Die Königstochter Antigone stellt ihr ethisches Empfinden über die Gesetze in Theben, als sie ihren als Landesverräter geltenden Bruder bestattet. Ihr Onkel Kreon, der neue Machthaber, muss das Urteil über sie fällen. Das inklusive Ensemble Theaterkönig spielt Sophokles‘ antike Tragödie in der Bearbeitung von Roland Schimmelpfennig.
choices: Frau Hahn, seit 2.467 Jahren mahnt Antigone vor der Selbstüberschätzung des Menschen, der sich göttlichen Status anmaßt und dafür mit dem Untergang zahlt. Welche Bezüge zur Gegenwart ziehen Sie in Ihrer Adaption?
Zunächst versuchen wir zu verstehen, welchen Impuls die Thematik vor 2.500 Jahren gesetzt hat – und zwar nicht nur für das Theater, sondern für die griechische Gesellschaft im Allgemeinen. Was ist der Ursprung von Konflikten? Für das Theater bedeutet das, kraftvolle Figuren zu spielen. Mit den Figuren beginnen wir zu fragen, wie es dazu kommt, dass wir nicht ins Gespräch kommen. Wie und warum misslingt eine Auseinandersetzung über politische Macht und menschliche Ohnmacht? Spielt das Beharren auf dem eigenen Recht eine Rolle? Was bewirkt die Radikalität, mit der die als Recht empfundene Sache durchgesetzt wird? Das sind Fragen, die sich auch heute stellen. Bei Antigone ist es aber auch ein Konflikt innerhalb einer Familie, die unter einem Fluch lebt, dessen Ursache nicht aufgeklärt wird. Die Menschen sterben reihenweise, stechen sich die Augen aus, die Mutter erhängt sich. Die Familie ist traumatisiert – belastet, würden wir heute sagen. Schuld und Ursache werden nicht reflektiert, sondern an Götter, das Schicksal oder andere Figuren adressiert. Erst nach der Katastrophe sagt Kreon: „Mein ist die Schuld in diesem.“ Er gesteht das ein. Er übernimmt Verantwortung. Das ist erwachsen. Er hätte nachgeben können, aber er sah sich in einer politischen Verantwortung, fühlte sich einer Aufgabe verpflichtet, wie Antigone. Sie fühlt sich ihrer Familie verpflichtet, Gesetzen, die ihren Ursprung in uralten Mythen haben. Beide sind überfordert.
Wie setzen Sie das auf der Bühne um?
Ich hoffe, dass die Menschen, die uns zusehen, auch fühlen, was vor sich geht. Wir spielen „Antigone“ nicht in Einfacher Sprache. Wir nutzen die Vorlage des Textes von Roland Schimmelpfenning. Nichts gegen das Konzept Einfacher Sprache, im Gegenteil, aber hier wollen wir die Komplexität des Stoffes in einer komplexen Sprache abbilden. Das bereitet den Darsteller:innen großes Vergnügen. Wir wollen uns die Welt größer machen. Daher sprechen wir keine Alltagssprache. Sie ist sehr sinnlich und bildreich. Das betrifft die handelnden Figuren. Für den Chor und dessen Einlassungen suchen wir angemessene Lösungen – und zwar bildlich, choreografisch sowie akustisch. Oft sind es Details des Konfliktes, auf die das Ensemble intensiv reagiert. Was unterscheidet den Menschen vom Tier, wer oder was ist für uns Eros, der Gott der Liebe? Was bedeuten uns Schmerz und Tod? Das sind Begriffe, die im Ensemble für große Aufregung sorgen. Und das nehmen wir sehr ernst.
Die Geschichte behandelt Krieg, Tod, Macht und Trauer. Ist da auch Platz für Licht?
Klar, immer. Kann sein, wir tanzen auch Sirtaki. Das Theater Comedia verfügt über eine beeindruckende Lichtanlage, wir suchen auch und vor allem das Licht, das die Schauspieler:innen auf die Bühne tragen. Immer. Auch bei Krieg, Tod und Trauer.
Wie haben Sie Ihre Antigone gefunden? Was zeichnet sie aus?
Ich musste nicht lange suchen. Da ist die Rheinkompanie, der Ausbildungszweig für Menschen mit Beeinträchtigungen an der Schauspielschule Der Keller. Mit Lilith Bernhardt ist eine Persönlichkeit dazugestoßen, die schon über Bühnenerfahrung verfügt und in der Lage ist, immer neue Eindrücke und Informationen in ihr Spiel zu integrieren.
