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Ariane Dettloff und Michael Sünner gehen für ihre pazifistische Überzeugung notfalls vor Gericht
Foto: Thomas Dahl

Für den Frieden kämpfen

20. Oktober 2021

Die Deutsche Friedensgesellschaft setzt auf Gewaltlosigkeit und weltweite Gerechtigkeit

Ein Mensch wälzt als Götterstrafe für seinen Ungehorsam einen gigantischen Felsblock als ewige Last bergauf. Kurz vor dem erlösenden Gipfel rollt der Stein wieder ins Tal und wartet dort erneut auf seinen Beweger. Doch nach dem Philosophen Albert Camus muss man sich jenen Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, ist er doch Herr seines Schicksals und macht das Beste aus seiner Lage. Auf seinem Abstieg zum Bergfuß ist er frei, bis die Plage wieder beginnt. Er nimmt seine Aufgabe an. Der Fels mag einmal bersten, Sisyphos zerbricht nicht.

Aufgeben ist auch für Ariane Dettloff und Michael Sünner keine Option. Beide engagieren sich seit Jahren für die Friedensarbeit und sehen keine Alternative zur Gewaltfreiheit. „Ohne Gerechtigkeit kein Frieden. Wir müssen lernen, Sicherheit neu zu denken. Wie kann man von dieser Form der Sicherheitslogik, die scheinbar nur mit Waffen und Armeen aufrechterhalten werden kann, wegkommen? Wir müssen hin zu einer Friedenslogik, die eine Bundeswehr überflüssig macht“, sagt Dettloff. Wesentlich dafür sei die Vermittlung gewaltfreier Kommunikation, wie sie vom US-Amerikanischen Psychologen Marshall Bertram Rosenberg (1934-2015) gefordert wurde. Grundsätzlich sei es wichtig, auf die Ziele der Initiative aufmerksam zu machen, auch wenn es ein wenig absurd anmute, die Signifikanz des Friedens zu betonen, so Michael Sünner. „Die Bundesregierung spricht davon, ‚für den Frieden zu kämpfen‘. Das geht mit Sicherheit nicht durch die Entsendung von Soldaten in andere Länder. Diese Regierung ist de facto kriegsführend, weil sie mit militärischer Gewalt eingreift. Außerdem sind wir Exportweltmeister von Waffenlieferungen, die selbst in Krisengebiete verkauft werden“, konstatiert der Kölner DFG-Gruppensprecher.

„Wer Frieden will, muss bereit sein, auch die Sichtweisen der anderen zu hören“

„Nach dem Ende des Kalten Krieges haben wir auf eine Friedensdividende gehofft. Durch die Abrüstung konnte man schließlich Summen einsparen, die für Bildung oder Gesundheit nutzbar gewesen wären. Aber nur kurze Zeit wurde abgerüstet. Deutschland fühlt sich verpflichtet, die Einhaltung des Nato-Militäretats in Höhe von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zur Verfügung zu stellen. Das sind Milliarden. Eine Sozialpolitik, die gegen Wohnungsnot hilft, vermisse ich dagegen in diesem Land. Sowas führt zur Unzufriedenheit und Wut. Ich höre oft, dass wir in der Nato oder in der EU nicht mitreden könnten, wenn die Bundeswehr abgeschafft würde. Dabei hat Deutschland zweimal einen Weltkrieg begonnen. Diese Großmannssucht ist immer noch existent. Ich führe dann als Beispiel Costa Rica an. Dort hat man das Militär abgeschafft und investiert das eingesparte Geld in Bildung. Das Land hat die niedrigste Analphabetenrate von Lateinamerika“, erklärt Ariane Dettloff.

