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No Other Choice

No Other Choice
Südkorea 2025, Laufzeit: 139 Min., FSK 16
Regie: Park Chan-wook
Darsteller: Lee Byung-Hun, Ye-jin Son, Park Hee-Soon
>> tickets.plaionpictures.com/no-other-choice

Meisterliche komische Tragödie

Im Krieg
„No Other Choice“
von Park Chan-wook

Als ein Familienvater in die Arbeitslosigkeit rutscht, ermittelt er Mitbewerber auf den nächsten Job und schaltet sie aus. Das stellt nicht bloß den Beruf des Headhunters in ein neues Licht, sondern sichert dem Protagonisten auch die Zukunft. Der französische Regisseur Costa-Gavras („Z“) hat das Buch „Die Axt“ des Amerikaners Donald E. Westlake aus dem Jahr 1997 bereits 2005 in eine Thriller-Groteske gegossen. Westlakes sozialkritischer Roman hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Eher im Gegenteil, denkt sich Park Chan-wook („Lady Vengeance“, „Die Frau im Nebel“) und adaptiert den Stoff nun erneut, was zum einen von großem Irrwitz getragen wird, zugleich aber auch eines ist: Tragödie.

Der südkoreanische Filmemacher hat bereits 2003 mit „Oldboy“ nachvollzogen, wie die Bestie aus dem Menschen herausbricht. So auch hier. Nur ist das Motiv diesmal nicht Rache, sondern drohender Wohlstandsverlust. Wir dürfen diesmal also allesamt Angst vor uns selbst bekommen: Man-su (Lee Byung-hun) bildet mit seiner Frau Mi-ri (Son Ye-jin), zwei Kindern und zwei Hunden die friedfertige bürgerliche Bilderbuchfamilie. Bis er plötzlich vor dem Nichts steht, als ihm seine Firma in Folge von Umstrukturierungen kündigt. Sicherheiten schwinden, das Selbstbewusstsein krankt, schon bald steht das Haus vor der Zwangsversteigerung. Als Mi-ri beiläufig fragt, warum der Job-Rivale nicht einfach vom Blitz getroffen werden kann, setzt sie ungeahnt Impulse: In Man-su keimen fortan Abgründe. Eine (viel zu) kleine Topfblume ist nur der Beginn einer mörderischen Odyssee, mit der sich das Familienoberhaupt zurück in gute Zeiten zu rücken gedenkt. Nur: So ein Mord will erst einmal begangen werden.

Wir sind nicht als Killer geboren, vermittelt uns Park nicht zum ersten Mal – wir werden zu Killern gemacht. Durch eine Verletzung, durch Rachsucht, durch eine Entscheidung von oben. Und wer einmal falsch abbiegt, dem verspricht rasch nur noch die Bluttat selbst Erlösung. Zumindest an der Oberfläche, denn nach der Bluttat und vor der Erlösung braucht es jede Menge Verdrängung und Vergessen. Aber darin ist der Mensch ja gut geübt. Die Reise hin zur Erlösung ist mal geprägt von Schwere, oder, wie hier, von Irrwitz. Drei Morde sind es, die der Protagonist auf dem Zettel hat. Und Park serviert derlei groteske Tötungsdelikte, dass selbst die erprobte Leinwand munter schnappatmet. Parks Held stolpert dabei anfangs noch wie Inspektor Clouseau durch den Wald, zögert mit der Hand am Abzug und braucht Glück und Beihilfe zum Geleit, bevor er zunehmend durchtrieben, enthemmt und verstörend zur Tat schreitet. Die Bestie ist raus, der Killer erwacht. Völlig irre. Grotesk. Verstörend. Großartig.

Für gewöhnlich erzählt Park „einfache Geschichten auf komplizierte Weise“, resümiert Lucas Barwenczik treffend im Podcast. Parks neuestes Werk indes ist diesmal gar nicht so kompliziert. Es ist vielmehr gradlinig erzählt und vor allem heiterer als der Großteil seiner Filme. So komisch sein neues Drama auf den ersten Blick anmutet, so sehr zieht es uns in seinen Bann. Zum einen, weil Park Chan-wook wie üblich dadurch überzeugt, wie er die Dinge in Szene setzt: Bildgestaltung (Kim Woo-hyung), Montage (Kim Ho-bin, Kim Sang-beom), Rhythmus, Spannungsbogen – Park schafft erneut eine elegante Gesamtkomposition. Zum anderen ist „No Other Choice“ zwar nicht kompliziert, aber komplex. Wenn Park Männlichkeit und Seele seziert, wenn er Machtmechanismen bloßlegt und Gewalt diskutiert. Wenn Park den Schulddiskurs entfacht.

Park liest nicht bloß Seelen. Er liest den Menschen. Er liest die Familie. Er liest die Gesellschaft. Bong Joon-hos „Parasite“ erzählte überspitzt von der Kompromisslosigkeit, die eine Familie für den Aufstieg im wachsenden sozialen Ungleichgewicht eingeht. „No Other Choice“ legt dar, dass derlei Muster ebenso für Abstiegsängste gelten. Und das zeichnet Park bis hinein in den Epilog mal turbulent, meist tragisch. Ein prächtig gestalteter, böser Spaß.

(Hartmut Ernst)

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