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Jantine Nierop
Foto: Fotostudio Thomas

„Geschlecht ist eine soziale Konstruktion“

26. Oktober 2017

Theologin Jantine Nierop über das Studienzentrum für Genderfragen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – Thema 11/17 Frau Luther

choices: Frau Nierop, Sie haben Theologie studiert, als Pfarrerin gearbeitet und sind nun Geschäftsführende Studienleiterin des Studienzentrums für Genderfragen der EKD. Bezeichnen Sie sich selbst als Feministin?
Jantine Nierop: Ich bezeichne mich ganz klar als Feministin, aber das Wort hat unglaublich viele Bedeutungen. Ich bin auf keinen Fall eine Differenzfeministin, ich gehe also nicht davon aus, dass Männer und Frauen verschieden sind und vermeintlich weibliche Qualitäten gestärkt werden müssten. Für mich ist Geschlecht größtenteils eine soziale Konstruktion. Und so wie diese in der Gesellschaft wirkt, werden eher Männer privilegiert. Zum Beispiel wird Männern innerhalb dieser Geschlechtskonstruktion eine gewisse Dominanz, Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit zum abstrakten Denken zugeschrieben, während Frauen eher für mütterlich und fürsorglich gehalten werden. Dadurch sind Männer im Vorteil, wenn sie sich um gut dotierte Führungspositionen bewerben. Mir ist es wichtig, diese Konstruktionen als solche zu erkennen, zu analysieren und zu dekonstruieren. Davon profitieren auch Männer, die durch diese Konstruktion zum Beispiel benachteiligt sind, wenn es um das Zeigen und Ausleben von Emotionen geht. Von ihnen wird dann allgemein erwartet, dass sie sich zusammenreißen sollen. Mit solchen Themen beschäftigen wir uns auch im Studienzentrum.

Seit wann gibt es das Studienzentrum und worin besteht dessen Auftrag?
Im April 2014 wurde das Studienzentrum für Genderfragen eröffnet. Es löste das Frauenstudien- und Bildungszentrum (FSBZ) ab, das 1994 vor allen Dingen als Ort für die Vernetzung und Weiterbildung von Frauen gegründet wurde. Das jetzige Studienzentrum hat einen anderen Auftrag. Es rezipiert Gender-Forschungansätze und genderrelevante Modelle, Erfahrungen und Praxisbeispiele für die Organisation Kirche und kommuniziert sie in die kirchliche Praxis. Diese Aufgabe wird von insgesamt drei Studienleiterinnen wahrgenommen. Finanziert wird das Zentrum von der EKD.

Wie waren die Reaktionen auf die Umbenennung und Neuausrichtung?
Es gab kritische Reaktionen, sowohl von sogenannten „Gendergegnern“ außer- und innerhalb der Kirche als auch aus Kreisen, die der Ausrichtung des ehemaligen FSBZ eng verbunden waren. Vielen war es aber auch wichtig, dass innerhalb der Evangelischen Kirche ein Raum entsteht mit der Expertise für Genderfragen, die ja an den Universitäten und in der Gesellschaft diskutiert werden.

Geht es bei der Verbindung von Theorie und Praxis nur um Genderfragen innerhalb der evangelischen Kirche oder hat Ihre Arbeit auch Relevanz für die Gesamtgesellschaft?
Wir haben eine breite Auffassung vom Konzept Gender und befassen uns mit Fragen, die weit in die Kirche und in die Gemeinden hineinwirken. Wir führen verschiedene Projekte durch, das kann ein Projekt liturgischer Art sein, zu Frauen in Führungspositionen oder Hate Speech. Es sind demnach sehr diverse Projekte, die alle mit dem Konzept Gender als sozialer Konstruktion des Geschlechts zu tun haben.

2015 veröffentlichte das Studienzentrum den „Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der evangelischen Kirche“. Wie gleichberechtigt ist die evangelische Kirche denn?
Es gibt in der evangelischen Kirche offiziell keine Positionen, die nur Männern vorbehalten wären. Gleichwohl ist der Frauenanteil auf bestimmten Leitungsebenen gering. In Leitungspositionen auf der mittleren Ebene, angesiedelt zwischen Gemeinde und Landeskirche, beträgt der Frauenanteil EKD-weit 21 %, was deutlich unter dem Frauenanteil unter den Theolog*innen im aktiven Dienst (33%) liegt. Dadurch, dass es keine offiziellen Hürden gibt, ist es aber schwierig, die Ursachen dafür zu finden. Wir untersuchen das derzeit empirisch mit dem Projekt „Kirche in Vielfalt führen“, gemeinsam mit dem Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation in BerlinFraunhofer Center for Responsible Research and InnovationFraunhofer Center for Responsible Research and InnovationFraunhofer Center for Responsible Research and Innovation. Die Ergebnisse werden der EKD-Synode im November 2017 zusammen mit Handlungsempfehlungen vorgelegt, wie die mittlere Leitungsebene attraktiver werden kann, insbesondere für Frauen. Andererseits muss man auch sagen: Selbst mit 21 % auf der mittleren Leitungsebene stehen wir – wenn man mal zum Vergleich in die Wirtschaft oder in die öffentliche Verwaltung schaut – nicht so ganz schlecht da.

