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Szene aus „Metropolis“
Foto: Thilo Beu

Die Evolution drückt die Reset-Taste

28. November 2013

Das Bonner Schauspiel spielt Büchner und Fritz Lang – Auftritt 12/13

„Juppidu, Juppidu, Juppidu“, so zieht die Viererbande in die farbenfrohe Zukunft. Während der gierige Leonce als neuer König sich kaum halten kann und die nicht minder geile Lena gleich in den Wohnwagen abschleppt, errichten der knarrenbewehrte Valerio und der weibliche Che Rosetta eine Genuss-Diktatur. Und Knarf Rellöm, Erzähler und Hofmusiker zugleich, singt dazu sein Liedchen: fünf Knallchargen auf dem Weg in die Hölle des Hedonismus.

Das Duo Mirja Biel und Jörg Zboralski hat ihre 2012 in Bremen realisierte Deutung von „Leone und Lena“ für Bonn neu aufgehübscht. Büchners schwarze Politsatire wird dabei kräftig durch den Fleischwolf der Groteske gedreht. Der Plot um den gelangweilten Prinzen, der per Dekret seines Vaters heiraten soll und stattdessen nach Italien flieht, wo er sich prompt in die ihm vorbestimmte Prinzessin Lena verliebt, der Plot also bleibt weitgehend erhalten – wenn auch mit viel fremdem Textmaterial durchschossen. Auf der mit einen großen umgestürzten „P“ und einem Wohnwagen möblierten Bühne herrscht von Beginn an der Ausnahmezustand der Langeweile. Der zottelmähnig-denkwütige (68er-)König Peter in Unterwäsche (Glenn Goltz) wirkt da noch regelrecht agil gegen seinen Sohn, dem zusammen mit Freund Valerio sogar der dramatische Konflikt ausgegangen ist: „Wir haben kein Problem, das wir erzählen wollen“. Bei Leonce (Benjamin Berger) hat sich die innere Leere als effeminierte Blasiertheit und unstillbarer Narzissmus nach außen gestülpt – bis in die schrillen Klamotten. Hippietum („Lass uns Drogen nehmen und rumfahr’n“) vermählt sich mit modernem Ich-Design. Die Lena der Johanna Falckner dagegen fällt als Göre im roten Kleid mit dem Chris Isaak-Klassiker „Wicked Game“ ins Haus, pubertär, rotzig, während ihre Gouvernante (überzeugend: Julia Keiling, die auch die Rosetta spielt). gleich die Revolution im Kopf hat. Sie zieht mit dem Mündel samt Schrank in die Schlacht, kommt aber nur bis zur nächsten Ecke, weil da Möchtegern-Outlaw Valerio (Sören Wunderlich) samt prinzlichem Jammerlappen wartet. Die Inszenierung presst aus fast jeder Szene irgendeinen Witz und überzuckert ihn ins Absurde. Weil sie dabei aber immer sympathisch bleibt, entgeht ihr Büchners Sarkasmus angesichts eines vorbestimmten Lebens in einem betonierten Gesellschaftssystem.

Betoniert erscheint auch die diktatorische Herrschaft in „Metropolis“, dem Science-Fiction-Film-Klassiker von Fritz Lang und dem Roman von Thea von Harbou: versklavte Arbeiter versus luxuriöse Oberschicht. Freder, der Sohn des Alleinherrschers Fredersen verliebt sich in die junge Maria aus der Unterstadt, rebelliert gegen seinen Vater, der wiederum einen Maria-Klon bauen lässt, um die Arbeiter strategisch aufzuwiegeln. Love-Story, Frankenstein-Mythos, ödipaler Konflikt, Industrialisierung, Technikkritik – „Metropolis“ hält vieles bereit. Jan-Christoph Gockel hat den etwas verworrenen Plot aufs Notwendigste gestrafft. Die Schauspieler setzen an Schreibtischen Puppen in Gang, die eine Art Bürofronarbeit verrichten, irgendwo zwischen Callcenter und Verwaltungsvorgang. Hajo Tuchy als Freder ist ein braver, weichlicher Sohn, der von seinem verbrecherischen Vater (Wolfgang Rüter) aufrichtig geliebt, aber auch überwacht wird. Es sind vor allem die Kostüme von Amit Epstein und die helmartigen Gelfrisuren, die das Science-Fiction-Flair beschwören, ansonsten verlinkt Gockel den Plot nämlich eher mit der Gegenwart: Mit der Macht der Algorithmen, die den Menschen zum Appendix seiner Maschinen machen. Die Inszenierung, die nach der Pause leider etwas an Elan verliert, öffnet weitere Assoziationsräume zu Robotik und Humantechnologien, zitiert Filme wie „Blade Runner“ oder „2001“, lässt futuristische Bands wie Kraftwerk oder Depeche Mode anklingen (Musik: Matthias Grübel). Wenn am Ende die komplette Rückwand der Halle Beuel umstürzt und das Ensemble das Gebäude verlässt, um sich wie Affen um ein Feuer zu tummeln, ist das die Umkehr von Stanley Kubricks berühmter „2001“-Eingangssequenz: Die Evolution drückt die Reset-Taste. Der Knochen fliegt auch hier, allerdings auf einen Haufen Technologieschrott.

„Leonce und Lena“ | 6./21./26. 18 Uhr/28.12. 19.30 Uhr | Kammerspiele, Theater Bonn | 0228 77 80 08

„Metropolis“ “ | 6./8./10./12./21./28.12. 19.30 Uhr | Halle Beuel, Theater Bonn | 0228 77 80 08

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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