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Wohnhäuser, aus der Erinnerung modelliert

Living in a Box

15. Januar 2019

„Making Home – Zuhause in der Fremde gestalten“ im Atelierzentrum Ehrenfeld – Kunst 01/19

„Überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben – das ist natürlich das Wichtigste“, erklärt mir Architekt Heribert Weegen. Aber die vier Quadratmeter, die in den öffentlichen Verordnungen pro Person in den Flüchtlingsunterkünften vorgeschrieben seien, ließen neben den Möbeln keinen Raum zur freien Bewegung. Aufgebaut im Atelierzentrum Ehrenfeld sind zwei Container in genau dieser Größe. In dem einen stehen ein Bett, ein metallener Kleiderschrank, ein einfacher Tisch mit Stuhl und ein Mülleimer – eine Einrichtung, mit der wohl jeder Asylsuchende zu tun hatte. Eine Personalisierung der Räume in Flüchtlingsunterkünften mit anderen Gegenständen ist nicht erlaubt. Diese und viele andere Zitate aus Verordnungen und Berichten sind auf der Rückseite der Außenwände der wirklich nicht großen Wohneinheiten zu lesen.


Kunsthandwerker Ahmad bei der Vernissage

„Wenn vier in einem Zimmer wohnen, relativiert sich das etwas, aber darum geht’s nicht“, fügt Weegen hinzu, der dem Verein Jack in the Box angehört, der die Ausstellung „Making Home – Zuhause in der Fremde gestalten“ gemeinsam mit ArtAsyl e.V. präsentiert. Zusammen mit Simon Meienberg, Initiator des Projekts und Student mit Schwerpunkt Social Design an der Köln International School of Design (KISD), hat Weegen in einer Kunstwerkstatt über vier Wochen, zweimal die Woche je 6 Stunden, mit vier Geflüchteten gearbeitet: dem Bildhauer Mohammad (52; Afghanistan), dem Animationsregisseur Reza (44; Iran), dem Kunsthandwerker Ahmad (46; Syrien) und dem Studenten Jawad (20; Iran). Neben den beiden Holzcontainern, von denen einer mit persönlichen Beiträgen ausgestaltet wurde, stellten sie architektonische Modelle ihrer alten und ihrer aktuellen Wohnsituation her. Die Unterschiede sind groß, auch der Stil ist ein anderer.

Für alle ist die Flucht natürlich mit einem Verlust der Lebensstätte verbunden, die im Falle des Syrers Ahmad auch völlig verwüstet wurde: Handy-Videos sowie Fotos aus seiner Wohnung vor und nach der Zerstörung sind zu sehen. Der Verlust von etwas Konkretem, den die im Rahmen der Passagen (14.-20.1.) laufende Ausstellung beeindruckend sichtbar macht, steht spürbar in einem Kontext, der auch immaterielle Verluste wie den Beruf und den Status umfasst. Die Modelle sind einfach gehalten, die Teilnehmer seien in der Hinsicht Amateure gewesen, so Weegen. Die Wohnverhältnisse seien „in abstrakter Form, aber in einem lesbaren Maßstab“ festgehalten.

Nach den Strapazen der Flucht wartet an einem Zufluchtsort wie der Kölner Raum ein Leben provisorischer Art, das mit Behörden und Warterei verbunden ist. „Man ist durch den Asylstatus definiert“, meint Simon Meienberg. „Die Regularien blockieren manchmal Prozesse, die eigentlich schneller gehen könnten.“

Im Falle von von Teilnehmer Mohammad ist es so, dass er seit 9 Jahren in Deutschland ist und keine feste Arbeit hat. In Syrien war er ein angesehener Meister-Steinmetz, Kunstkeramiker und Stuckateur mit Leitungserfahrung. Trickfilmzeichner Reza leitete im Iran ein Animationsstudio, bevor er sich 2009 aufgrund politischer Verfolgung zur Flucht entschied. Seine Erfahrungen mit Verfolgung, Flucht und neuer Heimat sind in einem 3-minütigen Animationsfilm auf den Punkt gebracht, der mit etwas ruckeliger Darstellung in Dauerschleife gezeigt wird.