Ist die evangelische Kirche denn eine familienfreundliche Arbeitgeberin?
Da gibt es zwei Seiten. Das Gemeindepfarramt ist einerseits familienfreundlich, weil Pfarrer*innen immer von Zuhause arbeiten. Sie leben und arbeiten im Pfarrhaus, sind flexibel und für ihre Familien greifbar. Andererseits zeichnet sich das Pfarramt durch eine Vielzahl und Unvorhersehbarkeit von Terminen aus, die sich oft nur schwer begrenzen lassen. Es gibt keinen Arbeitsvertrag mit einer Arbeitsstundenzahl. Menschen im Kirchendienst, die von außen auf die Ämter in höherer Leitungsebene der EKD schauen, befürchten, dort seien die Belastungen noch viel extremer als im Pfarramt – das hat die Studie „Kirche in Vielfalt führen" empirisch gezeigt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird dort als noch schlechter eingeschätzt, auch weil nicht von Zuhause aus gearbeitet wird. Menschen in diesen höheren Leitungspositionen geben selbst hingegen an, durchaus Spielräume zu haben und es gar nicht so schlimm zu finden. Es gibt demnach auch in höheren Ämtern Gestaltungsspielräume, die besser kommuniziert werden müssen.

Von 20 Landeskirchen werden nur zwei von Frauen geleitet. Macht die evangelische Kirche Frauen den beruflichen Aufstieg besonders schwer?Netzwerke, in denen vor allem Männer präsent sind, könnten eine Rolle spielen. Unsere Studie hat zudem ergeben, dass Bewerbungsverfahren oft nicht transparent ablaufen. Es gibt manchmal informelle Vorentscheidungen. Da werden Kandidaten ausgewählt, die sich dann später den offiziellen Wahlgremien stellen können. Wie diese Entscheidungen zustande kommen, ist für viele Menschen nicht klar. Sie wissen nicht, wie sie überhaupt auf eine Wahl- oder Berufungsliste kommen können und welche Kriterien eine Rolle spielen. Bei den höheren Leitungspositionen ist also noch viel Luft nach oben.

Wie ist das Verhältnis von Frauen und Männern an der ehrenamtlichen Basis in der evangelischen Kirche?
Dort sind zu zwei Dritteln Frauen aktiv. Das ist auffällig, weil es sich in der Gesamtgesellschaft genau umgekehrt verhält, dort sind mehr Männer ehrenamtlich tätig. Bundesweit ist der Anteil von Frauen, die Mitglied in der evangelischen Kirche sind, mit 55 % zwar ebenfalls höher, aber nicht in dem Maße, dass es den Überhang im evangelischen Ehrenamt erklären würde. Es könnte zum einen damit zu tun haben, dass die kirchlichen, ehrenamtlichen Tätigkeiten oft tagsüber stattfinden. Das ist attraktiv für Frauen, die nicht oder in Teilzeit arbeiten. Und in unserer Gesellschaft sind derzeit eben mehr Frauen als Männer nicht berufstätig oder in Teilzeit beschäftigt. Zum anderen sind viele ehrenamtliche Aktivitäten im diakonischen oder sozialen Bereich angesiedelt und mit Qualitäten verknüpft, die vermeintlich als klassisch weiblich gelten, wie z.B. der Umgang mit Kindern. Mir ist es wichtig zu betonen, dass es sich hierbei um konstruierte Zuschreibungen von Weiblichkeit handelt, denn ich selber glaube daran überhaupt nicht.

Haben die Ergebnisse Ihrer Studien faktisch Einfluss auf Reformen innerhalb der evangelischen Landeskirchen?
Ich kann mir gut vorstellen, dass die Ergebnisse der erwähnten Studie „Kirche in Vielfalt führen“ Einfluss haben werden. Es geht darin sehr konkret darum, wie Ämter gestaltet werden müssen für mehr Gleichberechtigung und wie Bewerbungsverfahren ablaufen sollten. Das sind Strukturfragen und es gibt Handlungsempfehlungen zur Verbesserung dieser Strukturen. Die Studie wurde von der EKD-Synode selbst in Auftrag gegeben und ich bin optimistisch, dass die Ergebnisse in der EKD und bis in die Landeskirchen hinein ihren Einfluss entfalten werden.

Wo sehen Sie die evangelische Kirche in Fragen der Gleichberechtigung in zehn Jahren?
Ich hoffe sehr, dass der Frauenanteil in Leitungsämtern deutlich steigt und ich glaube auch, dass wir auf einem guten Weg sind. Jetzt wo die Ergebnisse der Studie vorliegen merken wir, auf welch breites Interesse das stößt. Es besteht der Wille auszuprobieren, welche Maßnahmen im spezifischen Kontext der Landeskirchen am besten wirken.


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zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und engels-kultur.de/thema

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gender-ekd.de | Das Studienzentrum der EKD für Genderfragen erforscht, wie eine Kirche ohne Geschlechterdiskriminierung gestaltet werden kann
evangelischefrauen-deutschland.de | Der Verband Evangelische Frauen in Deutschland e.V. fördert die Arbeit von Frauen in der Kirche

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