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Mehdi Ganji, Mohammad Reza Jahanpanah, Shirin Barghnavard und Mojtaba Mirtahmasb

Neue Werte vermitteln

02. Juni 2018

„Mother of the Earth“ im Filmforum – Foyer 06/18

Freitag, 1. Juni: Seit 2013 gibt es in Köln ein iranisches Filmfestival, das nicht nur der exil- und auslandsiranischen Community interessante Einblicke in das aktuelle Filmschaffen eines Landes bietet, das immer wieder die Nachrichten bestimmt. Unter dem neuen Titel „Visions of Iran“ werden noch bis zum 3. Juni im Filmforum Dokumentationen und Spielfilme präsentiert, mit Filmemachern diskutiert und auch abseits des Kinosaals rege Gespräche geführt. Einer der beiden Schwerpunkte des Festivals liegt in diesem Jahr auf dem jungen Unternehmertum im Iran. Dazu werden drei Filme des Projektes „Kârestân“ aufgeführt, die als Porträtfilme konzipiert sind und von denen bislang sechs Beiträge von unterschiedlichen Filmemachern realisiert wurden. Nach der Vorführung von „Mother of the Earth“ von Mahnaz Afzali fand am Freitagabend dazu eine Podiumsdiskussion mit Experten und Beteiligten statt. Zusammen mit der Regisseurin Rakhshan Banietemad ist der Filmemacher Mojtaba Mirtahmasb („This is not a Film“) einer der Gründer und Ideengeber des Projektes „Kârestân“. Er begann das Filmgespräch mit einigen einleitenden Sätzen zum Ziel und der Ausrichtung des Projektes, das komplett ohne finanzielle Unterstützung des Staates Iran initiiert wurde.

Festivalleiter Amin Farzanefar mit Candice Farzan

„Es geht uns bei „Kârestân“ nicht nur darum, Unternehmensgründungen zu porträtieren, sondern dabei auch wertschaffende Projekte vorzustellen“, so Mirtahmasb. Mahnaz Afzali beschäftigte sich in „Mother of the Earth“ beispielsweise mit der Aktivistin Hayedeh Shirzadi, die es sich nach ihrem Landwirtschaftsstudium in Deutschland bereits seit einigen Jahrzehnten zur Aufgabe gemacht hat, das Müllproblem der Iraner in den Griff zu bekommen. Sie hat Recyclinganlagen gebaut, die in der Stadt Kermanshah mittlerweile 100% des anfallenden Mülls recyceln und den Biomüll in organischen Dünger wandeln. Afzalis Filmidee war eine von über 600, die nach der Gründung des Projektes „Kârestân“ im Jahr 2008 von filmbegeisterten IranerInnen eingereicht wurden. 70 schafften es nach mehreren Vorentscheiden schließlich in die engere Auswahl. Die sechs bislang produzierten Filme der ersten Phase sind im vergangenen Jahr im Iran uraufgeführt worden und mittlerweile auf DVD und als VoD erhältlich. Prof. Katajun Amirpur, Islamwissenschaftlerin an der Universität zu Köln, findet es besonders beeindruckend, welches Engagement hier aus der iranischen Zivilgesellschaft heraus geschildert wird. „Das ist nicht Top-Down, sondern Bottom-Up – hier engagieren sich Einzelpersonen für die Gesamtgesellschaft, obwohl sie dabei auch Steine von der Regierung in den Weg gelegt bekommen“, sagte die Expertin bei der Podiumsdiskussion. Sie sieht mit der Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch den US-Präsidenten Trump eine zusätzliche Behinderung solcher Initiativen, da die Iraner durch die anstehenden Sanktionen nun um ihre Lebensgrundlage kämpfen müssten und solche gemeinnützigen Initiativen dann am ehesten wegfallen würden.

Prof. Katajun Amirpur, Mojtaba Mirtahmasb und Übersetzer

Shirin Barghnavard, die Regisseurin von „Poets of Life“ über eine iranische Reisbäuerin, lobte vor allen Dingen die Unterstützung, die sie im Projekt „Kârestân“ durch die erfahrene Gruppe erfuhr. So konnte sie sich bei ihrem siebten Dokumentarfilm auf ihr Handwerk des Filmemachens konzentrieren. Ihr Kollege Mehdi Ganji, der mit „Puzzleys“ einen weiteren Beitrag zum Projekt realisierte, sieht in der iranischen Bevölkerung keinen Unterschied zwischen den Generationen, wenn es darum geht, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Die von ihm porträtierte Generation der Jüngeren hätte lediglich einen leichteren Zugang zu den modernen Kommunikationsmöglichkeiten wie dem Internet. Auch junge iranische Frauen würden sich leidenschaftlich mit Technologie auseinandersetzen. „Diese Generation hat kein Interesse an einer Revolution, sie hegen aber die Hoffnung auf gesellschaftliche Reformen“, führte Ganji weiter aus. Für Mojtaba Mirtahmasb ist es vor allem wichtig, dass die Filme des Projektes „Kârestân“ von vielen Menschen weltweit gesehen werden: „Wir wollen damit den Wert von Arbeit zeigen in einer Gesellschaft, die ihre Werte verloren hat.“ Die Filme des Projektes sollen als Vorbildfunktion dienen für andere Iraner, sollen das Bild der Iraner im Ausland um zusätzliche Facetten bereichern und letztendlich auf globaler Ebene zu einem Umdenken des Wertesystems beitragen.

Text/Fotos: Frank Brenner

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