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Fabian Hagen, Berit Jentzsch, Leonard Dick und Maria Helgath (v.l.n.r.)
Foto: Florian Krauss

„Widersprüchlich und divers“

13. Oktober 2021

„Chöre des Spekulativen“ im Freien Werkstatt Theater – Prolog 10/21

Black Lives Matter, Fridays for Future, #MeToo – alle diese Labels stehen für Bewegungen Gleichgesinnter. Niemand käme allerdings auf die Idee, sie deshalb Kollektive oder Chöre zu nennen. Doch was könnte heute noch Gemeinsamkeit stiften? „Chöre des Spekulativen“ nennt Regisseur Sebastian Blasius seine neue Produktion, die sich auf doppelte Weise mit der Frage beschäftigt, was uns zusammenhält. „Der Chor ist immer schon widersprüchlich und divers und taugt nicht zum Repräsentanten für die Nation oder eine Klasse“, sagt Sebastian Blasius, der sich dem Chor „in Form einer Suchbewegung“ genähert hat.

Zusammen mit seinem Team hat Sebastian Blasius neun außereuropäische Autoren aus Jordanien, Brasilien, China, der Türkei, Marokko, Burkina Faso, Griechenland und Deutschland gebeten,neue Chöre in Stücke des europäischen Kanons hineinzuschreiben. Stücke, die fast durchweg bisher ohne Chor auskamen und eher dem bürgerlichen Individuum Raum gaben. Diese Implementierung führt zu erstaunlichen Resultaten – und zwar sowohl hinsichtlich des Kollektiven, wie auch im Blick auf die kanonischen Stücke von Sophokles, Schiller, Molière oder Shakespeare. Da mischen sich in die Handlung von „Kabale und Liebe“ plötzlich chatartige Stimmen mit allem möglichen Trash, wie man das aus Streamingformaten kennt; eine Liebesszene aus „Der Sturm“ wird mit einer Textfläche überflutet, die Frauenbilder aus dem Frühkapitalismus heraufbeschwört; eine Petition, die sich für Frieden und Verständigung mit der PKK einsetzt, ersetzt wiederum die Chöre der „Antigone“.

Die sechs Performer verdichten die ausgewählten Texte zu einer Installation, die auf die Textauswahl wiederum mit eigenen theatralischen Mitteln, vom chorischen bis zum solistischen Sprechen, von der choreographischen Gruppenbildung bis zur Vereinzelung antwortet. Sebastian Blasius will die Produktion nicht als Infragestellung unseres Kanons und einer utopischen Beschwörung des Kollektiven verstanden wissen, sondern als „Neuperspektivierung von Bekanntem“, das „Chöre im Konjunktiv“ zeige. Bisher war die Produktion nur im Stream zu sehen, mit der Aufführung im Freien Werkstatt Theater folgt nun endlich die Analog-Premiere.

Chöre des Spekulativen | R: Sebastian Blasius | 18. - 20.11. | Freies Werkstatt Theater | 0221 32 78 17

Hans-Christoph Zimmermann

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