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Michael Cöllen
Foto: Ruth Nielsen

„Einer wählt CDU, der andere die Linke“

21. Dezember 2017

Paartherapeut Michael Cöllen über Streitkultur und Versöhnung – Thema 01/18 Versöhnung

choices: Herr Cöllen, oft heißt es „wir streiten nicht, wir diskutieren nur“. Unterscheiden sich Diskussion und Streit?
Michael Cöllen: Mit Sicherheit. Die Diskussion dient dazu, Ansichten gegenüber zu stellen. Der Streit dagegen hat das Ziel eine Veränderung zu erreichen. Streiten kritisiert immer irgendein Verhalten, das einem der beiden Partner weh tut. Sinnvolles Streiten, oder wie der amerikanische Paartherapeut Georg Bach es nannte, faires Streiten, ist für Liebende heilsam.

Also ist ein Streit auch etwas Positives?
Wenn sinnvoll gestritten wird, also mit einem Ziel, dann schon.  Dabei sollte das Ziel des Streitens eine gemeinsame Veränderung sein. Meistens ist missachtete Bedürftigkeit der Anlass für einen Streit. Dieser kritische Zustand sollte durch das Streiten beendet werden – nicht tiefer geführt. Das sollten die Paare sich immer wieder vor Augen halten.

Unterscheidet sich der Konflikt mit dem eigenen Kind von einem Konflikt mit einem Erwachsenen?
Tatsächlich sollten dafür die gleichen Regeln gelten: Geduld, Wohlwollen, Würde und Einfühlsamkeit. Auch beim eigenen Kind sollte man in der Lage sein, um Verzeihung zu bitten.

Lenkt das Streiten um Kleinigkeiten von wirklichen Problemen ab?
In der Regel schon. Meistens geht es darum die eigentlichen Probleme zu verdrängen oder nicht wahrhaben zu wollen. Gerade das Thema Sexualität ist vielen peinlich: Also Erektionsstörungen, Fremdgehen, spezielle sexuelle Bedürfnisse usw. Das sind tabuisierte Themenbereiche, weil hier schnell eine Kränkung erfolgen kann. Auf Dauer entsteht dadurch aber eine innere Anspannung und Unzufriedenheit, die sich dann an anderen Stellen entlädt.

Wie kann man einen Konflikt vermeiden? Sind Ratgeber hilfreich?
In diesem Fall sind Ratgeber tatsächlich gut. Viele Konflikte ließen sich vermeiden, würde eine Streitkultur etabliert, oder mehr solcher Ratgeber gelesen und ernst genommen. Als Paartherapeut mit 40 Jahren Erfahrung bin ich überzeugt von einem Lernvorgang aus Lieben, Streiten und Versöhnen – wie auch der Titel eines meiner Bücher heißt.

Was gehört zu einer Streitkultur?
Zu einer Streitkultur gehört als erstes das aktive Zuhören. Dabei ist immer davon auszugehen, dass der Partner einem nichts Böses will, auch wenn er etwas Kritisches sagt. Der Partner sucht den Streit, weil es ihm in der Situation schlecht geht und er etwas ändern möchte, nicht weil es ihm Spaß macht.  Zweite Regel ist es, nur ein Thema zu behandeln und den Streit zeitlich zu begrenzen. Sonst hat Streit die Tendenz zu eskalieren. Die dritte Regel ist, kritische Gespräche sinnvollerweise in Friedenszeiten zu führen. Am besten macht man einen Termin, um über den Konflikt sachlich zu reden. Meistens ist man dann versöhnlicher. Zu guter Letzt ist es wichtig, volle Präsenz zu zeigen. Also seinem Gegenüber in die Augen zu schauen und dessen Würde zu wahren. Was unbedingt vermieden werden sollte ist Brüllen und natürlich Gewalt. Ebenso sind Dauernörgeln und Rechthaberei kontraproduktiv. Das sind kindliche Streitmuster, über die man hinauswachsen sollte.

