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„Mary Page Marlowe“
Foto: David Baltzer

Patchwork der Identität

21. Dezember 2017

Lilja Rupprecht inszeniert Tracy Letts‘ Szenenkonvolut „Mary Page Marlowe“ – Auftritt 01/18

Ist das Selbstbehauptung oder einfach nur Trotz? „Ich bin Mary Page Malowe“, behauptet die Protagonistin immer wieder. Die Selbstbezichtigung hilft zwar bei der Orientierung in Tracy Letts‘ sechzig Jahre überspannenden biografischen Bilderbogen, weil die Darstellerinnen je nach Alter der Hauptfigur von Szene zu Szene wechseln. Doch in der Aussage verbirgt sich auch eine Unsicherheit angesichts einer Identität und eines Lebens, deren Zugehörigkeit nicht so unverbrüchlich ist. „Für nichts in meinem Leben habe ich mich entschieden“, sagt Mary Page in einer Therapiesitzung. Egal ob Karriere, ob Affäre, ob Eheleben, ihre Rollen seien vordefiniert gewesen. Dabei wird sie flankiert von Mitpatienten, die alle das gleiche bunt bedruckte Kleid tragen. Individualität redux.

Tracy Letts‘ elf Szenen reihen ohne biografische Chronologie Alltagssituationen aneinander. Was einem eben so zustößt in sechzig Lebensjahren: Auseinandersetzungen mit den Kindern, am College mit Freundinnen, eine Therapiesitzung, ein Gespräch in einer Reinigung, der Seitensprung mit dem Chef, ein lautstarker Ehestreit nach einer Verurteilung wegen Trunkenheit, die letzten Tage im Pflegeheim. Doch die beiläufig wirkenden Dialoge gerinnen in der Inszenierung von Lilja Rupprecht zu Momenten einer sich verstärkenden Entfremdung. Nach einem One-Night-Stand mit ihrem Vorgesetzten steht Lou Zöllikau mit strengem Hosenanzug und rot verschmiertem Mund reserviert in einem Lichtquadrat, während der verletztlich-nackte Guido Lambrecht um sie herumtänzelnd sein Begehren heraussäuselt. Die Verdammung zum Schicksal der Geliebten schwebt drohend wie ein Damoklesschwert über ihr. Als ihr zuvor eine Gefängnisstrafe wegen Trunkenheit am Steuer droht, fährt Sabine Orleans‘ Mary Page Marlowe den Streit mit ihrem seine Liebe erklärenden Ehemann (Stefko Hanushevsky) am Esstisch zur verbalen Schlacht hoch. Sie brüllt, tobt und besteht mit einer selbstzerstörerischen Wut auf Schuld und Buße. Es geht um mehr als weibliche Distanzierungsversuche, um Selbst(ver)achtung, um Widerstand. Es liegt auch ein Schimmer einer tiefen existenziellen Verlassenheit über Tracy Letts‘ Hauptfigur, die sich jedem Anschein einer sozialen Verkleisterung verweigert. Gerade auch angesichts eines Lebens, das in einzelne unverbundene Fragmente zerfällt, die dann identitär oder sozial zu einem Ich zusammengeflickt werden sollen.

Schon Anne Ehrlichs Bühnenbild deutet das an: Sie hat ein nebelumwuchertes kleines Haus mit einem beleuchteten Fenster für das ansonsten völlig düstere Depot 1 des Schauspiels entworfen. Von Ferne erinnert es an die düsteren Aufnahmen des amerikanischen Fotografen Todd Hido. Später fährt das Haus auseinander und entblößt sein Inneres: Eine Treppe, ein Essraum, eine Diele. Man kennt die Vorliebe von Regisseurin Lilja Rupprecht für architektonische Räume bereits von ihrer „Groß und Klein“-Inszenierung. Sie pumpt die Szenen, mit einem kräftigen Schuss Melancholie auf. Für die ist vor allem Musiker Romain Frequency zuständig. Seine Klanglandschaften, die manchmal auch ausgesprochen tanzbar sind, tränken den Abend in das wohlige Bad eines schwelgerischen Moll. Ein atmosphärische Wattierung, die mitunter sogar ins Sentimentale umschlägt, wenn die 9-jährige Ida Feyl als sterbende Marlowe im Sessel ihr Leben Revue passieren lässt. Vor ihr steht der nicht mehr ganz junge Winfried Küppers als angeblich junge Krankenschwester und redet der Betagten gut zu. Eine Besetzungsdialektik, die zwar die Hoffnung auf ein anderes Leben einer neuen Generation mittransportiert, die aber den haut goût des Prätentiösen nicht verleugnen kann. Die ausgestellte Tristesse, ist durchaus ergreifend, sie entgeht aber nicht ganz dem Ruch einer überzüchteten Treibhaus-Emotionalität. Zu wirkungsvoll sind hier die atmosphärischen Treffer gesetzt. Überhaupt lässt sich die Frage stellen, ob die Breitwandästhetik des Depot 1 nicht doch eine Nummer zu groß ist für Tracy Letts‘ schmalspuriges Szenenkonvolut. Nichtsdestotrotz ein gelungener Abend.

„Mary Page Marlowe“ | R: Lilja Rupprecht | 9., 17., 19., 27.1. 19.30 Uhr, 28.1. 16 Uhr | Schauspiel Köln: Depot 1 | 0221 22 12 84 00

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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