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Foto: Knut Klaßen

Tanzende Geschichte

03. März 2021

„Gymnastik“ von Ballet of Difference am Schauspiel Köln – Bühne 03/21

Zeitgenössischen Tanz, aufgeladen mit politischen Botschaften, gibt es zuverlässig beim Ballet of Difference (BOD) zu sehen. Für ihr neues Stück „Gymnastik – Stretching out to Past and Future Dances“ hat die vielsprachige Truppe des Schauspiel Köln mit Gintersdorfer/Klaßen zusammengearbeitet. Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen bilden zusammen mit wechselnden Tänzern und Musikern eine deutsch-französisch-westafrikanische Gruppe, die sich der Performance und dem Theater widmet. Unter ihrer Regie, Choreografie und Künstlerischer Leitung entstand ein wilder Ritt durch die Tanzgeschichte, der Europa, Afrika und die USA historisch und politisch verknüpft.

Der Tanzabend wird, eben zeitgenössisch, im Stream präsentiert. Dabei nutzt das Ensemble die Vorteile dieser doch filmischen Präsentation: Mehrere dynamische Kameras begleiten die Tänzer auf dem Weichboden, derweil angelt der Tonmann, was er kann. Dieses Kollektiv atmet mit der Musik der Kunstperson Hans Unstern, dessen Lyrik und Kompositionen durch mehrere, unsichtbar bleibende Künstler entsteht. Man könnte nun vermuten, dass zu viele Köche die Darbietung in Brei verwandeln, doch präsentiert sich das Zwei-Stunden-Programm als übersichtliche Nummernrevue.

Pünktlich um 19.30 Uhr soll der Stream starten, nein, soll man „hier klicken“, ein Zeitzähler läuft ab. Die Aufregung steigt – was, wenn man nicht rechtzeitig klickt? Was, wenn der Stream nicht lädt? Diesmal läuft jedoch, im Vergleich zum letzten BOD-Stück „All for One and One for the Money“, alles glatt. Das System wird auch nicht derart mit wechselbaren Streams und einem Chat überlastet.

Raum für neue Auswüchse

Das Gespräch, die Beteiligung des Publikums, wie sie von Twitch und anderen Liveportalen bekannt ist, fehlt nun aber etwas. Stattdessen mutet das Stück zunächst wie ein Work-in-Progress-Showing an. Die Kulisse, aus der die Tänzer kommen, ist Teil des Bilds. Anstatt Musik werden die Bewegungen auf das Zählen von eins bis acht ausgeführt. Ein Einblick in eine Tanzstunde, in der eine Vortänzerin noch etwas erzählt – und irgendjemand ruft „Mistake“ dazwischen.


Foto: Knut Klaßen

Die hässlich-blauen OP-Masken verdecken noch die Gesichter. Doch später rutschen sie, verheddern sich, werden zum Sprechen abgenommen und bleiben vergessen auf dem Boden liegen. Löcher bildende Ärmelansätze auf den Kostümen bieten die Möglichkeit, weitere Körperteile hindurchwachsen zu lassen. Im Hintergrund beginnt eine eigens für „Gymnastik“ gebaute Harfe zu klimpern.

Neu interpretiert versucht sich das Ensemble in Rhythmusgymnastik, bringt Stäbe, Kugeln und gefüllte Stoffwürmer auf die Bühne. Ein bisschen Chaos scheint dabei geplant, wenn sich die Tanzenden die Silberkugeln zuwerfen oder die Stoffsäckchen auf den Boden klatschen. Besteht doch ein Großteil des Tanzalltags seit Beginn der Tanzgeschichte aus Training, aus Wiederholung, aus dem Lernen aus Fehlern.

Viele Botschaften und Bilder zugleich

Dabei ist jedes Ensemblemitglied mal Lehrer, jeder erklärt seine politische Motivation oder die berühmter Tänzer und Tänzerinnen des letzten Jahrhunderts. Die anderen tanzen nach, übersetzen Französisch in Deutsch oder Englisch. Zu Unisono-Choreografien erklingen abwechselnd geräuschartige Musikeffekte und androgyn-stimmiger Gesang. Die Hans Unstern genannte Person mit Glitzerbart und in High Heels ergänzt dabei auch singende Tänzerinnen.

Eigene Interpretationen von Afro-Dance weisen Überschneidungen auf mit dem ruckartig gesprungenen Todestanz. Geschichtslektionen werden begleitet vom verspielten Tanz mit großen, bemalten Papierbögen. Zwischen Sprachengemisch und zu leisem Ton fällt es zunehmend schwer, den Vorträgen inhaltlich noch zu folgen, zumal Bild und Geräusche und Tanz natürlich auch ablenken. Aber vielleicht reicht es, die entscheidenden Sprachfetzen aufzunehmen.

Manchmal genießt man auch einfach nur die fantastisch biegsamen Körper in den vielfältigen, aufwändigen Kostümen. Bewundert die interessanten Tattoos hier und da. Lässt sich in die Geschlechterunklarheiten der Darbietenden fallen, ohne Eindeutigkeiten zu fordern. Über die live und in diesem Moment stattfindenden Tänze werden Tanzaufnahmen aus den 20ern, 30ern und 40ern geblendet.

Ist das die Zukunft?

Teils ist man so nah am Schweiß, der feuchte Spuren auf dem Tanzboden hinterlässt. Könnte die Gesichter der Tanzenden fast berühren. In diesen Momenten wird umso schmerzlicher klar, dass man daheim allein auf dem Sofa sitzt. Die Luft erhitzt sich nicht von den intensiv arbeitenden Körpern. Es riecht nicht. Der Ton knallt nicht, lässt den Rhythmus nicht in die eigenen Knie übergehen.

Mrs. Hyde, die mit Gruselgrimassen ihre Brüste in die Kamera schüttelt, holt die Zuschauer sicher doch wieder aus dem drohenden Stupor. Es geht nun um die „Future Dances“, die Bild-Overlays werden alle gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven gefilmt. Aus den Ärmelansätzen sind viel zu lange Ärmel und Hosenbeine geworden, die unisono schwingen und vor Ausrutschern fürchten lassen.

Fehlender Austausch mit Publikum

„Dancers Become Dangerous“ überträgt sich, während das Ensemble Feuerwehrleuten gleich Anstalten macht, sich um das Feuer zu kümmern („Attend the Fire“). Im Ganzkörper-Glöckchenanzug geht ein Dank an das, was die Antifa für Künstler überall auf der Welt erreiche. Zu den trainierten Körpern gesellt sich mit Ansage eine Amateurtänzerin, „über 80 Kilo, über 50 Jahre alt“. Um Hans Unstern verteilt liegen Erbsen, die die Musikfigur auf die Saiteninstrumente gegossen hat.

Eine Tänzerin fragt sich: Ist es fair, dass wir sie, sie jedoch nicht uns sieht? Und verstärkt damit die ohnehin herrschenden Ängste, jemand könnte als Teil der Performance die heimischen Laptopkameras anschalten. Ein Tänzer fragt sich: Ist das Klatschen ein Zeichen, dass die Darbietung gut war? Oder nur ein Ritual, bevor man nach Hause geht? Während der Abspann über den Bildschirm rutscht, applaudieren und johlen zumindest Mitglieder aus dem Team. Hoffentlich hört das Ensemble auch den Applaus aus den Fernsehzimmern.

Gymnastik | R: Monika Gintersdorfer | Stream: 7.3. 16 Uhr, 18., 26.3. je 19.30 Uhr, 5.4. ganztägig abrufbar | Schauspiel Köln | 0221 221 284 00

Rosanna Großmann

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