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Office Killer

Office Killer
USA 1997, Laufzeit: 90 Min.
Regie: Cindy Sherman
Darsteller: Carol Kane, Molly Ringwald, Jeanne Tripplehorn, Barbara Sukowa, Michael Imperioli, David Thornton, Mike Hodge, Alice Drummond

Ein Film-Standfoto von Cindy Sherman, das Bild einer Frau an ihrem Arbeitsplatz: Die riesigen Brillengläser passen so wenig ihrem Gesicht, daß wir sie getrost für eine Maskerade halten dürfen. Wer eine solche Brille trägt, verschließt sich bewußt den Blicken der Außenwelt. Immer wieder hat sich Sherman ironisch mit den Verhüllungsstrategien der Mode auseinandergesetzt. Die Frau auf dem Foto macht dabei jedenfalls einen durchaus selbstzufriedenen Eindruck. Der leicht wahnsinnige Gesichtsausdruck der Brillenträgerin legt allerdings den Verdacht nahe, daß sie in mehr als einer Hinsicht mit den Gepflogenheiten des modernen Büroalltags gebrochen hat. Dies ist keines der berühmten "Untitled Film Stills", mit denen sich die Fotokünstlerin Cindy Sherman in den Siebziger Jahren einen Namen machte als Wegbereiterin der "Staged Photography". Auch sitzt sie sich diesmal nicht selbst Modell, wenngleich ihr die Maskerade durchaus zuzutrauen wäre. Der Film, aus dem diese Szene stammt, existiert tatsächlich, und einen Titel hat er auch: "Office Killer". Und in der Tat: Die von Carole Kane dargestellte, schüchterne Redakteurin einer Frauenzeitschrift ist eine Serienmörderin. Als man die verdiente Mitarbeiterin aus dem Büro verdrängt, um per Internet zu Hause zu arbeiten, bricht für sie eine Welt zusammen, bis sie unter ihren Kollegen für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt. Eine lange Odyssee hat dieser Film schon hinter sich, seit er vor fast drei Jahren das erste Mal auf Festivals auftauchte. Die Disneycompany wußte so rein gar nichts damit anzufangen, und auch der verspätete deutsche Start scheint alles andere als sicher. "Office Killer" ist ein kleiner Horrorfilm, ein wenig zu kunstvoll, um als B-Picture durchzugehen, auch wenn ihm dieses Etikett wohl nach Ansicht der Filmemacherin zur Ehre gereichte. Als lustvolle Hommage an die Slasher Movies, an das "Texas Chainsaw Massacre" und "Freitag, der Dreizehnte" spielt Shermans Film innerhalb des klassischen Rahmens einer schwarzen Komödie mit der Freude an der grotesken Deformation menschlicher Körper - ein Sujet, das in ihrem fotografischen Werk seit Mitte der achtziger Jahre eine zentrale Rolle einnimmt, als sie begann, Prothesen menschlicher Extremitäten und Geschlechtsteile neu zu kombinieren. Der damit einhergehende, allmähliche Rückzug ihrer eigenen, identifikationsstiftenden Präsenz als Modell innerhalb ihrer Arbeit (seit kurzem taucht sie dezent wieder darin auf) findet hier seine Pointierung - wenngleich es schwerfällt, bei Carole Kanes Darstellung einer schüchternen New Yorker Intellektuellen nicht auch an Shermans eigene Rollenzuweisungen in ihrer Kunst zu denken. Sherman führt die Stilmittel ihrer Horror- und Disaster Pictures, insbesondere aber der dunklen "Fairy Tales", zurück zum Filmgenre, das sie inspirierte. Insbesondere die artifizielle Farbigkeit jener gespenstischen Stilleben, auf denen, wie etwa in "Untitled, # 179", Produkte sogenannter Ehehygiene eine nicht unbedingt sachgemäße Verwendung finden, wird nun als eindeutig filmisches Stilmittel erkennbar. Es ist das violettblaue Licht der "amerikanischen Nächte", jener falschen Nachtaufnahmen, deren albtraumhafter Unwirklichkeit stets auch etwas Warmes und Anziehendes innewohnt. Dario Argento hat in seinen Filmen gezeigt, wie kunstvoll es sich innerhalb einer kunsthistorischen Tradition