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Wild Horse Nine

Wild Horse Nine
Großbritannien, USA 2026, Laufzeit: 118 Min.
Regie: Martin McDonagh
Darsteller: Sam Rockwell, John Malkovich, Steve Buscemi

Warmherziges Agentendrama mit scharfem Witz

Washington Bullets
„Wild Horse Nine“
von Martin McDonagh

Eine weitreichende Inspirationskette führte Martin McDonagh ("Three Billboards Outside Ebbing, Missouri") zu seinem neuesten Werk: Vor zwölf Jahren verschlug es ihn auf die entlegenen Osterinseln im Südpazifik: Rapa Nui. Hier, dachte McDonagh, möchte ich einen Film ansiedeln. Bloß was für einen? Jahre später erinnert sich der irische Regisseur an den Song „Washington Bullets“ von The Clash, den er als Jugendlicher gehört hatte – und der seinen kritischen Blick auf die Weltpolitik weckte. Dieser Song nun war der Schlüssel. Dass „Wild Horses Nine“ zusätzlich von einem seiner eigenen Werke inspiriert ist, erläutert der Regisseur nicht, es ist aber offensichtlich: Auch in seinem Erstling, dem Gangsterdrama „Brügge sehen… und sterben?“, werden zwei Profikiller von ihrem Chef in einen beschaulich entlegenen Ort beordert – und schon bald steht das Vertrauen auf dem Spiel.

18 Jahre später nun nimmt das alles allerdings weitaus größere Dimensionen ein: Diesmal bekommen wir es mit den CIA-Agenten Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) zu tun. Die werden 1973 von ihrem Boss (Steve Buscemi) aus Chile abberufen und auf die Osterinseln abgestellt. Während Chile vor dem Militärputsch steht, richten sich die zwei Agenten ein. Chris ist alt, abgeklärt und macht aus seinem Geheimdienst kein Geheimnis – das nimmt ihm aber sowieso niemand ab. Infantil und gefährlich zugleich, leidet er darüber hinaus unter Anzeichen von Demenz. Nicht gut für einen Agenten. Lee indes steht beruflich unter Druck, seine Familie macht ihn erpressbar. Während sich die Situation in Chile zuspitzt, steht bald die Freundschaft der Männer auf dem Prüfstand. Und dann ist da noch diese JFK-Geschichte.

Erst letzten Monat behandelten wir im Vorspann den „Geist des Ortes“. McDonagh reiht sich nahtlos ein in die Riege jener Filmemacher, die auch über den markanten Handlungsort von den Figuren erzählen. Das galt bereits für das mittelalterliche Labyrinth in „Brügge sehen… und sterben?“, das galt für die raue, abgeschiedene Insel in „The Banshees of Inisherin“, und das gilt auch jetzt für „Wild Horses Nine“ – wieder eine Insel, nur weit, grün, hell und offen. Offen für den Blick. Und natürlich geprägt von den Moai Maea, den beeindruckenden Steinstatuen, die sich hier zu Hunderten über die Insel verteilen. Vermutet wird, dass sie Häuptlinge und Ahnen darstellen und das Diesseits mit dem Jenseits verbinden. Eigentlich zieht es Chris nach Venedig. Auch so ein Ort zwischen Dies- und Jenseits. Doch nun ist er hier mit Lee gestrandet, fühlt sich wilden Pferden verbunden, warnt junge Frauen vor uniformierten Männern, verfasst Postits wider die Vergesslichkeit, schaut zurück aufs Leben und voraus in den Tod.

Vordergründig tut McDonagh, was er bereits mehrfach trefflich umgesetzt hat: Er macht einen Männerfilm bzw. einen Film über Männer, den auch Frauen mögen. Ein komisch tragischer Film über Freundschaft, Tod, Vertrauen, Verrat. Charmant getragen von Melancholie und großartigem, scharfem Witz. Eine warmherziges Agentendrama. Zugleich aber auch bissige Satire, die den blutigen Zynismus von Politik und Geheimdienst vorführt – Washington Bullets! Zugleich darf man besorgt darüber grübeln, was eigentlich mit Agenten passiert, die dement sind – was ja durchaus mal zur Folge hat, dass man ungefiltert aus dem Nähkästchen plaudert. Ja, „Wild Horses Nine“ ist auch ein erfrischend anderes Demenz-Drama.

Während Malkovich und Rockwell brillieren, gelingt Stammkameramann Ben Davis, der hier überwiegend digital filmt, mit Farb-Umkehrfilm, Farbanpassung und Baltar-Objektiv ein Look, der ganz wundervoll die Filmästhetik der frühen Siebziger trifft. Und McDonagh? „Brügge sehen… und sterben?“ war bereits ein beseeltes Meisterstück. Jetzt, 18 Jahre später, ist der Filmemacher spürbar gereift.  Überhaupt bildet seine Filmografie den Spiegel permanenter Reifung. Wäre „7 Psychos“ vor „Brügge“ entstanden, wäre das Bild noch stimmiger. Aber eine Groteske zwischendurch darf ja auch mal sein. Vielleicht beim nächsten Mal wieder? In Venedig?

(Hartmut Ernst)

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