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Foto: Ingo Solms

Die Mutter der Freien Szene

13. November 2019

Studiobühne Köln ist immer für eine Überraschung gut – Kulturporträt 11/19

Ohne die Studiobühne kann man sich Kölns überaus lebendige Freie Theaterszene nicht recht vorstellen. Eigentlich würde sie in diesem Jahr ihr Hundertjähriges feiern. Gründungsvater war Professor Carl Niessen, ein Nationalsozialist erster Stunde, Gruppenführer der SA, der auch nach dem Krieg noch bis ins Jahr 1960 Aufführungen in Köln leitete. So richtig stolz ist man hingegen auf das Jahr 1974 als die Studiobühne zu einer „eigenständigen zentralen Betriebseinheit der Universität“ wurde, wie es im Beamtendeutsch heißt, und damit nicht mehr an die Theaterwissenschaft gebunden war. Ein Theater, das sich dem Experiment verschrieben hat, unabhängig von der Stadt Köln ist und mit seinen Festivalreihen, wie der Theaterszene Europa, mit internationalen Gastspielen die Freie Szene belüftet. In den 1970er Jahren gab es diese Szene noch gar nicht. Aber es gab die politisierten 68er, die sich mit Nazi-Vergangenheit von Forschung und Lehre und dem Vietnamkrieg auseinander setzten. Georg Franke, der langjährige Leiter der Studiobühne, war einer von ihnen. Bei ihm produzierten jene, die nach dem Studium Blut geleckt hatten und im Theater im Bauturm, im Theater Der Keller, in der Comedia oder in einer der zahlreichen Freien Gruppen ein Theaternetzwerk gründeten, das einzigartig in Deutschland ist.

„Theater ist wieder ziemlich in. Es läuft zur Zeit richtig geil“, meint Dietmar Kobboldt, der aktuelle Chef der Studiobühne. Er beobachtet eine Studentenschaft, die wieder an politischen Themen interessiert ist und die sich auch künstlerisch ausprobieren möchte. Erstsemester haben traditionell freien Eintritt in der Studiobühne, „und davon wird auch reichlich Gebrauch gemacht“, erklärt er. Einer der interessantesten Theaterorte der Stadt ist das Haus auch deshalb, weil es Freien Gruppen mit Potenzial, wie dem Analog Theater, c.t. 201, oder Kimchi Brot, die über kein eigenes Haus verfügen, eine Residenz bieten kann.

Das Motto für den Nachwuchs heißt bei Dietmar Kobboldt: „Suchen, finden und fördern, oder auch nicht“. Die Studiobühne ist ein Quell für die Entdeckung talentierter Theaterleute. „Wo liegen die aktuellen Grenzen dieser Kunstform?“ Das gilt es für Kobboldt herauszubekommen, um sie dann zu überschreiten. Heute sind es nicht so sehr die Themen als vielmehr die Verschränkung der Künste, die das Theater mit der Musik und dem Tanz anvisiert, um neue ästhetische Formen zu finden. Die Digitalisierung steht als nächste Herausforderung schon im Raum, wie Kobboldt meint. Er verlangt vom Theater keine Antworten, sondern Visionen für das, was morgen sein könnte. „Da darf auch einmal herum gesponnen werden“, räumt er lachend ein. Wie groß der Hunger auf Experimente auch beim Publikum ist, zeigt sich bei „fünfzehnminuten“, dem Nachwuchs Festival NRW, das vom 10. bis 12. Januar wieder zu sehen ist. Die Besucherschlange zieht sich dann mitunter vom Theater bis zur Bahnhaltestelle. 15 Minuten Theater sind cool, denn wenn die Beitrage einmal nicht überwältigend ausfällt, dauert es nicht länger als die übliche Wartezeit auf die nächste KVB, bis wieder etwas Aufregendes geschieht.

Thomas Linden

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