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Iranerin Maryam Tafakory, „Absent Wound“ (2018)
Foto: die Künstlerin

Sinnvolle Wahrnehmung durch eine Linse

27. Februar 2019

Die 17. Videonale im Bonner Kunstmuseum – Kunstwandel 03/19

Eine Wirklichkeit findet heute nicht mehr statt. Tatsächlich wird jeder Blick auf Materie und deren Stillstand oder Bewegung im Raum von alternativen Strategien und Möglichkeiten belastet, von digitalen Spiegelwelten ganz zu schweigen. Die 17. Videonale im Bonner Kunstmuseum geht zumindest von einer Verzerrung der Realität aus. Unter dem Titel „Refracted Realities“ (Gebrochene Wirklichkeiten) zeigt dasFestival für Video und zeitbasierte Kunstformen in diesem Jahr 29 aktuelle internationale künstlerische Positionen auf Bildschirmen und -wänden. Über 1.100 Einsendungen von Videokünstlern aus über 60 Ländern machten eine Auswahl nicht leicht.

Der erste Blick in die karge dunkle Szenografie lässt das Auge bereits flimmern. Hier flanieren Massen von Menschen über einen Zebrastreifen, dort tropft Blut zwischen zwei schmale nasse Füße. Wer sich tatsächlich auf die Suche nach den echten Sekunden der Realität machen will, der muss in den kommenden Wochen fast 800 Minuten Video schauen, das sind komplette zwei Arbeitstage im Museum. Schnelle Highlights sind bei der Videonale nie zu finden, immer wenn der Betrachter denkt, das sei es, schnellt aus dem Bildschirm die nächste Unerhörtheit. Klar, das artifizielle Fotogehacke (ist liebevoll gemeint) eines Tobias Zielony kennt man („Maskirovka“ von 2017: über 5.000 Bilder in 8:46 Min),vielleicht auch noch die Arbeiten von Clemens von Wedemeyer („Transformation Szenario“, 2018, 20:00 min), der in Bonn auf mehreren Bildschirmen mit der Macht von Massen spielt.

Die für mich eindrucksvollste Arbeit stammt von der Iranerin Maryam Tafakory. Ihr Single-Channel Video „Absent Wound“ (2018) ist ein zehnminütiger Einblick in immaterielles Kulturerbe der UNESCO im Iran. Dort sind in rituellen Krafttrainingsräumen mit Schwimmbad, sogenannten „Zurchaneh“, Frauen traditionell (ist klar) nicht geduldet. Dennoch scheint sich eine eingeschlichen zu haben, unerkannt, nur Hände und Füße sind zu sehen und dann tropft eben Blut, findet sich in Schüsseln und Lappen: „I am not ill, nor wounded by spear“. Die männlichen Muskelpakete pumpen stoisch weiter. Dieser weltweite Kampf der Frauen wird noch lange weiter gehen müssen.

Videonale.17 | bis 14.4. | Finissage-Programm: 10. - 14.4. | Kunstmuseum Bonn | v17.videonale.org

Peter Ortmann

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