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Foto: Nele Beckmann

Die Fassade bröckelt

27. Juni 2019

„La Strada/ein Landstreich“ von atelier mobile rechnet mit Bauboom ab – Bühne 07/19

Stadtgeschichte trifft auf urbane Dystopie und italienisches Märchen auf den Kölner Immobilienmarkt. In „La Strada/ein Landstreich“ lädt das „atelier mobile – travelin’ theatre“ zum 1,5 Kilometer langen Theaterspaziergang durch das aufstrebende Quartier am Deutzer Hafen. Eine partizipative Kulturwanderung erwartet sein Publikum – durch die Luftschlösser geplanter Neubaublocks und Bürogebäude, über Stolper- und Kulturbausteine. Dabei dient das Juni-grüne Stadtpanorama als Realkulisse. Dort, wo zwischen Schaufelrädern und Bohrmaschinen noch ein Rest an Idylle verbleibt, der Himmel noch nicht zugebaut ist, soll in naher Zukunft ein neues 37,7 Hektar großes Viertel entstehen und die „grüne Terrassierung was an den Kontext zurückgeben“.

In der Performance werden zwei Erzählstränge parallel verfolgt, während die Besucher als Wandertrupp den Klängen der Harmonika folgen. Zum einen die theatrale Interpretation von Fellinis Filmklassiker „La Strada – Das Lied der Straße“, eine Geschichte um Abhängigkeit und Aufopferung, und zum anderen die Geschäfte der Immobilienheuschrecke Pina. Wie die Erzählungen zusammenkommen wird nicht explizit gemacht. Das Stück selbst mutet an wie ein Gaukelbild: Zwischen Gesang und Tanz, Clownerie, Akrobatik und hirngespinstigen Vers-Monologen blitzen Realität und die Frage, wer hier eigentlich wen an der Nase herumführt, spukartig hervor.


Foto: Jens Standke

Der vom italienischen Regisseur des Neorealismus Fellini geprägte Begriff des „Zampano“ beschreibt eine Person, die ohne sonderliche Kompetenz einen großen Wirbel um ihr Schaffen macht. Heute wird die Bezeichnung Zampano hingegen häufig verwendet, um jemanden zu beschreiben, der alle Fäden in der Hand hält und auf die Weise Geschehnisse und Entwicklungen steuert. Die Figur der „residencial development“-Immobilienmaklerin Pina (gespielt von Frederike Bohr) ist eine große Zampana im doppelten Sinne. Von einem stadtfernen Standpunkt aus betont sie ihre Nähe zu Verwaltung und Politik und steuert die Bebauungspläne per Telefon. Dabei prahlt sie mit bestem Standortwissen von Zypern bis Mailand und bewegt sich doch wie eine Touristin mit Rollkoffer und gezückter Selfie-Kamera entlang der Rheinpromenade an den Poller Wiesen. Das Handy stets am Ohr bleiben die Hälfte ihrer Gespräche Spekulationen überlassen.

Ihre einsamen Dialogfetzen weben sich unter in die Geschichte des wahren Zampano (Thomas Krutmann). Einem grobschlächtigem Kerl, Überlebenskünstler und Trickbetrüger, der mit der verträumten und unerfahrenen Gelsomina (Aischa-Lina Löbbert) auf einem Planwagen durch die Lande zieht. Unfähig Zuneigung zu zeigen verfährt er mit dem ihm assistierenden Mädchen in brutaler Ignoranz. Sie orientiert sich zunächst an ihm, kopiert seinen Habitus, verliebt sich in das Künstlerdasein und bleibt dennoch unverstanden.


Foto: Jens Standke

Nach etwa zwei Stunden Fußmarsch erreicht das Stück ein Theaterzelt nähe Raiffeisenstraße. Nun bewegt es sich weg vom Straßentheater und öffnet sich Elementen des Zirkus. Hier kann in poetischer Ruhe Mattos (Elena Martino) Schwingtuchtanz beobachtet und Trompetenklängen gelauscht werden. Filmische Schnitteffekte werden fortan durch Schwarzblendung erzeugt und die Geschichte, von kontinuierlichem Soundtrack unterlegt, wird zur Szenencollage gerafft. Mit einer Gesamtlänge von knappen drei Stunden sicherlich eine gute dramaturgische Entscheidung. Was zurückbleibt, nachdem die Lichter erloschen und das Hochseil vermessen ist, ist die Gewissheit, dass sich alle hier, ob nun auf Beziehungs- oder Umgebungsebene, im Kraftfeld irgendeines Zampanos befinden. Landstreicher*innen bewegen sich auch im Gutbürgertum: Dort sind es nicht diejenigen, die durch die Lande streichen, sondern die, die uns das Land streichen...

Wer nun noch Diskussionsbedarf hat, ist am 28. Juni zum Stadtentwicklungsdinner des atelier mobile eingeladen (Trattoria Forza Colonia, 19.30 Uhr). Im September geht’s mit den Vorstellungen weiter. Der Ort wird noch bekanntgegeben und festes Schuhwerk empfohlen. Wer der aktuellen Zeckenhysterie verfallen ist, sollte zusätzlich an lange helle Hosen denken.

„La Strada/ein Landstreich“ | R: Jens Kuklik | WA 18. - 21.9. | Ort nach Ankündigung | 0179 736 78 44

Nele Beckmann

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