auch im Horrorgenre komponieren läßt. Einer Ästhetik, in der auch das Blut zunächst einmal eine Farbe ist. "Ich war immer ein Filmfan, aber ich liebe "Freitag, der 13.", "Nightmare on Elm Street", sagt Sherman. "Für mich ist es das gleiche wie meine Liebe zu den Achterbahnfahrten der Vergnügungsparks, die einen zu Tode ängstigen. Ich dachte, falls ich jemals Filme machen sollte, dann solche..." Schrecken allerdings verbreitet Shermans Film kaum, wie sich unter Fans des Genres bereits herumgesprochen haben dürfte. Doch es ist ein Mißverständnis, daß die Rezeption der Ekel-Varianten des phantastischen Kinos, der Slasher- und Splatterfilm, naturgemäß auf Schrecken basiere - weit näher stehen diese Filmformen der Komödie. Wer einmal "Tanz der Teufel" in einem vollbesetzten Kino sah, weiß um die Heiterkeit, mit der die grotesken Verstümmelungen menschlicher Körper dort aufgenommen werden. Die Komik ensteht dabei aus dem Konflikt zwischen Unvorstellbarkeit und Banalität: mit den durchschaubaren Mitteln der Special Effects findet eine hemmungslose Visualisierung für gewöhnlich unaussprechlicher Vorstellungen statt. Die Künstlichkeit des Ergebnisses ist dabei nicht gestalterisches Unvermögen, sondern intendiertes Wirkungsmittel einer Komik des Grotesken. In Shermans Film wird Dorine erst zum "Office Killer", als sie versehentlich einen Kollegen tötet. "Später", so Sherman, "im Büro findet sie heraus, daß sie plötzlich mehr Macht hat, denn die Abwesenheit des Kollegen bedeutet, daß sie mehr Verantwortung bekommt. Dann dämmert ihr, daß sie noch mehr Macht gewinnen kann, wenn sie noch jemanden umbringt." Die verwesenden Leichen werden friedlich vor dem Fernseher versammelt, wo ihnen das monotone Programm auch nichts mehr anhaben kann. "Das künstliche Blut", so die Künstlerin, "ist lustig, weil es so falsch ist, aber man tut so, als hätte man Angst. Es ist eine Art yin-yang: Es mag eine schreckliche Situation sein, aber man kann lachen, weil es so falsch und grotesk ist." Dies hat man natürlich schon vorher gewußt, doch Shermans schwarze Komödie, in der auch Barabara Sukowa einen Auftritt als gouvernantenhafte Kollegin hat, hegt nicht den Anspruch, die Grenzen des Genres neu zu definieren. Sherman sucht keine Metaebenen, die als Alibi für die künstlerische Beschäftigung mit einer wenig diskussionswürdigen Unterhaltungsform herhalten müßten. Dies ist nicht der "Zusammenbruch des Simulacrums im Desaster", wie es der Kunsthistoriker Norman Bryson einmal über ihre Arbeit formulierte, sondern das Vergnügen an der Sache selbst. Shermans Humor aber eröffnet dabei auch eine neue Sicht auf ihr neueres fotografisches Werk. Sollte es nicht auch erlaubt sein, das Komische in Shermans Schreckensbildern anzusprechen? Diesen Arbeiten ihre Komik abzusprechen, wie es die gängige Sherman-Rezeption tut, heißt, einen Teil ihrer Qualität zu negieren. Cindy Shermans schwarzweiße Filmstills verdankten ihre Wirkung einer nicht eindeutigen inhaltlichen Codierung. Die Offenheit für Projektionen jeder Art besierte auf dem Umstand, daß es sich bei ihnen selbst um Projektionen handelte: Spiegelungen archetypischer Kinobilder, die, gerade weil sie zumeist keine direkten Vorbilder besaßen, deren Konstruktionsmuster offenlegten. Erst in der Negierung des narrativen Kontextes eröffneten sie sich der ästhetischen Wahrnehmung. Die Künstlerin nun direkt innerhalb eines bestehenden Filmgenres arbeiten zu sehen, geschieht um den Preis dieser Mehrdeutigkeit. Umso höher ist dieser radikale Schritt im Gesamtwerk der Künstlerin zu bewerten.

(Daniel Kothenschulte)

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