Die Geschlechterrollen in Tragödien sind meist klar verteilt: Männer sind in der Regel Täter, Frauen häufig Opfer. Das bildet die Fakten im Patriarchat ab, verfestigt aber auch seinen Status. Würde Sie eine Umkehrung der Verhältnisse reizen, in der Antigone ein blutiges Schwert führt?
In gewisser Weise tut sie das ja. Auch gegen sich selbst. Aber ich verstehe, was Sie meinen, und kann nur sagen: selbstverständlich. In unserem Kontext finde ich es interessanter, mich mit dem Klischee über Menschen mit Beeinträchtigung zu beschäftigen. Die sind demnach immer nett und freundlich, lustig und verletzlich. Aber das ist natürlich nicht so. Es gibt eine markante Stelle in dem Stück. Antigone sagt, „Für meinen Mann und meine Kinder hätte ich es nicht getan … nur für meinen Bruder“. Sie stellt die vermeintlichen Rechte des toten Bruders über die eines eigenen Mannes, eigener Kinder, denen sie so keine Zukunft lässt. Sich selber auch nicht. Wenn das kein blutiges Schwert ist. Das empfinde ich als hart und radikal. Ich sehe hier auch die Frau als Täterin. Und Kreon, der Mann? Der ewig Zweite im Staat, in Zeiten politischer Umbrüche an die Macht gekommen. Ein Gehetzter, ein Getriebener, ein Starrsinnig-Verbohrter, Verunsicherter? Beide Figuren sind unbeweglich, verstrickt. Beide werden und sind Täter.
Gibt es bei den Proben einen internen, rein arbeitsbezogenen Spannungsbogen, der mit dem Verlauf der Geschichte vergleichbar ist?
Ja, das gibt es bei allen Proben. Aber diesen Prozess kann ich erst am Ende erkennen und beschreiben.
Wie meinen Sie das?
Die Spannung baut sich von Beginn an auf. Wenn man mitten in der Entwicklung eines Stücks steht, muss man Nerven haben, speziell hier. Auf keinen Fall die Ruhe verlieren, jeder einzelne Gedanke muss verstanden werden. Das bedeutet, der Rhythmus der Proben und entsprechend der, wie Sie sagen, arbeitsbezogene Spannungsbogen, sind nicht linear planbar. Für mich. Die Latte liegt hoch, schauen wir, ob wir drüber kommen.
Das Ensemble Theaterkönig gibt es seit mittlerweile 20 Jahren. Wie weit ist die Gesellschaft Ihrer Einschätzung nach bei der Verwirklichung von Teilhabe gekommen?
Wir sind unterwegs. Das ist gut. Gar nicht so lange her, da gab es viel weniger Möglichkeiten zur Teilhabe. Da hat sich viel getan, sowohl im Theater wie im Film. Ich bin sicher, das wird weitergehen. Aber dafür braucht es eine gute Ausbildung. Inklusion ist auch, wenn Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrem Spiel kritisch eingeschätzt werden können. Und damit umgehen können, weil sie das entsprechende Selbstbewusstsein und ein Verständnis für Prozesse haben.
Die freie Kunstszene befindet sich aufgrund der Kulturkürzungen von Kommunen, Ländern und dem Bund in einem Umbruch. Welche Auswirkungen, aber vielleicht auch neue Möglichkeiten ergeben sich so für das Ensemble?
Wir haben das Glück, dass auch die nächste Theaterkönig-Produktion schon finanziert ist. Wenn die Gelder für die Rheinkompanie wegfallen würden, das fänd‘ ich bitter. Ansonsten: Ich bleibe zuversichtlich, fühl ich mich freier.
Welchen Titel würden Sie dem Stück geben, wenn es noch keinen hätte?
Was für ‘ne Frage. Das muss ich mir in Ruhe überlegen. „Antigone“ ist als Titel aber schon so überzeugend, warum soll ich mir da noch was überlegen? Antigone, der Name der weiblichen Hauptfigur, sie ist die Titelfigur. Punkt. Ja, vielleicht mit ‘nem Punkt.
Antigone | 18. (P), 19., 21., 22., 23., 24.7. je 19.30 Uhr | Comedia Theater | 0221 88 87 72 22
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