Was ist schwarzweiß-schwarzweiß-schwarzweiß-schwarzweiß? Nun, gemäß Woody Allen: eine Nonne, die die Treppe runterfällt. Aber natürlich auch, zumindest in weiten Teilen: Die Internationalen Stummfilmtage in Bonn.
Es sind Veranstaltungen wie diese, die dafür sorgen, dass sich der Stummfilm mit musikalischer Livebegleitung wachsender Beliebtheit erfreut – sowohl bei Kinobesuchern und Cineastinnen als auch beim Fachpublikum. Der frühe Film ist nicht bloß historisch wertvoll. Der frühe Film ist und bleibt Inspirationsquelle des aktuellen Kinos, ist Zitat, ist stilistisches Vorbild, wird mit Oscar-Preisträgern wie „The Artist“ gehuldigt, inspiriert Robert Eggers zur Neuauflage eines „Nosferatu“ oder ziert aktuelle Wundertüten wie „Resurrection“. Das Publikum darf staunen, wenn es im Arkadenhof in Nostalgie und Retrofeeling badet und Zeuge davon ist, womit einst alles anfing. Und wenn es einem Filmabend beiwohnt, der durch die musikalische Begleitung zusätzlich Live-Charakter erhält – etwas, das dem zeitgenössischen Kino grundlegend abgeht. Mit Oboe, Schlagzeug, Violine, Harfe, mit Flügel, Xylophon oder Cello, ob analog oder elektronisch, in Komposition oder Improvisation geben sich in Bonn, am Fuße der Leinwand, internationale Musiker:innen ein Stelldichein. Magisch.
Die Stummfilmtage präsentieren ihre Filme traditionell auf der 130-Quadratmeter-Leinwand im Arkadenhof der Bonner Universität, bei freiem Eintritt auf Spendenbasis. Die Projektoren sind im Hinblick auf Bildformat, Untertitelung, Überblendbetrieb und stufenlos regelbarer Geschwindigkeit speziell auf die restaurierten Filmjuwelen ausgerichtet. Ein großer Teil des Programms wird zudem online gestreamt.
Was aber erwartet uns in diesem Jahr auf der Leinwand? Bewährt präsentieren die Kurator:innen Eva Hielscher und Oliver Hanley mit dem Förderverein Filmkultur Bonn e.V., Veranstalter des Festivals, einen Ritt durch die Genres, zeigen Klassiker, vor allem aber vieles, was (neu) entdeckt werden will. Zum Auftakt wird ein Klassiker frisch aufbereitet: Der schwedische Zweiteiler „Gösta Berlings Saga“ wurde einst auf einen Film herunter gekürzt und seiner kunstvollen Viragierung, sprich: Einfärbung, beraubt. Die restaurierte Fassung nun nähert sich hier der Originalfassung wieder an und, von wegen nur schwarzweiß, stellt die Viragen wieder her. Turbulent wird’s andernorts mit der slapstickreichen Musicaladaption „Kid Boots“, in „Should Men Walk Home“ glänzt Slapstick-Pionierin Mabel Nomand, und Buster Keaton darf auch nicht fehlen („The Love Nest“). Augenzwinkernd schaut die Kurzsatire „The Life and Death of 9413: a Hollywood Extra“ auf Hollywood, von Lewis Milestone („Im Westen nichts Neues“) stammt die Verwechslungskomödie „Der Garten Eden“, und die tschechoslowakische Crossdressing-Komödie „Das Mädel mit dem Männertyp“ jongliert munter mit Geschlechterrollen.
„Die Göttliche Komödie nach Dante Alighieri“, Foto: Cineteca die BolognaDie indische Produktion „Béhula“ entführt uns ins Reich der Schlangenkönigin Manasa, nicht minder fantastisch geht es in „Die Göttliche Komödie nach Dante Alighieri“ zu, der uns direkt in die Hölle begleitet. Spannend wird es, wenn eine Ehefrau (Ellen Richter) unschuldig wegen Mordes an ihrem Mann angeklagt wird („Schatten der Weltstadt“). Der sowjetische Beitrag „Der Mantel“ ist inhaltlich inspiriert von dem ukrainischen Schriftsteller Hohol‘ und orientiert sich stilistisch am deutschen Expressionismus. „Guo Feng“ aus China propagiert einen tugendhaften Lebensstil. Staunen darf man über „Wunder des Meeres“, eine Dokufiction des Engländers John Ernest Williamson, Pionier der Unterwasserfotografie. Der Erste Weltkrieg wird als Double-Feature behandelt: „Soldier Man“ und „Dr. Bessels Verwandlung“. Interessant: Der stargespickte „Die große Sehnsucht“ ist an sich ein früher Tonfilm, wird hier aber in der stummen Fassung gezeigt, die seinerzeit für Kinos erstellt wurde, die technisch noch nicht umgerüstet waren. Experimentell und Dada wird es dann noch mit „Entr’acte“, ein Zwischenspiel fürs Ballett, mit dem René Clair zu provozieren gedachte. Und das jüngere Publikum darf sich auf „ Bubis Locken“ freuen, ein Abenteuer der Bubi-Filme, die Hanna Henning zwischen 1915 und 1924 produzierte.
(Nicht nur) für den Nachwuchs ist auch das Rahmenprogramm interessant: Bei der interaktiven Veranstaltung „Stummfilme selbst vertonen“ wird man selbst zum Geräuschmacher. Außerdem wird noch der Kinderfilm „Sein eigener Robinson“ im LVR-Landes-Museum präsentiert. Dann gibt es noch zwei von Filmen flankierte Buchvorstellungen: Hier steht zum einen die österreichisch-jüdische Schauspielerin Ellen Richter im Fokus, zum anderen, „Weimar weiblich“, vier Regisseurinnen der Weimarer Republik.
Von wegen schwarzweiß. Alles ganz schön bunt hier!
42. Bonner Sommerkino – Internationale Stummfilmtage | 13. - 22.8. | Arkadenhof Uni Bonn | Stream: https://stummfilmtage.culturbase.org/ | Eintritt frei. Das Festival ist auf Spenden angewiesen.
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