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„Antikörper“ mit Inhaftierten der JVA Köln-Ossendorf
Foto: Meyer Originals

Sichtbar gewordene Körper (3)

20. Mai 2018

Sommerblut-Festival: Strafgefangene in der JVA als „Antikörper“ – Festival 05/18

Ein toller Höhepunkt des Sommerblut-Festivals ist „Antikörper“, ein mutiges, integratives Theaterstück mit und von Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf, bei dem man im wahrsten Sinne des Wortes als Besucher eine Grenze überschreitet: Von der Freiheit draußen vorübergehend hinein in die Unfreiheit in einem skurrilen Raum, der sich jenseits der Realität des Draußens abspielt, um hier auf wahre Inhaftierte zu treffen. Menschen, deren Leben sich teilweise seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, schon in dieser für den Besucher unbekannten kleinen Welt hinter Gittern abspielen. Ein bisschen ist es wie ein Experiment: Beide Seiten durchleben eine Ausnahmesituation. Und so hat der Zuschauer, der den Saal betritt, viele offene Fragen im Gesicht stehen. Was geschieht hier? Was sind das für Menschen? Wie lange sind diese schon hier? Kommen sie jemals wieder hier raus? Und: Komme ich hier wieder heraus?

Freiheitsentzug ist wohl mit Abstand das größte Stigma, das man als Mensch auferlegt bekommen kann, das Gefängnis ein Symbol für die Hilflosigkeit unserer Gesellschaft. „Die Schuld ist immer zweifellos“, lautete bereits ein Satz in Kafkas „In der Strafkolonie“. Anlässlich des 50-Jährigen Bestehens der JVA, und um das Bild eines Gefängnisses aus diesem unbekannten, diffusen Dunkel herauszuholen, legt die JVA Wert auf Transparenz, Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen. Damit es neben Depressionen, die zu (Auto-)Aggressionen führen können, zur Abwechslung auch mal ein Erfolgserlebnis für die Insassen gibt.


Foto: Meyer Originals

So beginnt das Stück, dessen Name von seinen Gefangenen selbst gewählt wurde, mit Porträts der einzelnen Sträflinge, begleitet von Furcht einflößenden Schusslauten, die unter die Haut gehen. Überhaupt geht das von Regisseurin Elisabeth Pleß inszenierte körperbetonte Theaterstück dem Publikum sehr nah, gehen die Insassen, die „Antikörper“ der Gesellschaft, die gleichzeitig Schauspieler sind, doch direkt am Publikum vorbei, jenes immer wieder ansprechend und dabei unmittelbaren intensiven Augenkontakt suchend. „Warum sind Sie hier?“, fragt ein Strafgefangener an einer Stelle den Zuschauer. „Sie wollen doch bestimmt nur wissen, was ich getan habe, richtig?“

Eins steht fest: Für den Besucher gibt es kein Entkommen. Gleichzeitig wird er an diesem Abend zum Spiegelbild der Gesellschaft, denn – das ist das Traurige – außer zu anderen Insassen und JVA-Beamten haben diese Menschen wenig menschlichen Kontakt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt nun ein etwas dem Klischee widersprechender JVA-Beamter, der das Projekt mit ermöglicht hat. Scheinbar richtet er diesen Satz an alle Beteiligten. Es folgt eine in den Bann ziehende Performance, die sich um die Fragestellungen „Vergangenheit, Zukunft, Zeit, Schuld, Vorurteile und Stigma“ dreht. Neben Ernst sind dabei aber auch kleine Witze erlaubt. So schreit plötzlich ein auf der Erde liegender JVA-Insasse: „Hilfe – ich bin ein Star, holt mich hier raus!“, was Lacher hervorruft.


Foto: vvg

Das Tattoo ist im Gefängnis einerseits omnipräsent, andererseits dient es als Symbol für die Brandmale, die diesen Menschen für immer auf ihren Körper, auf ihre Seele und auf den Lebenslauf gestempelt wurden. Ein ewiger Stempel bis zum Tod. So stellen nun die Häftlinge ihre persönlichen Tätowierungen und die damit verbundenen Geschichten vor, gefolgt von Zwiegesprächen zwischen dem moralischen Über-Ich und dem Ich. Schließlich erzählen sie vom schönsten Erlebnis in ihrem Leben und wen sie vermissen. „Ich vermisse meine Tochter“, sagt eine Insassin. „Mein Narzissmus und mein manipulatives Verhalten haben mich jahrelang hinter Gitter gebracht. Gelitten hat darunter vor allem meine Tochter.“ Jene sitzt im Publikum.

Zum Schluss geistern noch einmal Fragen durch den Raum wie: Wer wartet auf mich? Wer freut sich auf mich? Wer vermisst mich? Wer mag mich? Mit wieder intensiven Gesichtsausdrücken, die bei den Insassen und beim Publikum zum Teil für Tränen in den Augen sorgen. Am Ende bleibt ein dumpfes Gefühl im Magen zurück, als die Gefangenen die Bühne der vermeintlichen Freiheit und kurzen Aufmerksamkeit wieder verlassen und zurück in ihre realen Zellen kehren. Das Publikum klatscht und klatscht in der verzweifelten Hoffnung, dass sie noch einmal zurückkehren. Doch dies ist vergeblich. Sie sind verschwunden.

Rebecca Ramlow

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