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Fallende Blätter

Fallende Blätter
Finnland 2023, Laufzeit: 81 Min., FSK 12
Regie: Aki Kaurismäki
Darsteller: Alma Pöysti, Jussi Vatanen, Janne Hyytiäinen
>> fallende-blaetter.pandora.film/

Tragikomische Liebesgeschichte á la Kaurismäki

Die Essenz des Daseins
„Fallende Blätter“
von Aki Kaurismäki

Martin Scorseses ambivalentes Meisterwerk „Taxi Driver“ (1976) war gerade einmal wieder auf arte, dem besten aller linearen Sender, auf viel zu kleinen Fernsehern zu bestaunen. Darin versucht der Protagonist Travis Bickle die gebildete Betsy bei einem Kinobesuch zu erobern. Da der einfache Taxifahrer Kino aber nur als Pornokino kennt, geht das Date ziemlich schief – und Betsy stürmt entsetzt davon. Die Folgen (nicht nur) dieser Abfuhr sind in die Kinogeschichte eingegangen. Der Protagonist Holappa aus Aki Kaurismäkis neuem Film „Fallende Blätter“ kommt wie Travis aus der klassischen Arbeiterklasse. Auch er versucht eine Frau im dunklen Licht des Kinosaals zu erobern. Ob  durch Zufall oder nicht: Die beiden stolpern in ein altes, aber sehr atmosphärisches Filmkunstkino. Dort sehen sie sich einen Zombiefilm an. Auch das hätte gehörig daneben gehen können. Doch Holappas Begleiterin, die ruhige Ansa, amüsiert sich prächtig. Naja, sie haben sich ja auch nicht George Romeros „Zombies im Kaufhaus“ („Dawn of the Dead“, 1978), sondern Jim Jarmuschs Zombiekomödie „The Dead don’t die“ von 2019 angesehen. „Fallende Blätter“ beginnt auch im Kaufhaus und transportiert dort wie Romeros Zombiefilm (nur ganz, ganz anders) klassische Kapitalismuskritik. Ansa lässt einen Bedürftigen abgelaufene Produkte aus dem Supermarkt mitnehmen und – noch viel schlimmer – steckt sich selber ein abgelaufenes Sandwich in die Tasche. Ein Securitymitarbeiter, wohl nur zufällig mit dem trägen Charme einen Zombies, denunziert sie. Daraufhin wird sie sofort gekündigt. Und Holappa, ein einsamer Wolf, wie er im Buche steht, wird nach einem Unfall gekündigt, weil er alkoholisiert war. Die beiden treffen sich zufällig in einer Karaoke-Bar. Bis sie merken, dass sie sich gegenseitig gut tun könnten oder gar lieben, vergeht aber noch etwas Zeit. Und dann fangen die Probleme erst richtig an. Nicht nur, weil Holappa immer einen Flachmann dabei hat.

Eigentlich hatte Kaurismäki verkündet, „Die andere Seite der Hoffnung“ von 2017 sei sein letzter Film. Die sechs langen Jahre bis zu seinem neuen, im Frühling in Cannes vorgestellten Werk waren allerdings nicht allzu ungewöhnlich. In den letzten zwanzig Jahren hatte sich der Finne grob auf einen Fünfjahresrhythmus eingependelt.

Alkohol war in den Filmen von Kaurismäki immer ein Thema – wurde allerdings selten als Problem thematisiert. So ähnlich wird es sich wohl auch im Leben Kaurismäkis abgespielt haben. Der Regisseur ist als guter Trinker bekannt und war all die Jahre und Jahrzehnte ein wortgewandter Verteidiger des Rauschs. Es helfe ihm als Melancholiker, die Welt zu ertragen, und sowieso entstünden alle seine Filme an der Bar, ließ der Regisseur häufig verlauten. Den Finnen beziehungsweise allgemein den Skandinaviern wird nachgesagt, einiges zu vertragen. Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg hatte mit seiner tragikomischen Feier des Alkoholismus „Der Rausch“ in 2020 einen großen Hit zum Thema realisiert, aber auch dort wird der Rausch schließlich zum Problem. In den letzten sechs Jahren hat sich anscheinend auch Kaurismäkis Standpunkt zum Trinken geändert. Zumindest ist der Alkohol in „Fallende Blätter“ nicht nur ein steter Begleiter unseres Helden Holappa, sondern er steht tatsächlich dem Glück im Weg.

Aber nicht nur der Alkohol ist ein Problem. „Fallende Blätter“ wäre kein echter Kaurismäki-Film, wenn er sich nicht mit großem Herz den „kleinen Leuten“, der Arbeiterklasse mit all ihren Problemen und den Ungerechtigkeiten, mit denen sie sich abmühen muss, widmen würde. Und so wird „Fallende Blätter“ auch als vierter Teil von Kaurismäkis Arbeitertrilogie angekündigt. Tatsächlich ähneln sich inhaltlich alle seine Filme in einem leicht pessimistischen Humanismus, der mit leisem Humor immer auf der Seite seiner Protagonist:innen steht und mit einem radikalen Reduktionismus einhergeht, der in einer immer komplexeren, schnelleren und auch zunehmend überladenen Welt keine Einstellung, kein Detail im Setting (legendär Kaurismäkis einheitliche Farbgestaltung) und auch kein Wort und keine Mimik zu viel enthält. Die Essenz des menschlichen Daseins, die am Ende auf der Leinwand zu sehen ist, trifft das Publikum unmittelbar und umso tiefer. In seinem Alterswerk keimt zudem ein wenig Optimismus.

(Christian Meyer-Pröpstl)

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