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„Theater_frei“: Erika Jell und Felix Mauser mit Annette Frier
Foto: Jan Schliecker

Teures Pflaster

01. Oktober 2018

„Theater_frei“ mit Annette Frier im Theater der Keller – Bühne 10/18

„Wir müssen raus.“ Heinz Simon Keller hat es längst eingesehen, sein Ende Juli 2019 zu räumendes Theater „unterstützt die dringend notwendige Bereitstellung von hochwertigem Wohnraum in Köln“, steht im Programm. Mit einer Mischung aus „Wut und Wehmut“ hat er seine Jacke schon an und gibt sich gefügig, denkt an das größere Ganze. „Unser Besitzer hat reagiert auf die Wohnungsnot hier in Köln“, auch Keller trägt mit der monatlichen „Spezialserie“ seinen Teil bei. Ein großes Publikum ist da, trotz laufender Proben zu „Ralph Siegel – Das Musical“ den bald frei werdenden Theater-Raum zu besichtigen, dessen Bühne bereits mit einer „Mustertoilette“ – ein großes Badezimmer – ausgestattet ist.

Dahinter steckt auch ein soziales Anliegen: „Wir wollen die Prominenten in Köln halten.“ Nach der unterbrochenen Katja-Epstein-Nummer „Theater“ der klamaukigen Schauspielschülerin Erika Jell erscheint die abgehobene Annette Frier, die jetzt in Berlin zu leben scheint, früher aber hier gelernt und gespielt hat, zur Wohnungsbesichtigung und ist zunächst etwas schockiert vom Stand der Dinge. Der Makler Herr Berger (Felix Mauser) verspricht, indem er über die Zuschauerreihen gestikuliert: „Das kommt alles weg.“ Der wohnungslose, unterbezahlte Keyboarder (Luis Stamm), der am Theater aushilft und dessen Musical nun doch nicht mehr zur Aufführung kommt, erfährt von Frier: „Es gibt ab 1.800 super Zimmer hier.“


Theaterleiter Heinz Simon Keller als „Ansager“
Foto: Meyer Originals

Der Titel des Abends ist von „Zimmer frei“ abgeleitet, jener jahrzehntelang in Köln produzierten WDR-Sendung, deren Co-Moderatorin Christine Westermann am 28. Oktober der nächste Gast sein wird. Doch der halbimprovisierte Start mündet übergangslos in einem längerem Gespräch mit Frier, für das sich der Makler in einen neugierigen Felix Mauser zurückverwandelt. Frier war 2001 bei „Zimmer frei“ zu Gast, das war noch zu „Wochenshow“-Zeiten, die sie heute als ihr „zweites Praktikum“ bezeichnet. Das erste? Die in Berlin produzierte Serie „Hinter Gittern“, nach drei Jahren Schauspielschule. „Weil man da so vor sich hinspielt den ganzen Tag und lernt, was es eigentlich ist, mit Kamera zu arbeiten. Wir haben eine Woche gehabt, 45 Minuten zu produzieren. Und das war auch teilweise sehr schlimm im Ergebnis. Aber ich wusste danach, wie die Abläufe sind.“ Dort lernte sie auch die Vorteile des Fernsehens kennen: „Ich war das ersten Mal nach Jahren schuldenfrei.“


Foto: Jan Schliecker

Dem Vorteil des Theaters, direkt vor Publikum zu spielen, steht auch noch ein nicht-finanzieller Vorteil des Fernsehens gegenüber: die Möglichkeit von Spontaneität. Wenn „gute Energie“ zwischen Schauspielern entsteht, „dann können einfach Dinge passieren, die sind im Theater natürlich sechs Wochen geprobt und sehen dann anders aus.“ Am Theater sei man den Gegebenheiten auch wochenlang „ausgesetzt“: „Es auch einfach auszuhalten, dass man fünf Wochen auf der Probebühne steht und denkt, [Würgegeräusch] das geht *gar* nicht, und man sich mit dem Partner auseinandersetzen muss, das sind alles Dinge, die man beim Drehen weitestgehend ausschalten kann. Da denke ich: ‚So, der Rest von heute… und morgen drehen wir eine andere Szene.‘“ Die Ergebnisse beim Fernsehen? „Na ja, teilweise kriegst du dann natürlich auch einen Schreck.“

