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„Orpheus in der Unterwelt“
Foto: Matthias Jung

Qualmende Klappen in die Unterwelt

08. Januar 2018

Die Kinderoper zeigt Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ – Oper 01/18

Welch ein Segen – die Kölner Oper hat wieder eine prachtvolle Aufführung von Offenbachs Meister-Operette „Orpheus in der Unterwelt“ im Repertoire. Zwar „nur“ in der Kinderoper und als Wiederaufnahme von 2013 (Einrichtung Brigitta Gillessen), aber so bunt, originell und spannend, dass auch begleitende Eltern voll auf ihre Kosten kommen. Die gesellschaftskritische Parodie antiker Mythen mag selbst für Erwachsene schon ein wenig kompliziert sein, und erst recht für Kinder – wie ausgeschrieben – ab 7 Jahren. Aber die Geschichte um Götter und Menschen, um Liebe, Ehestreit, Entführung und Intrige ist so spannend und optisch vielfältig und kindgerecht inszeniert, dass selbst die ganz Kleinen gebannt bei der Sache waren. Das unter anderem, weil der beliebte TV-Jugend-Moderator Ralph Caspers („Wissen mach Ah“) als „öffentliche Meinung“ und „spiritus rector“ im karierten Sakko die Geschichte mächtig und quirlig vorantreibt und durch Olymp und Unterwelt führt – bis zum typischen neuzeitlichen Ende.

Die Bühne ist eingehüllt in rosa-graue Wolken-Vorhänge, in der Mitte dominiert ein silberglänzender Steg mit allerlei geheimnisvollen und heftig qualmenden Klappen und ein Fenster als Zugänge in die besagte Unterwelt. Der Götterhimmel öffnet sich unter der Musiker-Empore, die kleine Gruppe aus dem Gürzenich-Orchester unter Rainer Mühlbach ist gut zu verfolgen: erstaunlich, welche originaler Offenbach-Sound hier produziert wird. Natürlich gibt es auch einen großen Fernseher für die „Öffentliche Meinung“, aus dem heraus Caspers agiert. Und wie es sich für eine echte Operette gehört, dürfen auch die Nummern-Girls in 20er-Jahre-Outfit nicht fehlen.


Foto: Matthias Jung

Orpheus (Dino Lüthy) als stimmgewaltiger Stehgeiger à la André Rieu mit Gummi-Violine will seine Frau Eurydike (Maria Isabel Segarra) an den langschwänzigen Teufel Pluto im Schafspelz (Matthias Hoffmann mit gewaltigem Stimmorgan) loswerden, aber das passt der „Öffentlichen Meinung“ ganz und gar nicht. Im Götterhimmel schiebt eine köstlich gewandete Schar laszive Langeweile, informiert von Merkur (Hoeup Choi) und aufgemuntert über die Entführungsaktion von Eurydike, die auf Befehl des langbärtigen Göttervaters Jupiter (sonorer Bass von Yunus Schahinger) in der Unterwelt versteckt werden soll. Hier wartet der schwerhörige und vergessliche Hans Styx als Prinz von Arkadien (köstlich das Urgestein Alexander Fedin im Popsänger-Look), Jupiter verwandelt sich in eine Fliege mit mächtigem blauschimmernden Panzer und schlüpft durch das Schlüsselloch, um Eurydike während des Höllen-Cancans zu entführen. Pluto erwischt jedoch die beiden; auf Vermittlung der Öffentlichen Meinung darf Orpheus seine Eurydike auf die Erde zurückführen – aber nur, wenn er sich nicht nach ihr umdreht. Was er natürlich nicht schafft. Aber auch hier gibt es eine Lösung: Eurydike bekommt eine eigene Fernsehshow, ein heutzutage durchaus gängiger Ablauf bei Menschen, nach denen man sich auf der Straße umdreht. Und dem heulenden Orpheus bleibt nur noch die TV-Fernbedienung. Mit vor der Partie sind noch die Venus von Maria Isabel Kublashvili mit glockenhellem Sopran, Anna Herbst als überzeugende Diana und Constanze Meijer als erotische Juno.

Uwe Sochaczewsky hat die Musik und Elena Tzavara den Text geschickt und kindgerecht auf eine Stunde reduziert, ohne die Handlung zu zerstückeln; das geschrumpfte Gürzenichorchester spielt engagiert und launig unter Rainer Mühlbach, dem musikalischen Chef des Opernstudios. Aus diesem stammen überwiegend auch die jungen Sänger, die hier – nach einer anderweitigen professionellen Ausbildung – ein hervorragendes und anspruchsvolles Podium vorfinden, um den sängerischen und darstellerischen Alltag zu trainieren. Viele von ihnen werden anschließend von der Oper fest übernommen. Aber auch um einfach auch Spaß zu haben, was man durchgängig merkt; alle Akteure zeichnet eine hohe Gesangsgüte und Spielfreude aus. Dazu passen die originelle Bühne, die prachtvoll-witzigen Kostüme und die skurrilen Accessoires von Elisabeth Vogetseder, die bereits zahlreiche Produktionen der Kinderoper ausstaffiert hat.

Heftig wird zum Cancan mitgeklatscht, die Stimmung ist fabulös in dieser kindgerechten Adaptation der berühmten Operette mit lang anhaltendem Applaus.

„Orpheus in der Unterwelt“ | R: Elena Tzavara | 11., 12., 13., 14., 16., 17., 18., 19.1. 11.30 Uhr | Oper Köln: Staatenhaus | 0221 221 284 00

Michael Cramer

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