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Nichts gegen Kartoffelfrisuren
Bild: zmiter / Adobe Stock

Teutonisches Kopfnicken

09. Oktober 2021

Auf der Suche nach einer Identität zwischen Verbrechen und Klischees – Glosse

Wäre der Hochmut des deutschen Piefkes eine Frisur, ließe sich seine Geschichte so beschreiben: Der völkische Ur-Germane schlechthin – nickte blind, aalglatt gekämmt wie ein Fisch und devot gegelt, aber – hey – immerhin pünktlich (!) einem total derangierten, österreichischen, vermeintlich arischen Demagogen zu. Auf der Suche nach einem Schuldigen schoss das einstige Land der Dichter und Denker unter dessen Wutfuchtel peinlich hoch hinaus, zu einem schrecklichen und sehr unpoetischen Preis, Millionen Menschen dabei systematisch ermordend. Ein inhumanes Verbrechen, das keinerlei vergleichbares Ausmaß kennt. Nur, um danach sehr tief als geschredderte Kartoffelfrisur ins allerunterste Eiskühlfach zu plumpsen, bevor es sich rein finanziell im Rahmen des Wirtschaftswunders wieder dank seines Fleißes hochbügelte. Auf Kosten einer Teilung, aber auch zum Preis einer teils unkritischen Biedermann-Haltung gegenüber dem kitschig angehauchten, aufblühenden, stolzen amerikanischen Hyper-Kapitalismus, dem sich das geschwächte, deutsche – wohl seelenlose – Nachkriegsland unterwerfen musste – so hieß es jedenfalls oft. Erneut kopfnickend Kriege und Waffendeals der Weltmacht USA unkritisch in glatter Bügelmanier deckelnd. Nicht zu vergessen, dass das Land des vermeintlichen Saubermannes dabei diverse Umweltsünden polternd in Kauf nahm. Es scheint, als habe die teutonische Seele für immer schlechte Karten. Gibt es überhaupt eine? Oder wurde sie bis in alle Ewigkeit von ihm selber eingesaugt? Und – wer ist schuld? Das Fusselmoped an sich? Könnte man ihr überhaupt wieder je einen positiven Wind einflüstern, nach allem, was geschah?

Beweis des Mitgefühls

2015 erscheint es, als könne der Deutsche sehr wohl auch einmal vorbildhaft agieren. Schließlich wird Merkel durch die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen international bekannt. Die ersten Deutschland-Flaggen wackeln bei Bolzspielen fröhlich aber auch ein wenig beklemmend hin- und her. Die Kartoffelfrisur scheint wieder zu wedeln. Die Frage dabei ist bloß – tut der Germane dies nur, weil ihm nichts Anderes übrig bleibt, schließlich ist er Deutscher? Möchte er nur wieder etwas beweisen, oder ist es tatsächlich echtes Mitgefühl? Gibt es auch irgendetwas Positives in diesem einfach gestrickten, sich anbiedernden Land? Außer (Achtung! – Mythos – von Hitler propagierte) Autobahnen und gefühlloser Technik? Und wurden dabei nicht ein paar Migranten auf der Strecke gelassen – so wie aktuell auch in Afghanistan?Ferner – was sagt es über das deutsche Gemüt aus, dass der rechte, aggressive Rand sowie eine neue vermeintliche Alternative sofort wütend die Hufe scharrt, direkt von Krise spricht, die Öffnung von Grenzen in einen negativen Zusammenhang bringend. Gar davon redet, Deutschland schaffe sich ab, habe sich übernommen, dabei Wörter aus nationalgesinnten Kriegszeiten benutzt, als hätte es jenen nie gegeben. Denn – ups – er wurde offenbar eingesaugt. Habe ich mal wieder nicht gesehen. Formulierungen, die es nicht mehr geben sollte.Zumindest nicht in einem Land, das massenhaft Menschen verfolgte und vernichtete. Dass dies nicht mehr so leicht geschehen kann, hat es nur seiner eigenen unrühmlichen Geschichte zu verdanken. Ruhe dich nicht darauf aus – teutonischer Piefke. Husch husch ins Körbchen.


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Rebecca Ramlow

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