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Choreografin Nina Mackenthun und Regisseur David Vogel
Foto: Thomas Dahl

„Wie küsst man richtig?“

18. Mai 2026

Regisseur David Vogel und Choreografin Nina Mackenthun über das Stück „Hundert“ am Schauspiel Köln – Premiere 05/26

Das Stadtensemble am Schauspiel Köln entwickelt in jeder Spielzeit eine Inszenierung in jeweils neuer Besetzung aus Laien. In „Hundert“ setzt sich ein 19-köpfiges Ensemble zwischen 8 und 92 Jahren mit dem Jungsein und Älterwerden auseinander.

choices: Frau Mackenthun, Herr Vogel, ich wage eine These: Der Mensch ist reine Sehnsucht. Sehnsucht wird von Verlust und/oder Unerreichbarkeit genährt. Nur die Ewigkeit reicht aus, um diesen Durst zu stillen. Würden Sie mir diese Vorstellung bitte freundlich ausreden?

David Vogel (DV): Ich weiß gar nicht, ob wir Ihnen diese These ausreden möchten. Vielleicht wollen wir sie ja anreichern.

Nina Mackenthun (NM): Vermutlich sind viele Menschen in ihrem Leben von Sehnsuchtserfahrungen geprägt und getrieben. Vielleicht schaffen es nur wenige, trotz der steten Aufs und Abs in der Realität zu bleiben.

Gehören Sie zu den Wenigen?

DV: Ich gehöre zu den Sehnsüchtigen. Ich glaube, dass Sehnsucht sehr antriebsstark, aber auch sehr leidvoll sein kann.

NM: Im Wort Sehnsucht steckt auch das Wort Sucht. Da haben wir ein Dilemma. Es geht vielleicht darum, einen Umgang mit dieser Sucht zu finden, und das fällt manchmal eben schwer.

Können Sie sich an Ihren ersten Verlust erinnern?

NM: Ich war gerade versucht zu sagen, der Tod meiner Großmutter, später dann der meiner Mutter. Dann war ich jedoch schnell im Versunkensein des Hier und Jetzt. Ich versuche mir das im Theater zu bewahren. Es ist immer eine Anstrengung aber keine Selbstverständlichkeit mehr.

DV: Das Schwinden der Kindheit ist ein Verlust, wenn es im Leben immer ernster wird.

Wann haben Sie die verloren?

DV: Mit 16. Und dann, deutlich später mit Anfang 30, merkst du, dass dir nicht mehr alle Türen offen stehen, durch die man noch gehen wollte.

Und frühe Momente von Glück?

NM: Mit meiner Oma an Heiligabend in die katholische Kirche zu gehen, das ganze Zinnober dort mitzuerleben und sich innerlich unfassbar auf die Bescherung zuhause zu freuen.

DV: Das sind Zeiten bei den Großeltern – Momente der Geborgenheit – mit Bofrost-Vanillepudding auf der sandfarbenen Couch und all den Umarmungen. Ich entdecke das jetzt als wertvolle Erinnerung. Früher war das etwas Alltägliches für mich. Von anderen erfahre ich das genaue Gegenteil. Sie haben so etwas nicht erlebt.

In Ihrer Inszenierung „Hundert“ spielen Menschen zwischen 8 und 92 Jahren mit. Was ist der gemeinsame Nenner?

DV: Die jüngste Darstellerin ist 8 und der älteste Teilnehmer 92, aber es werden, wie in Heike Fallers Buch, die Lebensjahre von 0 bis 100 Jahren beleuchtet. Mir fällt auf die Frage das Suchen und Finden ein. Die Leute stellen fest, dass sie auch mit 70 noch nach einem neuen Lebenssinn suchen können. Ich erinnere mich an eine Anekdote unseres ältesten Darstellers: Er erzählte von seiner Kindheit und von einer Frage an die Mutter, was denn nach dem Himmel komme. Darauf wusste sie keine Antwort. Er berichtete dann, auch mit 92 Jahren und all der Lebenserfahrung fühle er sich genauso unwissend wie damals. Für die Jüngeren ist es total spannend, zu merken, wie viele Fragen die Älteren noch haben.

NM: Ein gemeinsamer Nenner sind die Momente des Miteinander-Agierens. Alle haben total Lust, sich darauf einzulassen und etwas auszuprobieren, zum Beispiel Versteckenspielen. Es herrscht große Neugierde.

Wie bringen Sie die Innensicht der Protagonist:innen auf die Bühne?

