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La Grazia

La Grazia
Italien 2025, Laufzeit: 131 Min., FSK 12
Regie: Paolo Sorrentino
Darsteller: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque

Nostalgischer Blick auf Machtpolitik

Letzte Amtshandlung
„La Grazia“
von Paolo Sorrentino

In seinem vorherigen Film „Parthenope“ erhob Paolo Sorrentino erstmals eine Frau zur Handlungsträgerin in einem seiner Dramen – eine geradezu mythologisch entrückte Figur. Mythologisch entrückt ist auch Anora, die große Liebe von Mariano De Santis (Toni Servillo) in Sorrentinos neuestem Werk. Nur ist Anora seit acht Jahren tot. Doch sie beherrscht De Santis. Zum einen durch den Schmerz ihrer Abwesenheit. Zum anderen durch einen ewigen Groll, der den Politiker umtreibt, da Anora ihn einst betrogen hat, und De Santis nie erfahren hat, mit wem. De Santis ist italienischer Staatspräsident in seiner sechsten Amtszeit, und es wird seine letzte sein, schon bald nimmt er den Hut. Vorher liegen noch drei Akten auf seinem Schreibtisch, drei Entscheidungen: Ein Gesetz zur Sterbehilfe wartet ebenso auf De Santis‘ Unterschrift wie zwei Gnadengesuche. Der Jurist und Staatsmann tut sich seit jeher schwer mit Entscheidungen. So auch jetzt. Darüber hinaus schläft der gläubige Katholik im Gebet ein, und im Schlaf findet er keine Träume. Dorotea (Anna Ferzetti), seine Tochter und rechte Hand, triezt ihn und verwehrt ihm kulinarische Sünden. Sein bester Freund Ugo (Massimo Venturiello) will in seine Fußstapfen treten, und De Santi wird den Verdacht nicht los, dass Ugo und Anora dereinst …

Macht und Politik, Dekadenz und Männlichkeit – auch in „La Grazia“ bewegt sich Sorrentino anmutig durch bewährte Gefilde, die den Großteil seines Werks prägen. Die Befürchtung, dass sich dabei eine ermüdende formelhafte Redundanz einstellt, so wie es inzwischen manche Wes Andersons Kulissendramen nachsagen, bestätigt sich auch bei Sorrentinos neuen Drama nicht. Im Gegenteil. Durchaus umschifft der Regisseur wieder bewährt elegant die Machtpolitik, treibt den dekadenten Reigen voran mit Opulenz, Melancholie und schelmischem Blick, mit schicken elektronischen Einschüben auf der Soundebene und manchmal in extremer Zeitlupe. Und natürlich darf Sorrentinos Stammspieler Toni Servillo („Die Folgen der Liebe, „Il Divo“, „La Grande Bellezza“, „Loro“) nicht fehlen. Zugleich bleibt „La Grazia“, bleibt Sorrentino erfrischend! Denn mit seiner neuesten Staatsoper gibt Sorrentino der Politik diesmal ein Stück Würde zurück. Es macht beinahe den Eindruck, als liefere Sorrentino mit 55 Jahren sein erstes Alterswerk. „La Grazia“ wirkt versöhnlich, wenn sein bedachter Held altersmüde, altersweise und altersmilde dem eigenen politischen Ende entgegenblickt. Wenn der Politiker schwächelt, menschelt, reflektiert. Über sich selbst lacht.

„La Grazia“ ist Nostalgie, mit der Sorrentino einen willkommenen, heilsamen Gegenentwurf schafft zu dem, was zeitgenössische Staatsführer derzeit mit Ego und Schnellschuss anstellen. Und damit ist „La Grazia“ zugleich Utopie, auch für Italien, das grundlegend anders regiert wird als in diesem Drama. Nein, ein De Santis, eine Politik mit menschlicher Regung, ist in der Realität derzeit nicht in Sicht. So wirkt der Film salbend und stimmt hoffnungsvoll. Sorrentino umarmt uns fernab von Verklärung und liefert anregende, amüsante Wohltat.

(Hartmut Ernst)

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