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Raum für Ideen

05. Mai 2019

Von der Filmzeitung zum Kulturmagazin: 30 Jahre choices

Frühjahr 1989: Auf den Ringen und auf der Hohe Straße existieren noch die vielen verwinkelten, klapprigen UFA-Kinocenter. Während Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito hier „Zwillinge“ spielen und Lieutenant Drebin seinen ersten „Nackte Kanone“-Einsatz vergeigt, setzen die von Heinz Holzapfel und Peter Liese geführten Filmkunstkinos Broadway, OFF Broadway und Odeon auf „Gefährliche Liebschaften“ und „Camille Claudel“. Dazu kommen diverse Mitternachts- und Sonderprogramme mit Filmklassikern, frechen Komödien, mit Drebins Vorgänger Clouseau, und europäischer Filmkunst. Mag das westdeutsche Mainstream-Kino kurz vor dem Zusammenbruch der DDR auch an Besucherschwund leiden, im Autorenkino feiern viele neue Namen ihren Durchbruch: Steven Soderbergh, Peter Greenaway, Pedro Almodóvar, Jim Jarmusch.

Der smarte Heinz Holzapfel kennt alle Filme, die er einsetzt – und will noch mehr. Nach einem Besuch in New York will er die Kölner Filmzeitung „Lichtspiele“ kurzerhand zum „Programm der Programmmacher“ umbauen, möchte dazu mit anderen Kulturinstitutionen anbändeln, um die „Feinheit des Empfindens für das Leben“ intelligent und breit zu spiegeln. So wie seine Kinos anders sind, soll auch die neue Zeitung anders sein. Weg vom Klein-Klein des Kölner Klüngels, hin zur großen weiten Welt. Mit Reiner Michalke vom Stadtgarten und Peter Debüser vom Luxor gründet er im Mai 1989 choices. Den Namen leiht er sich einfach vom Innenteil der New Yorker Village Voice. Das Trio holt als vierten Mann Joachim Berndt dazu, der in Bochum seit einiger Zeit die Programmhefte der dortigen Kinomacher und künftigen deutschen Disney-Chefs Wolfgang Braun und Thomas Menne managt.

Das schwarzweiße Heft wird ähnlich wie Holzapfels und Lieses Düsseldorfer biograph schnell zum Selbstläufer. „Es ist ja kein Geheimnis, dass die Programmzeitungen maßgeblich zum Erfolgsrezept der Kinos gehörten“, so Helmut W. Schneider, der in den 1980er Jahren das Wuppertaler Cinema leitete und heute Chef des Bochumer Union-Kinos ist. Und angesichts der vielfältigen „Gesellschafts- und Lebensthemen“, die in der Millionenstadt Köln jahrelang vernachlässigt oder vergessen wurden, ist sich Joachim Berndt sicher: „Es gab ein Bedürfnis nach Gründung des choices-Magazins.“

choices wächst ab 1989 jedenfalls rasant: Das Metropolis, die Filmpalette und die Lupe 2 kommen mit an Bord, dazu die Oper, die Studiobühne, das Freie Werkstatt Theater, die Kabaretts, die Philharmonie, sogar die vornehmeren UFA-Theater Residenz und Scala sind vom Konzept überzeugt. Dank vieler treuer Werbepartner wird das Heft erst bunt, dann neu sortiert nach Theater, Kino, Kunst, Literatur und Musik – schließlich mit Kalendern und gesellschaftspolitischen Aufmacher-Themen versehen.

Im Sommer 2016 verstirbt Heinz Holzapfel, der nach dem Ende seiner Kinomachertätigkeit noch viele Jahre für sein Magazin Kritiken schrieb und in dem neugegründeten Schwestermagazin trailer-ruhr 2002 frech verkündete: „Was ist schon Hollywood angesichts des vielfältigen Lebens an Rhein und Ruhr?“ Einer von Holzapfels Lieblingsfilmen war Nanni Morettis Drama „Das Zimmer meines Sohnes“. Vom plötzlich unbelebten Jugendzimmer eines tödlich verunglückten Sohnes blendete Holzapfel in den belebten Theaterraum, wo wir gemeinsam mit anderen Menschen den Wert des Lebens erkennen könnten.

Kinos, Theater, Museen und Konzertsäle seien die besonderen Räume, die uns nichts verkaufen, sondern innerlich bereichern wollen. Dass man die Räume einer Großstadt weniger mit Sachen füllen sollte, als vielmehr mit Ideen – der Maxime fühlt sich choices heute noch verbunden wie am ersten Tag.

Rüdiger Schmidt-Sodingen

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