DV: Die Inszenierung basiert ja auf dem Buch von Heike Faller. Die Behauptung darin ist, dass man mit jedem Lebensjahr etwas Neues erfährt. Das gibt uns ein Grundgerüst. Wir sind dieses Werk im Ensemble durchgegangen und haben Leerstellen gesammelt, die auf den Seiten nicht abgebildet werden. Manche Abschnitte im Stück sind von den Ereignissen im Buch inspiriert, andere sind autobiografische Erinnerungen unserer Darsteller:innen, zum Beispiel, wie man eigentlich richtig küsst oder wie es aussah, als man verliebt war. Man kann sich vielleicht vorstellen, welches Bild entsteht, wenn 20 Personen auf der Bühne pantomimisch knutschen.

Welche Rolle spielt Musik?

NM: Die Musik ist ein eigener Faktor. Wir haben eine Livemusikerin, Annie Bloch. Annie ist eine große Bereicherung. Sie ist bei den Proben dabei und entwickelt einen Soundtrack, der mit dem Schauspiel in einen Dialog tritt.

Wie finden Sie Ihre Darsteller:innen, die „Expert:innen des Alltags“?
DV: Wir haben dafür einen Open-Call gemacht, auf den die Leute reagiert haben. Es gab dazu ein paar Auswahlfragen. Bei einem Workshop konnten die Interessenten sich und uns kennenlernen.

Welche Kriterien gelten bei der Produktionsreihe für die Besetzung?

DV: Wir sind ein Projekt, das nicht vorrangig ausgebildete Schauspieler:innen beschäftigt. Wir wollen die Expertisen des Alltags. Es geht uns auch nicht um individuelle Schauspieltechniken, sondern um die individuellen Qualitäten und Erfahrungen, die die Spieler:innen mitbringen. Wir machen eine Stückentwicklung. Die Leute müssen Lust haben, als Ensemble zusammenzuwachsen und zu forschen. Es wäre nichts für Personen, die ein klassisches Rollenspiel à la Shakespeares „Hamlet“ bevorzugen.

Konnten sich die Laien ins Stück einbringen?

DV: Große Fragestellungen in der Stückarbeit waren, was Alter bedeutet, mit welcher Perspektive man aufs Leben schaut und was man gelernt hat. Daraus sind immer wieder eigene Texte entstanden. Die Darsteller:innen konnten dahingehend das Stück mitgestalten.

Wie vermeiden Sie in Anbetracht des ewigen Weltschmerzes bei „Hundert“ eine epische Tragödie?

NM: Mir fällt da der Satz aus dem Buch ein, „Mit 35 (Jahren) machst du wieder mehr Unsinn.“ Natürlich wird es in der Aufführung zu nachdenklich stimmenden Situationen kommen, es gibt aber auch viele Momente der Leichtigkeit.

DV: Das Buch und somit auch unser Stück räumen mit gängigen Vorstellungen über das Alter auf. Anstelle von Krankheiten, Verlusten und dem Tod werden die Scheinwerfer darauf ausgerichtet, was man alles noch neu entdecken kann. Was machst du beispielsweise als 75-Jähriger zum ersten Mal? Es wird hier ein vielseitiges Bild vom Alter gezeichnet.

Was steht da bei Ihnen auf der Agenda?

DV: Ich fände es spannend, sich an einen Ort zu begeben, an dem man von einer gigantischen Bibliothek umgeben ist, oder auf einer Ziegenalm ohne Zeitdruck im Gras zu liegen. Es wäre verführerisch, einfach mal aus der eigenen Blase herauszutreten. Aber die Frage ist, ob ich überhaupt nach solch einer Veränderung suche. Vielleicht ist es ja auch gerade gut so, wie es ist.

NM: Es gibt Dinge, die ich noch ausprobieren möchte, aber die möchte ich hier nicht nennen.

Wie viel Zeit steht Ihnen auf der Bühne zur Verfügung, um ein ganzes Jahrhundert abzubilden? Für welches Alter empfehlen Sie das Stück?

NM: Wir gehen von etwa 90 Minuten Spielzeit aus. „Hundert“ ist aber definitiv kein Kinderstück. Ich glaube, es wird spannend für Zuschauer:innen ab 14 Jahren.

Eine letzte Frage: Welche Überschrift würden Sie diesem Interview geben?

NM: „Lebenslange Neugierde“

DV: „Hast du irgendwas im Leben gelernt?“ Das ist übrigens ein Zitat aus dem Buch.

Hundert | 30.5. 20 Uhr (UA), 31.5. 18 Uhr | Schauspiel Köln, Depot 2 | 0221 22 12 84 00

Interview: Thomas Dahl

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