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„Suicide Me!“
Foto: Rebecca Ramlow

Sichtbar gewordene Körper (1)

18. Mai 2018

Sommerblut-Festival: Suizidpuppen, Body-Art und Transformationen – Festival 05/18

„Wir trauen uns heute nicht mehr, körperlich zu sein. Viele von uns leben inzwischen in einer parallelen Social-Media-Welt. Unseren Körper spüren wir schon lange nicht mehr. Auch unsere Sexualität wird oft unterdrückt“, sagt Rolf Emmerich, Gründer des Sommerblut-Festivals, am 6. Mai bei der Vernissage „Körperblut“ und bringt damit das zentrale Thema des diesjährigen, nunmehr siebten Sommerblut-Festivals, „Körper“, auf den Punkt. Damit kratzt er an einer zentralen Fragestellung: Spüren wir unseren Körper überhaupt noch?

Bei der Vernissage und Performance in der Galerie Rolf Hartung geht es erfrischend körperlich und blutrünstig zu: Da ist die verzweifelt Suizid begehen wollende Puppe „Luna“ des äußerst intensiven Stückes Suicide Me!“ von Puppenspielerin Iris Schleuss: Eine pubertierende Jugendliche, die zum Leid ihrer Mutter eine schlechte Schülerin ist und die zunächst Teenager-Dinge wie Musik hören, SMS lesen etc. tut, sich von einer Abwechslung in die nächste rettend. So weit, so nebensächlich und so oberflächlich. Dann folgt eine krasse Wende: Als ihr Freund mit ihr groteskerweise via Voicemail Schluss macht, erleidet sie einen massiven Nervenzusammenbruch. Fortan will sie hektisch Tabletten schlucken, sich um jeden Preis ihre Pulsadern aufschneiden. Alles nur, um verdammt nochmal zu sterben, der Realität zu entkommen, sich wieder zu spüren. Doch das scheitert, und Luna entschließt sich zu erschießen. Als ihre Mutter wieder dazwischen grätscht, schießt sie, weil ihr nichts anderes übrigbleibt, schließlich auf ihre eigene Animateurin, die Puppenspielerin. Das Blut spritzt.


Iris Schleuss und ihre Suizidpuppe, Foto: Rebecca Ramlow

„Suicide Me!“ ist eine stoffliche, schwarz-humoreske Performance, die es trotz Kürze in sich hat und in welcher es Iris Schleuss gelingt, das Augenmerk ganz auf die Puppe zu lenken. Drastisch deshalb, weil der Kontrast zwischen Banalität und Dramatik so schockierend ist, und weil es ein Thema ist, das uns alle berührt: amoklaufende Jugendliche, das Gefühl der inneren Leere, nicht zuletzt verursacht durch soziale Medien und Touchpads, Liebeskummer, Probleme in der Schule und mit den Eltern. Letztlich ist die Puppe ein symbolhaftes Symptom einer Krankheit, an der wir alle ein wenig leiden: das Gefühl, unseren eigenen Körper nicht mehr zu spüren.


„Körper im Urzustand“: Schlamm-Performance und entsexualisierte Körper, Foto: © vvg

Gefolgt von einer kontrastiv dazu nicht mehr aufhörenden Lehmschlamm-Body-Art-Performance namens „Körper im Urzustand“ zu immer gleicher Herzschlagmusik von Charlie Kaldenhoff, in der sich eine Künstlerin (Christi Knak) permanent an- und auszieht, mal ein Papier zum männlichen Glied gebastelt in ihre Hose stopft, bis sie ihren Körper schließlich komplett entsexualisiert. Während sich die Andere (Caroline Asal) konstant im Lehm suhlt. Althergebrachte Perspektiven werden so auf wertlosen Substanzen auf null gesetzt und neu erfunden. Die ursprünglichen Positionen eines Körpers werden angezweifelt und so neue Möglichkeiten für Geschlechtsdefinitionen geschaffen.

All das spielt sich vor der Fotosammlung von Ulrich Huber „Anders? Normal!“ ab, der, wie er sagt, mit seinem grenzensprengenden Projekt „den Menschen dazu bringen möchte, etwas gelassener auf Andersartigkeit und Vielfalt in unserer Gesellschaft zu reagieren und zuerst den Menschen und dann die Unterschiede wahrzunehmen“. (Finissage: 19.5. um 19 Uhr).


Zwei Herzen in einer Brust: die Transformation des Chris Schulz
Foto: Rebecca Ramlow

Einer, der ebenfalls – zumindest oberflächlich betrachtet – zunächst „anders als andere“ erscheint, ist der/die Kölner Fotograf(in) Chris Schulz, dessen/deren Werk „Körperfotos“ seine/ihre Transformation vom Mann zur Frau widerspiegelt. Schulz befasst sich in seinen Arbeiten gerne mit Naturphänomenen, und so hängt ein Bild von ihm in der Galerie Hartung, das verschiedene Stadien seiner Transformation unter Bäumen ablichtet: „Zwei Herzen schlagen in meiner Brust, schon seit Kindesbeinen bin ich mir dessen bewusst. Der Weg der Metamorphose war geebnet, und selbst die großen Steine im Weg verloren an Gewicht und wurden in kleinen Schritten überquert. Seitdem blühen beide Herzen wieder im Licht des Einen – sowohl in der Haut des Mannes als auch der Frau,“ so Schulz.

Sommerblut – Festival der Multipolarkultur | bis 21.5. | 2018.sommerblut.de

Mehr in Kürze: „Drugland“ & „Antikörper“!

Rebecca Ramlow

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