungen SchauspielerInnen genauso respektvoll behandelt werden sollten wie der Star. Davon abgesehen würde Jung aber gerne in flachen Hierarchien arbeiten und ein „Miteinandergefühl“ am Set fördern. Manche würden darüber stolpern, da von ihnen ein freundschaftlicher Umgang als Führungsschwäche ausgelegt würde. Gerade aber bei den jüngeren italienischen MitarbeiterInnen sei sie mit dieser Strategie sehr gut klargekommen, was Jungs Meinung nach darauf hindeute, dass die Akzeptanz dieses Arbeitssystems letztendlich auch eine Generationenfrage sei. Als Chefkamerafrau engagierte Jung für „Paternal Leave“ Carolina Steinbrecher („Glück“, „Eternal You - Vom Ende der Ehrlichkeit“), mit der sie zuvor noch nicht zusammengearbeitet hatte. Aber sie mochte Steinbrechers bisherige Arbeiten sehr und war auch menschlich sehr schnell mit ihr auf einer Wellenlänge. „Carolina hat nicht nur technisches Knowhow, sondern ist auch ein wahnsinnig mitfühlender Mensch, weswegen sie emotional immer sehr mit dabei war“, merkte Alissa Jung an. Aktuell hat sie noch mehrere Projekte in unterschiedlichem Produktionsstatus in der Pipeline und hofft darauf, bald einen weiteren Film als Regisseurin in die Kinos zu bringen.

Frank Brenner

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Mit Liebe und Chansons

Lesen Sie dazu auch:

In NRW wird Kino wirklich gelebt
Verleihung der Kinoprogrammpreise NRW in der Wolkenburg – Foyer 11/25

Unermüdliches Engagement für den Schnitt
„Kammerflimmern“ im Filmhaus – Foyer 10/25

Preisträgern auf den Zahn fühlen
Artist Talks des Film Festival Cologne im Filmpalast - Foyer 10/25

Stimmen für Veränderung
„How to Build a Library“ im Filmforum – Foyer 09/25

Eine sympathische Bruderkomödie
„Ganzer halber Bruder“ im Cinedom – Foyer 09/25

Jung-Bäuerinnen bei der Arbeit
„Milch ins Feuer“ im Odeon – Foyer 08/25

Im Abschiebegefängnis
„An Hour From the Middle of Nowhere“ im Filmhaus – Foyer 06/25

Über die Todesangst
„Sterben ohne Gott“ im Filmhaus – Foyer 03/25

Mit Trauer umgehen
„Poison – Eine Liebesgeschichte“ im Odeon – Foyer 02/25

Bittersüße Dystopie
„Ein schöner Ort“ in der Aula der KHM – Foyer 01/25

Zeit-Fragen
Symposium der dokumentarfilminitiative im Filmhaus – Foyer 01/25

Stark durch Solidarität
„Billige Hände“ im Filmhaus – Foyer 12/24

Foyer.