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Das Haus, in dem Geschichten reifen

26. Februar 2020

Das Freie Werkstatt Theater ist ein faszinierender Ort der Generationen – Kulturporträt 03/20

Begonnen hat es vermeintlich süß mit einer Bananrenreiferei. Grün wurden die Früchte angeliefert, gelb verließen sie das stattliche Backsteingebäude mitten in der Kölner Südstadt. So ging es in den letzten Tagen vor dem Ersten Weltkrieg zu, als eine Banane so viel kostete, wie die Arbeiter dort am Tag verdienten. Später waren am Zugweg 10 eine Schirmfabrik, eine Schokoladenfabrik, die Redaktion der Musikzeitschrift Spex und die Talkshow von Roger Willemsen Zuhause. Gerne kamen Rio Reiser, Christoph Schlingensief oder Bret Easton Ellis vorbei, allerdings waren die dann schon Gäste des Freien Werkstatt Theaters, dass hier ein Jahr nach seiner Gründung 1977 einzog. Dieter Scholz, ein gestandener 68er, der das Theater über viele Jahre leitete und mit anderen Männern und Frauen aus der Szene ins Leben rief, zählte zu den Erfindern der Kinderläden. Heute gehört das FWT zu den wichtigsten Häusern der freien Theaterlandschaft.

Der Name des Theaters mag schmucklos klingen, aber er ist Programm. So erinnert Gerhard Seidel, der gemeinsam mit Guido Rademachers den Kurs des Hauses vorgibt, daran, dass „das Herz des FWT in der Kunst- und Lebenspraxis“ schlägt. Seit 1978 gibt es das Altentheater mit eigenem Ensemble, das seine Produktionen nicht an vorgegeben Stücken, sondern der unmittelbaren urbanen Realität ausrichtet. „Ältere Menschen sollen in der Öffentlichkeit einen Ausdruck für ihre Lebenswirklichkeit finden“, erklärt Guido Rademachers. So entstand etwa die Inszenierung „Ausgetrickst“, in der praktisch gezeigt wird, wie man verhindern kann, auf den „Enkeltrick“ hereinzufallen. „Wir wollen das Theater zeigen, das wir uns erarbeitet haben“, sagt Gerhard Seidel und betont den Werkstatt-Gedanken. Es wird experimentiert, und das auf allen Ebenen. So waren es immer wieder Regisseure aus Stadt- und Staatstheatern, die den verkrusteten Hierarchien dieser Institutionen entflohen, um im FWT zu inszenieren.

Zu den interessantesten kulturellen Orten der Domstadt gehört das FWT auch deshalb, weil es alle Generationen im Blick hat. Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Lavinia Branistes Roman „Null Komma Irgendwas“ wird das komplizierte Leben der Dreißigjährigen zwischen Job und Clubnächten entfaltet. Mit der Uraufführung von „Hieronymus“ bietet man ein bildstarkes Kunstwerk für Kinder. In der aktuellen Produktion „Revolt. She Said. Revolt Again“ ist es die sexuelle Gewalt, deren Auswirkungen ein weibliches Ensemble unter Leitung von Killer&Killer in den körperlichen und sprachlichen Strukturen der heutigen Gesellschaft nachspürt. Die nächste Premiere gehört den „Verschwindenden Orten“. Menschen aus dem Braunkohlerevier werden auf der Bühne von ihrer weg gebaggerten Heimat erzählen. „Sie finden hier einen Ort, an dem sie über ihre Trauer sprechen können“, sagt Guido Rademachers und es wird nicht bei einer Inszenierung bleiben, Ausstellung und Symposium zum Thema folgen. Über die Geschichten findet man zur Ästhetik, eine Methode, die das FWT nah an der Realität unserer Tage hält.

Thomas Linden

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