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„Control My Life“, Kurzfilm von Bashar Al Murabea, D 2019
Bild: Refugee's Cinema Project

„Frische Einblicke“

13. Januar 2021

Filmreihe des Refugee's Cinema Project ist online – Interview 01/20

Die Flucht als eine individuelle und kollektive Erfahrung hat sich in den letzten Jahren ihren Weg in die Künste gebahnt. Auch Filme sind ein Medium geworden, in dem die Auseinandersetzung mit alter und neuer Heimat Ausdruck findet. Ihren Anteil daran haben Projekte wie das Kölner Refugee's Cinema Project, das Geflüchteten seit 2017 Mittel und Wege an die Hand gibt, das Medium für sich zu entdecken. Dazu gehört auch das gemeinsame Anschauen und Diskutieren von Filmen in der Reihe „Cinema, Cinema!“. Die jährliche Filmauswahl Geflüchteter, die für alle Interessierten offen ist, wird diesem Januar kostenlos online gezeigt, Diskussionen mit Gästen finden über Facebook und Zoom statt. Die Reihe wird von Amin Farzanefar kuratiert, der auch die bekannteren Festivals „Tüpisch Türkisch“ und „Visions of Iran“ präsentiert.

choices: Amin, wie hat sich das Refugee's Cinema Project in den letzten Jahren entwickelt und wie groß ist das Projekt zurzeit?
Amin Farzanefar:
2015 konnte man ja landesweit das Entstehen von vielen Willkommens-Initiativen beobachten – viele Freunde von mir waren direkt aktiv, da war man herausgefordert. Mit „Cinema, Cinema!“ – dem Refugee`s Cinema Project – wollten wir bei dem ansetzen, was unsere neuen Mitbürger kulturell mitbringen und gemeinsam Filme aus ihren Herkunftsländern schauen.

Amin Farzanefar
Foto: privat
​ZUR PERSON
Amin Farzanefar arbeitet als Kulturjournalist für Print und Radio. Er programmiert verschiedene Filmfestivals und Filmreihen. Seine Themenschwerpunkte sind die Filmkulturen des Mittleren Ostens und das Kino der Migration.

Was für Arten von Filmen werden bei Cinema, Cinema! ausgewählt? Gibt es auch Kölner Eigenproduktionen zu sehen?
Es gibt eine große Spannbreite zwischen Anfängerprojekten und professionellen Arbeiten: In früheren Ausgaben zeigten wir die Al-Jazeera-Produktion „Searching for Sanctuary“: Milad Giorgis aus Köln und Dirar Khattab aus Witten hatten ihre strapaziöse Flucht aus Syrien gefilmt, und Nehad Husein hatte aus Bremen ein Stimmungsbild der syrischen Kulturschaffenden in Deutschland zwischen Aufbruch und Depression mitgebracht. Aktuell kooperieren wir mit dem Münchner Kollektiv „Kino Asyl“, die einen ähnlichen Ansatz haben wie wir und uns Filme afghanischer Filmemacher vermittelt haben. Der in Köln lebende Rapper Abdul-Rahman – „Murdereyez“ – hat uns den Kontakt zu syrischen Regisseuren gemacht. Dann gibt es beispielsweise Fingerübungen von talentierten Enthusiasten wie Ruben Barazi, der gerade einen Film über seine neue Heimat Köln plant.

Die Filmschaffenden haben also die verschiedensten beruflichen Hintergründe?
Viele waren vor ihrer Flucht bereits als Regisseure, Videoblogger oder in anderen Medienberufen tätig… gerade Syrien hatte ein hochwertiges Fernsehen. Die Jüngeren finden hier häufig schneller in die Strukturen, sie studieren weiter und werden teilweise auch gefördert. Aber in der Generation darüber – noch nicht einmal alt – haben viele eine hervorragende Ausbildung und einige Erfahrung, aber ihnen fehlt der Zugang zu den Fördermitteln und Institutionen.