Dettloff ist für ihren Protest gegen Atomwaffenübungen am Standort Büchel bereits angeklagt worden. „Dort bin ich wegen Hausfriedensbruch zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil wir den Start von Tornados mit Waffenattrappen verhindert haben, wenn auch nur für fünfzehn Minuten. Ich war zunächst bereit gewesen, ins Gefängnis zu gehen, aber mir wurde mit der Pfändung meiner Wohnung gedroht. Ich wollte nicht obdachlos werden“, erzählt die Aktivistin. Grundsätzlich versteht sich die Initiative als pazifistische Vereinigung, die auch kriegsvorbereitende Tendenzen und deren unmittelbare Folgen, etwa für das Klima ablehnt. „Eine Flugstunde des Kampfjets Eurofighter ist mit über 67.000 Euro teurer als der Bau einer Sozialwohnung und setzt mehr Kohlenstoffdioxid frei als ein Mensch in einem Jahr“, argumentiert die 74-Jährige. Dennoch ginge es nicht ohne Verhandlungsbereitschaft.

Im Gegensatz zu anderen Ländern, haben wir ein hohes Maß an Möglichkeiten, uns über politische Entwicklungen äußern“

„Man muss erstmal anerkennen, dass es verschiedene Perspektiven gibt. Wer Frieden will, muss bereit sein, seine Interessen zu erläutern und auch die Sichtweisen der anderen zu hören“, stellt Michael Sünner klar. Eine Zusammenarbeit mit rassistischen oder undemokratischen Gruppen schließt der Familienvater jedoch aus. „Konflikte sind per se nichts negatives. Die ständige Auseinandersetzung mit Problemen bringt Gesellschaften auch weiter, wenn wir sie gewaltfrei lösen“, ergänzt Ariane Dettloff. So habe die Initiative unter anderem zur Ratifizierung des Atomwaffenverbotsvertrags vom 17. Juli 2017 beigetragen, der von 122 Staaten unterschrieben wurde und am 22. Januar dieses Jahres in Kraft trat. Jene Prozesse entwickeln sich demnach auch in der Kölner Niederlassung des Friedenswerks unweit vom Rathaus. Neben Fortbildungsseminaren werden hier Sprachkurse unter dem Leitgedanken der gewaltlosen Kommunikation realisiert. Die Friedlichkeit in seiner Stadt sieht Michael Sünner zwiespältig: „Ich würde nicht sagen, dass unsere Stadt nicht friedlich ist. Das wird zwar eingeschränkt, beispielsweise durch das Gesetz zur Versammlungsfreiheit, aber wir können hier immer noch über unsere Anliegen aufmerksam machen. Wenn man aber von der Polizei bei einer Demo über Stunden eingekesselt wird, wie dies in Düsseldorf geschah, ist das kein Frieden. Im Gegensatz zu anderen Ländern, haben wir aber ein hohes Maß an Möglichkeiten, uns über politische Entwicklungen in diesem Land zu äußern.“

So klar die Ziele der Bewegung formuliert sind, besteht auch kein Zweifel an der Umsetzung der Vorhaben. Auf die Frage, ob der Mensch zum Frieden gezwungen werden müsse, antworten beide Aktivisten ohne zu zögern mit „Nein!“, denn der Krieg gegen den Krieg mache alles nur noch schlimmer.

Info: Die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) wurde 1892 durch die späteren Friedensnobelpreisträger Bertha von Suttner und Alfred Hermann Fried in Berlin gegründet. Seit 1974 tritt der Verband als Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen auf. Ziel der Gesellschaft ist die Überwindung von Kriegen und die Schaffung sozialer Gerechtigkeit. Die Kölner Ortsgruppe wurde 1912 gegründet und umfasst ca. 120 Mitglieder. Die Bewegung bezeichnet sich als unabhängig von Kirchen, Gewerkschaften und Politik.


DEUTSCHLAND OHNE GRÖSSENWAHN - Aktiv im Thema

koelnerfriedensforum.org | Seit über 25 Jahren organisiert das Forum Bündnisse, Bildungsveranstaltungen und öffentliche Aufmerksamkeit zu den Gefahren von Krieg und Militarisierung und für Abrüstung.
museen.nuernberg.de/memorium-nuernberger-prozesse | Im Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizpalasts fanden die Prozesse gegen die Hauptverbrecher des Naziregimes statt. Der Saal ist Teil der umfangreichen Dauerausstellung, die die Prozesse und ihre Folgen dokumentiert.
topographie.de/topographie-des-terrors | Seit fast 35 Jahren dokumentiert und problematisiert die Stiftung in Berlin den nationalsozialistischen Terror.

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Thomas Dahl

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