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Philine Velhagen
Foto: Christian Knieps

„Wohnraum wird immer knapper“

17. November 2019

Philine Velhagen über „Wohnungsbesichtigung – eine Life-Show“ – Interview 11/19

Eine Wohnung in Neuehrenfeld wird zur interaktiven Livehörspielbühne, das Publikum zu Wohnungssuchenden, und das Rätselraten beginnt: Wo ist die Maklerin? Wer hört was? Warum bilden sich Gruppen? Und vor allem: Wer bekommt denn nun die Wohnung – haben überhaupt alle die gleiche Chance? Die Veranstaltungen von Drama Köln verorten sich im Stadtraum, die experimentelle Theatermacherin Philine Velhagen („I am your private dancer“) verbindet die Mittel des Theaters und des Hörspiels mit gruppendynamischen Prozessen und erforscht die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichkeit.

choices: Philine, wie stellt sich die Wohnungssuche in Köln heute dar?

Philine Velhagen: Um eine Spielstätte für „Wohnungsbesichtigung“ zu finden, mussten wir uns ja selbst auf Wohnungssuche begeben. Drama Köln arbeitet seit 2003 in Leerstand oder Zwischennutzung. In den ersten Jahren, bis ungefähr 2009 oder 2010, war es eigentlich recht einfach, etwas zu finden. Die Vermieter waren da sehr offen. Seitdem wird es immer schwieriger. Zum ersten Mal wirklich gespürt haben wir das, als wir 2013 eine Rezeption für „Hotel Köln“ gesucht haben. Und diesmal war es noch schwieriger. In Köln leben heute fast 100.000 Menschen mehr als vor zehn Jahren. Wohnraum wird immer knapper. Und diese Ressourcenknappheit vergrößert natürlich die Macht derer, die über Raum verfügen. Damit einher geht unsere Beobachtung, dass die Leute heute noch mehr an Profit orientiert sind.


Foto: Justine Oliver

Die Möglichkeiten mit Raum Geld zu verdienen sind so vielfältig – und offenbar so verlockend – dass, obwohl wir natürlich Miete zahlen, kaum noch jemand bereit ist, uns eine leerstehende Wohnung oder ein Haus für ein paar Wochen zu überlassen. Dabei sind wir uns bewusst, dass wir potentiellen Wohnraum vorübergehend dem Markt entziehen. Aus Sicht der Wohnungssuchenden bedeutet die Ressourcenknappheit vor allem Konkurrenz und Selektion. Vor allem all jene, die sich ohnehin schon oft mit Vorurteilen konfrontiert sehen und wenig gesellschaftlichen Einfluss haben, werden dabei buchstäblich immer weiter an den Rand gedrängt. Und diejenigen, die in ihrem Veedel bleiben wollen, aber eigentlich mehr Raum bräuchten, zum Beispiel weil ihre Familie größer wird, werden erfinderisch, bauen ihre Wohnungen um, ziehen Böden und Wände ein, weil sie nichts Größeres und gleichzeitig Bezahlbares finden.

Wie ist die Lage in Neuehrenfeld, was für Wohnungen gibt es da?

Dass wir schließlich in Neuehrenfeld eine Wohnung beziehungsweise ein Haus gefunden haben, war dem Zufall geschuldet. Nachdem wir auf dem offiziellen Weg nicht weitergekommen sind, haben wir quasi unsere „interne Crowd“ aktiviert, Freunde und Bekannte gebeten, unsere Suchanfrage in ihre Netzwerke weiterzuleiten. So sind wir irgendwann dann doch noch zu unserem Aufführungsort gekommen. Er liegt in einer traditionell mittelständischen, bürgerlichen Gegend, in der ein Phänomen weit verbreitet ist, das ebenfalls einen interessanten, man könnte auch sagen tragischen Aspekt der Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt darstellt: In vielen Häusern dort leben ältere Paare oder Witwen, die vor Jahrzehnten als junge Eltern mit ihren Kindern dort eingezogen sind und jetzt nur noch einen Bruchteil der Fläche nutzen. Für deutlich weniger Raum müssten sie aber oft eine höhere Miete zahlen. Und so sind sie in gewisser Weise doppelt in ihren großen Wohnungen oder Häusern gefangen.

Was für besondere Mittel bieten sich dir in einem Live-Hörspiel?

Es schafft eine spezielle Verbindung zwischen Raum und Akustik. Es versetzt uns in die Lage, die Menschen an einen bestimmten Ort zu bringen, der in direktem Bezug zu dem Gehörten steht. Dort können sie sich bewegen, können in Bewegung versetzt werden. Der ganze Körper, alle Sinne sind beteiligt. Das ermöglicht es uns beispielsweise auch, mit Differenzen zwischen dem Gehörten und dem Gesehenen zu spielen. Und das alles, ohne die Eigenheiten des Hörspiels zu verlieren, die Intimität, die man durch akustische Nähe herstellen kann. Zudem haben wir einen beeindruckenden 3D-Sound, der suggeriert dass das Gehörte gerade im Moment um uns herum stattfindet.

Wohnungsbesichtigung – eine Life-Show | 22. - 24.11., 27. - 30.11. je 19.30 Uhr | Neuehrenfeld, Baadenberger Straße, Adresse bei Reservierung | 0163 441 83 23

Interview: Jan Schliecker

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