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„Eurexit“ im Theater im Bauturm
Foto: Meyer Originals

Europa auf der Therapiecouch

14. November 2017

Kostas Papakostopoulos zeigt „Eurexit“ im Theater im Bauturm – Theater 11/17

Die große Sause ist vorbei. Im Hintergrund auf der Videoleinwand sieht man noch kurz das Portrait Adenauers, der sich hier, auf der Aachener Straße, gut als Ahnherr eines geeinten Europa verkaufen lässt. Die gute alte Zeit. Sein Gesicht wird schnell überblendet: Euros fließen, Bürger revoltieren, Flüchtlinge stehen vor geschlossenen Grenzen. Doch auf der Bühne erwacht der Chor. Auf einem azurblauen Konfetti-Teppich befreit sich das Trio (Lisa Sophie Kusz, Stephanie Meisenzahl, Stella Veinoglou) mühsam aus ihren Zellophan-Zwangsjacken. Die Krise ist allgegenwärtig, stellt der Chor fest. Nur was tun?

Regisseur Kostas Papakostopoulos, künstlerischer Leiter des Deutsch-Griechischen Theaters, hat sich auf solch brenzlige politische Fragen spezialisiert und verhandelt diese immer wieder auf der Grundlage der antiken griechischen Tragödien. Ebenso selbstverständlich dient ihm der Stoff nur als Fundament. In „Eurexit“ bleibt von diesem Fundament nicht mehr viel übrig: Kassandra wird da schnell zu einer brabbelnden Neurotikerin. Agamemnon und Klymnestra sucht man gar vergeblich. Der Agamemnon des Aischylos dient dem Chor vielmehr als Zitatenfundus auf der Suche nach einem Weg aus der Krise. Viel Trost kann er dabei selten spenden.

Auch der Frauenchor nämlich hat mit seinem antiken Vorbild wenig gemein. Die drei Frauen, eine Deutsche, eine Griechin und eine Serbin, beklagen lauthals die Probleme in Europa. Wirtschaftliche Stagnation, Arbeitslosigkeit, Demokratiedefizite und Flüchtlingskrise. Auf der Suche nach einer Lösung steuern sie auf die Wiege Europas zu: Athen. Während ihrer Reise sprechen sich die drei andauernd Mut zu. Sehr wechselhaft gestaltet sich dieser Weg zur Besserung: Erst berauschen sie sich an ihrem eigenen Engagement, um wenig später wieder ratlos zu sein, wie die Wende herbeizuführen sei. Permanent bricht Streit aus zwischen den drei Chorfrauen.


Foto: Meyer Originals

Und an diesen Stellen hat das Stück seine stärksten Momente: Als der Chor merkt, dass sie mit ihren phrasenhaften Forderungen nach mehr Demokratie und Transparenz nicht weiterkommt, entzweien und entfremden sie sich voneinander und fallen in nationalistische Muster zurück, die sie eigentlich bekämpfen wollten. Dann wirft die Deutsche der Griechen ihre südländische Faulheit vor, die Deutsche ist für die Griechin wiederum schlicht ein Nazi und der Serbin ekelt es vor der Heuchelei der anderen. Sie sei es doch, die die ungeliebte Drecksarbeit mit den Flüchtlingen erledigt, indem sie die Grenzen schließe. Das Stück simuliert hier sehr treffend die Europadiskurse, wie man sie in Bürgerbewegungen wie dem „Pulse of Europe“ beobachten kann. Mit viel Pathos und Verve wird den Problemen den Kampf angesagt. Doch wenn es um deren Beseitigung geht, fehlt es zu oft an konkreten Ideen. Der Protest verläuft im Sand, und was bleibt ist Ratlosigkeit und Apathie. Außer Phrasen nichts gewesen.

Damit das Stück nicht vollends ins Düstere abdriftet, werden die drei Chorfrauen in grellen Farben gezeichnet. Zu oft erscheinen sie dabei in ihren Auseinandersetzungen als laut, hysterisch und infantil. Das soll für Lacher und Auflockerung sorgen, geht aber zumeist nach hinten los: Mit ihren Schreiorgien ringt der Chor den Zuschauern einiges an Nerven ab. Auch sonst fehlt es dem Stück an einer stringent erzählten Geschichte, die mehr bietet als die Bestandsaufnahme eines politischen Diskurses. Dafür fehlt es den Figuren, die stereotyp als europäischer Norden, Süden und Osten konstruiert werden, an Individualität.

Am Ende, als vom Kampfesmut der drei Chorfrauen nichts mehr übrig ist, schleppt ein Flüchtling auf Geheiß des „Präsidenten der europäischen Wirtschaftsinstitutionen“ die Leiche der mythologischen Europa auf die Bühne. In salbungsvollen Worten erklärt er dem Publikum etwas  von der fruchtbaren Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft und der glorreichen Zukunft des Kontinents. Die Chorfrauen hören kaum noch hin und lassen sich vom Präsidenten für seine Show instrumentalisieren. Eine klare, wenn auch düstere Botschaft, die Papakostopoulos hier sendet. Eine innovativere Perspektive hätte man sich trotzdem gewünscht.

„Eurexit“ | R: Kostas Papakostopoulos | 25.-28.1.2018 | Theater im Bauturm | 0221 52 42 42

Florian Holler

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