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Feminismus unter Druck
Foto: Alexander Schneider

„Feminismus mit dem Ziel einer linken Bewegung verbinden“

29. September 2016

Philosophin Judith Butler über den Gender Backlash – Thema 10/16 Frauenrecht

Judith Butlers Arbeiten zu feministischer Theorie wurden weltweit beachtet. 1990 stieß sie die Diskussion um die Queer-Theorie an. Seit 2002 befasst sie sich mit der Ethik der Gewaltlosigkeit. Im Juni 2016 hatte sie die Albertus-Magnus-Professur an der Universität zu Köln inne.

choices: 1991 veröffentlichte Susan Faludi das Buch „Backlash – the Undeclared War against American Women“. Wie hat sich die Situation von Frauen seither verändert?
Judith Butler: Es hängt davon ab, ob Sie nach Frauen in Europa, den USA oder anderswo in der Welt fragen. Und ob wir von Frauen mit oder ohne Privilegien der Rasse und sozialen Klasse sprechen. Ich bin nicht sicher, ob wir von Frauen im Allgemeinen sprechen können. Weiterhin sollten wir Transgender-Frauen einschließen. Die Kategorie „Frauen“ ist sehr viel komplizierter und umstrittener, als irgendjemand gedacht hätte. Natürlich besteht ein Backlash gegen den Feminismus. Er wird oft als strafende oder sogar sexfeindliche Bewegung betrachtet, aber es handelt sich um falsche und erniedrigende Ansprüche. Es ist zweifellos wichtig für den Feminismus, sich erneut als Bewegung einzuführen, die leidenschaftlich nach Freiheit und Gleichheit strebt.

Die Situation von Frauen an Universitäten war nicht zufriedenstellend – kommt nun der Gender Backlash erschwerend hinzu?

Judith Butler
Foto: (c) University of California, Berkeley.

Personeninfo: Judith Butler lehrt Rhetorik und Komparatistik an der University of California, Berkeley. Ihre Arbeiten zu feministischer Theorie wurden weltweit beachtet. 1990 stieß sie die Diskussion um die Queer-Theorie an. Seit 2002 befasst sie sich mit Ethik der Gewaltlosigkeit. Juni 2016 hatte sie die Albertus-Magnus-Professur an der Universität zu Köln inne.

Einerseits ist richtig, dass Frauen an den europäischen Universitäten in einer Art und Weise aufgestiegen sind, die früher nicht möglich, nicht denkbar war. Andererseits ist die Universität vermutlich immer noch männlich, mit möglichen Ausnahmen. Auch hier müssen wir klären, ob wir über Deutschland sprechen und wenn ja, über welche Universitäten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir generalisieren können.

Woran kann man den Backlash feststellen?
Ich denke, den Backlash kann man an seiner fundamentalen Motivation feststellen: Abneigung. Wenn Frauen in hohe Positionen aufsteigen, bedeutet das nicht gleichzeitig, dass Männer ausgeschlossen werden? Sie grollen wegen des Verlustes ihrer Privilegien und schlagen aus. Es ist wichtig, das „Schlagen“ im Wort „Gegenschlag“ zu bemerken.

Einerseits beklagen Verantwortliche an Universitäten, dass sich nicht genügend qualifizierte Frauen bewerben würden, andererseits erleben Frauen, dass sie trotz hoher Qualifizierung nicht genommen werden. Hat sich daran etwas verändert?
Die Barriere im akademischen Bereich zu durchbrechen war eine der schwierigsten Herausforderungen für Frauen. Wissenschaft wird für eine männliche Angelegenheit gehalten, und Frauen, die sich darin betätigen, werden als vermännlicht oder Ausnahme betrachtet. Man muss daran erinnern, dass Wissenschaft auch eine soziale Institution ist und ihre Mitglieder aufgrund nichtwissenschaftlicher Faktoren ausgewählt werden. Deshalb argumentieren manche, dass die Diskriminierung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb Zeichen einer andauernden Irrationalität ist.

Was müsste sich ändern, damit mehr Frauen an den Unis die Karriereleiter hinaufsteigen?
Vielleicht sollten wir das Prinzip einer „Leiter“ überdenken. Vielleicht müssen wir darüber nachdenken, wie Universitäten auf dem Prinzip der Gleichheit organisiert werden können. Der Punkt ist nicht, Frauen an der Spitze der Hierarchie zu etablieren, in denen andere dann die niedrigen Ränge besetzen. Es sollte mehr Wertschätzung, Entlohnung und Quoten geben. Dies könnte ein Weg sein, um an der Uni Gleichheit und Würde zu verankern.

Als Karrierehemmnis wird oft genannt, dass der berufliche Aufstieg in den 30ern stattfindet, wenn Frauen Kinder bekommen. Gleichzeitig müssen Jung-Wissenschaftler lange in prekären Verhältnissen arbeiten. Dies können Frauen kinderbedingt oft nicht durchstehen. Wie kann das Problem gelöst werden?
Nicht alle Frauen sind verheiratet oder haben Kinder – jene, die außerhalb der sozialen Form von Ehe und Reproduktion leben, sind genauso Gegenstand von Diskriminierung. Die prekäre Arbeit im akademischen Bereich betrifft alle Frauen – manche mit reproduktiver Tätigkeit, manche ohne. Es stimmt, dass wissenschaftliche Karrieren aus verschiedenen Gründen nicht fortgesetzt werden können, und es sollte nicht bestraft werden, dass das Leben manchmal den kontinuierlichen Karriereverlauf unterbricht.

Warum hat sich die Situation von Frauen nicht substantiell verbessert, obwohl es Gleichstellungsbeauftragte, Gender Studies, Frauenförderprogramme etc. gibt?
Der Prozess verläuft ungleichmäßig. Je mehr Schritte unternommen wurden, umso mehr Reaktionen rief es hervor und wurde zum umstrittenen Feld. Da Gender Studies international Beachtung fanden, gibt es heute kaum noch eine Universität, die sie nicht integriert hat. Manche sind darüber erzürnt und möchten das rückgängig machen. Dies muss man als permanenten Konflikt verstehen. Das von Sabine Hark und Paula-Irene Villa herausgegebene Buch „Anti-Genderismus:Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen“ ist die wichtigste Analyse in Deutschland in den letzten Jahren.

Gender Backlash betrifft die ganze Gesellschaft. Feministische Ziele werden angefeindet. Wie erleben Sie diese Entwicklung?
Viele Menschen können heute ihre Geschlechtlichkeit frei leben, während es gleichzeitig starke Reaktionen gegen die neuen Freiheiten gibt. Wenn man sich die feministischen Ziele im Kontext der Queer- und Transgender-Bewegung ansieht, erhält man ein komplexeres Bild.

Was können Frauen gegen diese Entwicklung tun?
Frauen müssen Koalitionen quer durch Rassen und Klassen sowie mit der Queer- und Transgender-Bewegung bilden und ihren eigenen Kampf für Gleichheit und Freiheit mit dem größeren Ziel einer linken Bewegung verbinden. Es ist wichtig, sich jenseits der begrenzten Ziele einer (Geschlechter)Identität zu begeben und sich größeren Bewegungen anzuschließen.

Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?
Lernen, mit Weisheit zu kämpfen und es nicht alleine zu tun.

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Aktiv im Thema

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www.dab-ev.org | Deutscher Akademikerinnenbund e.V., einer der ältesten Frauenverbände Deutschlands, setzt sich für die Förderung von Frauen und ihre Gleichberechtigung in Familie, Beruf und Politik ein

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