„Ich habe dieses ‚Erklärvideo‘ in einem minimalistischen Stil gezeichnet, denn ich hatte nur 8 Tage Zeit“, erklärt er mir vor der Tür des AZE, wo ich nicht anders kann, als ihn nach dem deutschen Wetter zu fragen: „Kalt! Sehr kalt!“ In Europa sei er im Bereich Visual Effects an dem Animationsfilm „Teheran Tabu“ beteiligt gewesen, trotz einiger Ideen und vieler Bewerbungen fasse er aber als Filmemacher in Deutschland nicht Fuß. „Die akzeptieren einfach keine Fremden im deutschen Filmgeschäft.“


Kurator Simon Meienberg

Kurator Simon Meienberg sieht die Ausstellung vor allem als Öffentlichkeitsarbeit, um für die Probleme von Flüchtlingen zu sensibilisieren. In Paris habe er sechs Monate lang in einem Asylheim den Alltag observiert: „Da ist mir bewusst geworden, dass über die Menschen gesprochen wird, aber nicht mit ihnen. Es gab auch keine Plattform für Ankunftsschwierigkeiten.“ Genau das bietet die Ausstellung: Sie gibt vier Flüchtlingen, die sich auf das Vorhaben einließen, eine Stimme. Wie der Kurator werden einige von ihnen die Ausstellung unter anderem beim ArtAsyl-Neujahrsempfang (Sa 19.1. um 20 Uhr) oder zur Kuratorenführung (Do 17.1. um 17 Uhr) besuchen und für Fragen zur Verfügung stehen.

Die Frage, was Heimat bedeute, sei mit seinem Projekt auf Flüchtlinge bezogen worden, so Meienberg: „Das Zuhause wird als erster Ausgangspunkt beleuchtet, als erster Schritt in der neuen Heimat.“ Die Modelle ließen „architektonische Spezifikationen von Möglichkeiten, sich in der Fremde ein neues Zuhause aufzubauen“, erkennen. Alle Arbeiten samt der Container seien aus vorhandenen Materialien entstanden – es sei ihm wichtig gewesen, „mit dem, was man hat, das Möglichste zu erreichen“, statt auf Perfektion abzuzielen.

Im Workshop habe der gebürtige Schweizer unter anderem festgestellt, dass die Teilnehmer im Laufe ihrer Arbeit an den Modellen bestimmte Details genauer ausgestaltet hätten. „Je mehr die Modelle entstanden sind, desto mehr Erinnerungen sind hochgekommen.“ Außerdem sei ihm die Neigung der Teilnehmer aufgefallen, das alte Zuhause vom Maßstab her und in der Detailtreue zu privilegieren, was sicher psychologische Ursache habe. Im Workshop sei man sich unter nicht hierarchischen Bedingungen näher gekommen, mehrere Teilnehmer hätten ihn zum Essen eingeladen, „viel von sich gezeigt“ und ihm viel zurückgegeben. Zugleich hätten sich die Teilnehmer das Ausstellungsprojekt ein Stück weit angeeignet. „Es entstand eine eigene Dynamik, die ich nicht mehr kontrollieren wollte.“

Der Verein ArtAsyl, seit 2015 in Ehrenfeld, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Künstler und Flüchtlinge zusammenzubringen. Jack in the Box e.V. ist im Bereich Beschäftigungsförderung und Upcycling engagiert. Der Kunstverein artrmx e.V. stellt den Ausstellungraum zur Verfügung. Die Ausstellung ist Teil des Designfestivals Passagen.

Making Home – Zuhause in der Fremde gestalten | bis 20.1., Mo-Fr 17-20 Uhr, Sa/So 12-20 Uhr | AZE, Hospeltstr. 69 | www.artrmx.com | www.artasyl.de | Eintritt frei

Text/Fotos: Jan Schliecker

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