„Medaillon“, Kurzfilm von Rami Al-Kasab, D 2019

Welche Filme, glaubst du, werden diesmal das größte Interesse auf sich ziehen und welche würdest du der Allgemeinheit empfehlen?
Wir haben viele kürzere Filme, die frische Einblicke geben in das, was Filmemacher aus einem anderen Land hier beschäftigt oder auffällt. Der Allgemeinheit empfehle ich dann aber auch den Langfilm eines „Biodeutschen“: Tobias Rehms „Stronger than Fears“ ist unterhaltsam, bewegend, motivierend und zeigt, wie viele verschiedene tolle Menschen seit 2015 bei uns sind.

Was kannst du uns über die Diskussionen sagen?
Wie alle in der Kulturbranche, und überhaupt alle, vermissen wir die Live-Atmosphäre – den direkten Austausch zwischen Publikum und Filmschaffenden, den Plausch im Foyer, das Bier danach. Die Onlinediskussionen können dies nicht ersetzen – aber sie sind im Idealfall konzentriert geführte Gespräche, die von Interessierten ja auch nach einer Weile noch im Netz gesehen werden können.

Manche Filme sind passwortgeschützt, manche nicht. Was muss man über den Zugang zu den Filmen und Diskussionen wissen?
Für einige wenige Filme mit einem amtlichen Verleih möchten wir durch den Passwortschutz eine Hürde aufbauen, so dass sie nicht zu sehr gestreut werden. Bei einer Onlineauswertung muss man ja viel stärker als im Kinosaal die Gefahr von Piraterie/Raubkopien eindämmen. Zu allen anderen Filmen und den Gesprächen ist der Zugang frei.

Kannst du kurz von dem Filmfestival „Visions of Iran“ erzählen, das vor zwei Monaten ebenfalls im Wesentlichen online stattfinden musste?
Wir mussten 2020 zahlreiche unserer Projekte verschieben und anpassen, das aufwendigste war sicher das Iranische Filmfestival, das wir vom Frühjahr in den Herbst verschieben und dann wegen des zweiten Lockdowns sehr kurzfristig online setzen mussten. Wir hatten uns dabei, nach einem Informations-Austausch mit größeren Festivals, für eine in Köln sitzende Firma entschieden, Rushlake Media. Die stattlichen Zusatzkosten wollten wir beim Digitalisierungsprogramm des Landes beantragen, und als es von dort keine Rückmeldung gab, haben wir das Budget über das Auswärtige Amt und das Kulturamt der Stadt bekommen. Für ein interkulturelles Event, das für Gäste aus dem Iran, kinointeressierte Besucherinnen aus ganz NRW und die deutschiranische Community eine Begegnungs-Plattform bietet, war der Austausch natürlich stark eingeschränkt. Aber wir sind jetzt eingespielt und wissen, wie wir auch folgende Ausgaben „hybrid“ umsetzen können.

Tüpisch Türkisch fand 2020 kurz vor dem ersten Lockdown statt. Wie geht es mit dieser Reihe weiter?
Angesichts der begrenzten Saalkapazitäten haben wir das Filmforum schon frühzeitig für Ende Februar gebucht. Das fällt jetzt – wieder einmal – in eine unsichere Zeit, wo niemand weiß, ob dann schon Kinoveranstaltungen stattfinden können oder ob wir wieder online gehen. Immerhin: Wir sind ja jetzt vorbereitet.

Und welche Wortmeldung oder Filme sind dir stark in Erinnerungen geblieben?
Also Publikumsliebling war zum Schluss „When the Moon was Full“ von der Regisseurin Narges Abyar, ausgerechnet der Gewinner des letztjährigen Teheraner Fajr-Filmfestivals, der anfangs sehr kontrovers diskutiert wurde. Und toll war auch der Kurzfilmblock von iranischen Filmemacherinnen, den wir in Kooperation mit der Uni zusammen mit der Filmemacherin Ghasideh Golmakani umgesetzt haben. Im Live-Talk hatten wir dann iranische Regisseurinnen aus aller Welt zugeschaltet, sehr unterschiedliche und starke Persönlichkeiten.

Refugee's Cinema Project: Cinema, Cinema! | bis Ende Januar | www.cinemacinema.de | www.facebook.com/cinemacinema.de

Interview: Jan Schliecker

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