Nach einem Initialerlebnis als Zuschauerin im Kölner Schauspielhaus war Frier, deren Mutter und Schwester im Publikum saßen, zunächst an der Bühne 48 aufgetreten, dann am Keller und Bauturm, wo sie 2004/05 Ibsens „Nora“ spielte: „Ich war so sauer, für mich war das so eine wichtige Arbeit, da kam ein Ver-Risssss im Stadt-Anzeiger – das darf doch wohl nicht wahr sein. Geilerweise haben wir mit dem Ding dann den Theaterpreis gewonnen.“ Heute nehme sie Kritik etwas leichter. An der Schauspielschule des Kellertheaters erlebte sie die „knallharte rumänische Schule“, wo das Lehrerinnen-Feedback schonmal lautete: „Meine Güte – wie die Elefanten!“ Heute urteilt sie selbst streng: „Ich finde tatsächlich nichts schlimmer als schlechtes Theater – und nichts schöner als schönes Theater. Es gibt eigentlich nur die beiden Dinge.“ Im Kellertheater habe sie zuletzt „Unterwerfung“ gesehen, sie ginge aber in Berlin öfter ins Theater. Mit „Gott der Allmächtige“, das eine von Frier angesprochene Zuschauerin begeistert weiterempfahl, ist sie im November nochmal an der Volksbühne am Rudolfplatz zu sehen.

„Danni Lowinski“ sei „ihre“ Rolle gewesen, das sei ihr vom Drehbuch her klar geworden, und am Ende würden immer irgendwie die Richtigen eine Rolle kriegen. Daher mache es auch keinen Sinn, Castings vor Kolleginnen geheim zu halten. „Klar werde ich auch manchmal neidisch, wenn einer was spielt, was ich auch spielen will.“ Heute gebe es die Serie „in allen möglichen Ländern und auch mit allen möglichen Schauspielerinnen. Die sehen teilweise auch genauso aus wie ich! Die haben auch dieselben Klamotten an.“


Foto: Jan Schliecker

Bevor zum Ende dieses Abends, der auf das Problem der Gentrifizierung und auf die freie Szene als Talentschmiede aufmerksam machte, alle gemeinsam „Theater“ sangen, wurde es nochmal ernst. „Es wäre wirklich schön, wenn es Instanzen gäbe in einer Stadt, in einem Staat, die dafür sorgen, gerade in so Zeiten wie jetzt, dass das Theater ein geschützter Raum, im wahrsten Sinne des Wortes, bleibt“, sagt Frier, die sich verschiedentlich für die freie Szene eingesetzt hat. Das Theater der Keller sei sehr erfolgreich und gewinne regelmäßig Preise, „und trotzdem ist das Haus Freiwild“. Inzwischen gelte es allerdings, nach vorne zu schauen und sich gemeinsam, mit viel äußerer Unterstützung für einen geeignetes neues Haus einzusetzen. Von Mauser auf die Zukunft der Theater angesprochen, die nur von einem Bruchteil der Bevölkerung überhaupt besucht würden, gab sie der Hoffnung Ausdruck, dass nach der Digitalisierung das gemeinsame Live-Erlebnis eine „Renaissance“ erfahren werde.


„Sie suchen eine Wohnung in bester Citylage?
Hier entstehen drei Luxusappartements“, Foto: Jan Schliecker

Nach Christine Westermanns Besuch im Oktober kommt am 25. November Henriette Reker. Denn selbst wenn Annette Frier einzieht – die Antwort blieb der Abend schuldig – sind noch die Wohnungen in der 1. und 2. Etage (mit Zugang zur 3.) an wohlhabende Prominente zu vermieten.

Jan Schliecker

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