
Mutiny in Heaven – Nick Caves frühe Jahre
USA 2023, Laufzeit: 98 Min.
Regie: Ian White
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Dokumentarischer Blick in den musikalischen Abgrund
Höllensound
„Mutiny in Heaven – Die frühen Jahre von Nick Cave“ von Ian White
Nach dem Film weiß man auf jeden Fall, was Drogen bewirken können – im Guten wie im Schlechten. Eigentlich heißt der Dokumentarfilm von Ian White „Mutiny in Heaven – The Birthday Party“. Der deutsche Verleih hat sich aber aus nachvollziehbaren Gründen für einen werbewirksameren Titel entschieden. Wer kennt schon noch The Birthday Party? Aber deren Sänger Nick Cave kennt inzwischen wohl jeder und jede! Cave hatte in der Nähe von Melbourne zusammen mit ein paar Mitschülern in den frühen 1970er Jahren eine Schülerband gegründet und die übliche Riege der damals Coolen gecovert: David Bowie, Lou Reed bzw. Velvet Underground, Iggy Pop mit seinen Stooges, Roxy Music. Nach der Schule gesellte sich zu Cave, dem Schlagzeuger Phill Cavert und dem Gitarristen Mick Harvey der Bassist Tracy Pew. Jetzt nannte man sich Boys Next Door und war musikalisch von der 1976 losgetretenen Punkwelle infiziert. 1978 kommt Roland S. Howard mit seinem ganz eigenen Gitarrensound hinzu. Mit dem zweiten Album benennt man sich in The Birthday Party um (das zweite Boys Next Door-Album ist gleichzeitig das erste der Birthday Party), der Sound wird düsterer, kantiger, wilder. Zugleich kommen Blues- und Jazz-Elemente ins Spiel. Ihren kaputten Sound perfektionieren sie auf den folgenden beiden Alben, nach weiteren zwei EPs ist 1983 Schluss. Tracy Phew stirbt bereits 1986. Dass der Rest die 80er Jahre überlebt hat, ist nicht selbstverständlich. Aber David, Iggy und Lou haben ihre Drogenexzesse ja auch überlebt.
Regisseur Ian White nimmt uns mit auf eine Reise einiger junger Männer, die sich komplett einer neuen Sache verschreiben, ohne zu wissen, wohin sie das führt. Als sie 1980 nach London umsiedeln und noch relativ erfolglos im Drogenrausch dahinvegetieren, sind sie von dem sie umgebenden Post Punk gelangweilt. Der Ausweg sind ihre eigene neue Musik und die ekstatischen, chaotischen Liveauftritte („16 Minutes of sheer hell“ lautet der Titel einer Liveaufnahme von 1981). 1982 zieht es sie zu der radikaleren Musikszene in Berlin. Dort machen sie u.a. die Bekanntschaft mit den Einstürzenden Neubauten. Da ist das Ende der Band schon nah. Heute würde man das einen Burnout nennen, angesichts des physischen und psychischen Stresses, dem die fünf Musiker in den zurückliegenden Jahren ausgesetzt waren, von zwischenmenschlichen Konflikten ganz zu schweigen. Miteinander über Probleme sprechen, das war zu jener Zeit in dieser Szene nicht üblich.
White bedient sich eines großen Fundus an Archivmaterial: alte Foto- und Filmaufnahmen aus Australien, Material aus London und Berlin sowie Studio- und Konzertmitschnitte. Dazu kommen Interviews, vor allem mit Nick Cave und dem 2009 verstorbenen Roland S. Howard. Die Lücken werden von animierten Zeichnungen des Berliner Comiczeichners Reinhard Kleist gefüllt, der eine Comic-Biografie über Cave (und aktuell über Bowie) veröffentlicht hat. Die Montage und Behandlung des Filmmaterials orientiert sich sichtlich an dem kunstvoll-krawalligen Sound der Band.
(Christian Meyer-Pröpstl)

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