
Past Lives – In einem anderen Leben
USA 2023, Laufzeit: 106 Min., FSK 0
Regie: Celine Song
Darsteller: Greta Lee, Yoo Teo, John Magaro
>> www.studiocanal.de/title/past-lives-in-einem-anderen-leben-2023/
Drama um gelebte und ungelebte Leben
Schicksalshafte Wegegabelungen
„Past Lives – In einem anderen Leben“ von Celine Song
Die beiden Grundschüler Hae Sung und Young Na sind unzertrennlich, bis die Eltern von Young Na von Seoul nach Kanada ziehen. Der Kontakt zwischen den beiden reißt ab. Zwölf Jahre später hat Hae Jung seinen Wehrdienst absolviert und studiert Ingenieurwesen. Young Na, die sich inzwischen Nora nennt, hat als junge Autorin ein Stipendium in New York erhalten. Da erfährt sie, dass Hae Jung, den sie beinahe vergessen hatte, sie über das Internet sucht, sie wegen ihres neuen Namens aber nicht finden konnte. Sie nimmt Kontakt zu ihm auf ...
Mit sentimentalem Grundton, aber nie kitschig, erzählt Celine Song die autobiografisch gefärbte Geschichte ihres Regiedebüts. Song stammt selber aus Korea und ist wie ihre Protagonistin mit zwölf Jahren mit ihren Eltern von Seoul nach Toronto gezogen. Auch ein spätes Wiedersehen mit einer Jugendliebe aus Seoul gibt es in ihrem Leben. Und nicht zuletzt ist sie wie ihre Protagonistin Nora Dramaturgin. Die ist sehr zielstrebig in ihrem Leben. Als Kind sagt sie zu Hae Sung, dass sie einmal den Literaturnobelpreis gewinnen will. Zwölf Jahre später, als die beiden ihre Freundschaft per Bildschirm wieder aufnehmen, ist es dann „nur“ noch der Pulitzer Preis. Und weitere zwölf Jahre später, als sie sich das erste Mal nach 24 Jahren wieder wirklich gegenüber stehen, hat Nora ihr Lebensziel noch einmal downgegraded, erscheint aber dennoch sehr selbstbestimmt und selbstsicher in ihrem Handeln. Doch diese Selbstsicherheit bekommt durch die Ahnung eines anderen Lebens und einer anderen Liebe, die sich ohne den frühen Umzug ergeben hätte können, Risse.
„Past Lives“ erzählt die Geschichte der Begegnung zweier Menschen auf drei Zeitebenen, die jeweils 12 Jahre auseinander liegen. Der Film ist nicht nur wegen dieser enormen Zeitspanne keine klassische Boy-meets-Girl-Story. An einem lauen Sommerabend erzählt Nora im Garten einer Artists-Residency Arthur, einem anderen Stipendiaten, von dem koreanischen Begriff In-Yun. Es bedeutet in etwa Vorsehung, Fügung oder Schicksal und meint dieses merkwürdige Gefühl, wenn man ein anderes Leben nur kurz streift und dennoch gleich glaubt, sein Gegenüber sehr gut zu kennen – wie eine verwandte Seele, die man aus einem vorherigen Leben kennt. Als Arthur fragt, ob das bei ihm auch der Fall sei, winkt sie ab: das würden Koreaner eh nur sagen, um zu flirten. Gesagt getan … Aber die Idee des In-Yun lässt sie nicht mehr los – und auch den Film nicht.
„Past Lives“ wurde schon mehrfach mit Richard Linklaters „Before …“ Trilogie verglichen. Ein Vergleich ist alleine schon wegen der Thematik und der Gliederung in drei Zeitebenen unvermeidlich. „Past Lives“ muss sich hinter diesem zugegebenermaßen großen Vergleich nicht verstecken. Celine Song gelingt es mit ihrem gefühlsmäßig beinahe schwebenden Film eine lebensphilosophische Tiefe einzufangen, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. Dank der tollen Darstellung von Teo Yoo als Hae Sung („Die Frau im Nebel“), John Magaro als Noras Mann Arthur („First Cow“; „The Umbrella Academy“) und allen voran Greta Lee als Nora, die bislang vor allem in Serien zu sehen war und jede einzelne, noch so große Gefühlsregung mit minimaler Mimik zu spiegeln weiß. Der antiguanische Kameramann Shabier Kirchner, der zuletzt alle fünf Filme von Steve McQueens „Small Axe“-Reihe drehte, fängt die melancholisch schwebende Stimmung der Figuren kongenial ein. Dabei geht es nicht unbedingt konkret um Liebe, sondern eher um die bestürzende Erkenntnis, dass man mit jedem Leben, das man lebt, ein anderes Leben nicht lebt und entsprechend ein durch dieses andere Leben geformtes Ich nie sein wird. Insofern kann man auch eine Verwandtschaft zu dem letztjährigen Überraschungshit „Everything Everywhere All at Once“ sehen, der emotional und ästhetisch dann aber doch das genaue Gegenteil des ruhigen, reflektierten und von Melancholie getragenen „Past Lives“ ist. Nicht zuletzt das Finale ist hier von dem wahrhaftigen Moment inspiriert, in dem Marina Abramovic 2010 im MoMa während einer Performance unvorbereitet auf ihre ehemalige Liebe Ulay traf. Spätestens am Ende entfaltet der Film seine im Mark erschütternde Emotionalität mit voller Kraft.

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