Oft wird es als negativ empfunden, sich dem Partner zuliebe zu ändern. Zu Recht?
Das ist ein großer Irrglaube. Wir Menschen unterliegen einem ständigem Veränderungs-, Wachstums- und Reifungsprozess – wie alles natürliche Leben. Den Partner akzeptieren, wie er ist, ist zwar gut, aber nur die halbe Wahrheit. Zwei Menschen tun sich in der Liebe nämlich auch zusammen, um sich gegenseitig bei der Weiterentwicklung zu unterstützen. Also sich zu verändern.

Was ist, wenn ein Partner konfliktscheu ist und zu allem „Ja und Amen“ sagt?
Mangelnde Konfliktbereitschaft ist schädlich, weil sie die seelische Sucharbeit nach dem richtigen Weg blockiert. Sie führt zum Abstumpfen und Stillstand in der Beziehung. Man wird sich fremd. Oft werden Probleme aus falscher Rücksichtnahme nicht angesprochen. Dadurch entsteht eine künstliche Harmonie, während der Konflikt in einem der Partner wie ein Geschwür weiterwächst. Nicht selten verschwindet der konfliktscheue Partner über Nacht und lässt den Anderen rat- und chancenlos zurück. Dagegen ist Streiten eine faire Sache, denn es bietet die Möglichkeit, aufeinander einzugehen.

Was macht Versöhnung so schwer?
Es ist schwere Arbeit, sich selber zu überwinden und statt Rache zu üben, seelische Größe zu zeigen. Verzeihen und Versöhnen ist das Reifezeugnis für die Seele, – die Reifeprüfung für echte Liebe. Aber ich kann nur verzeihen, wenn ich mich selber stark fühle. Nur dann kann ich großherzig sein. Geht es mir aber selber schlecht, dann habe ich gar nicht die Ressourcen um zu verzeihen.

Was bedeutet es, wenn ein Partner nicht vergeben kann oder will?
Dann ist derjenige, der nicht vergeben kann, in der Regel kein guter Partner. Er zerstört den anderen mit Schuldgefühlen.

Wann ist es besser, sich abzugrenzen und nicht zu verzeihen?
Bei wiederholter Grenzüberschreitung ist Abgrenzung statt Versöhnung wichtig. Man sollte in einer Beziehung Fehler machen dürfen, damit wir aus ihnen lernen können. Sollten wir aber durch ständig wiederholte Kränkungen des Partners krank werden, dann ist Abgrenzung und Trennung der bessere Weg. Dann macht ein Verzeihen keinen Sinn, sondern führt zur seelischen Zerstörung.

Kann es Versöhnung geben, wenn beide Parteien auf ihrem Standpunkt beharren?
Eine Versöhnung ja. Ich kann mich auch aussöhnen, obwohl das Problem nicht beseitigt ist. Zum Beispiel einer wählt CDU und der andere die Linken. Dennoch kann man versöhnlich miteinander leben. Auch die Deutschen und die Franzosen, die jahrelang verfeindete Völker waren, haben sich ausgesöhnt. So ist es auch in der Liebesbeziehung. Man kann sich mit den Fehlern des Partners aussöhnen. Verzeihen ist dann nötig, wenn das Urvertrauen erschüttert wurde. Das ist ein tieferer Prozess.

Warum sollte man sich nach einem Streit versöhnen?
Die Versöhnung sollte sogar Ziel des Streits sein, denn Nicht-Versöhnen macht einsam und krank. Allein für die eigene körperliche und seelische Gesundheit ist diese Fähigkeit daher wichtig. In gewisser Weise ist Versöhnen und Verzeihen letztlich auch Friedensarbeit: Würden die Menschen lernen besser zu verzeihen, würde es keine Despoten geben, die auf Grund kleiner Kränkungen Kriege anfangen. Auch hier sollte man eine Streitkultur etablieren. Denn wie können Paare friedlich miteinander umgehen, wenn die Gesellschaft im Umgang miteinander oft so aggressiv ist?


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zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und engels-kultur.de/thema

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