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Foto: Presse

Liebe als Entsagung

25. April 2013

Wagners Lebenskrise in „Tristan und Isolde“ – Opernzeit 05/13

Tristan ist ein moderner Charakter: in sich zerrissen und ambivalent, ehrgeizig und skrupellos. Ein Karrierist, der ein selbst entfremdetes Leben führt und vor den Traumatisierungen seiner Kindheit flieht. Von Isoldes Liebe erhofft er sich Heilung, doch ihre Begegnung steht von Anfang an unter den Vorzeichen von Betrug und Tod.

England und Irland sind im Krieg. Tristan, auf der Seite der Engländer kämpfend, erschlägt im Kampf den Verlobten von Isolde, der irischen Königstochter, und führt König Markes Truppen zum Sieg. Tristan trägt eine Verletzung davon, die nur Isolde heilen kann. Ihre Rache fürchtend verheimlicht er seine wahre Identität, doch bald erkennt sie in ihm den Mörder. Sie will sich rächen, doch erweckt sein Anblick ihre Liebe, und geheilt lässt sie ihn ziehen. Die eigentliche Handlung des Musikdramas setzt mit dem zweiten Betrug Tristans ein: Abermals reist er nach Irland, doch nun als offizieller Vertreter der Siegermacht, um Isolde König Marke als Braut zuzuführen und somit den Frieden zwischen England und dem Vasallenstaat zu sichern. Auf der Überfahrt fordert sie Sühne: Gemeinsam will sie mit ihm aus dem Leben scheiden und reicht ihm den Todestrank. Angesichts des Todes gestehen sich beide ihre Liebe, doch wie sich bald herausstellt, haben sie kein Gift getrunken, sondern Todes- und Liebestrank miteinander vertauscht. Eine klassische freudsche Fehlleistung, die für das gegenseitige Eingeständnis steht, für ihre Liebe sterben zu wollen. Sie nennen sich nun „Nachtgeweihte“, deren Sehnsucht niemals in der trügerischen Welt des Tages Erfüllung finden kann. Mit der Ankunft in England nimmt das Geschehen seinen verhängnisvollen Lauf. Tristan verrät seine Freundschaft zu König Marke, Isolde wird zur Ehebrecherin. Die Liebe wird beiden zu einer furchtbaren Qual, als der Betrug entdeckt wird: Sie trennen sich, ohne voneinander loszukommen. Tristan sucht den Freitod, kann jedoch erst sterben, als König Marke Isolde freigibt. Isolde folgt ihm in den Tod, der auch sie von einem falschen Leben erlöst. Ihr großer Abschiedsgesang ist Weltentsagung und Verklärung zugleich.

Schopenhauers Philosophie der Entsagung, mit der sich Wagner zur Zeit der Komposition auseinandersetzte, hat dieses Musikdrama stark beeinflusst, und Nietzsche bezeichnete es sogar als „opus metaphysicum aller Kunst“. Die Zurücknahme der äußeren Handlung bis zum Stillstand hat eine Entfaltung und Selbstständigkeit der Orchestersprache zur Folge wie in keinem anderen Werk Wagners. Die Sehnsucht Tristans und Isoldes nach Entgrenzung findet in der völlig neuen Behandlung der Stimmen ihren Ausdruck: Die „unendliche Melodie“ hebt die Trennung einzelner in sich geschlossener Gesangslinien auf und verschmilzt sie zu einem nicht endenden Melodiestrom. Die Partitur ist symphonisch angelegt und weist mit ihrer die Grenzen der Tonalität sprengenden Chromatik auf die Musik des Zwanzigsten Jahrhundert voraus.
Mit „Tristan und Isolde“ überwindet Wagner eine persönliche Lebenskrise. 1854 bestimmt Resignation sein Leben: Die Hoffnungen des einstigen Barrikadenkämpfers auf eine Revolution in Deutschland haben sich nicht erfüllt, und die politische Verfolgung treibt ihn weiterhin ins Exil, diesmal in die Schweiz. Otto Wesendonck, ein wohlhabender Kaufmann, unterstützt den mittellosen Komponisten, der sich sogleich in die Frau seines Mäzens verliebt. Seine Gefühle werden erwidert, und es liegt nahe, dass beide ihre ausweglose Situation in dem mittelalterlichen Epos von Tristan und Isolde widergespiegelt sehen: Die Unmöglichkeit der Erfüllung ihrer Liebe und die Notwendigkeit der Entsagung.

„Tristan und Isolde“ I ab 28.4. I Oper Bonn

KERSTIN MARIA PÖHLER

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