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Just a Kiss
Großbritannien/ Italien/ Deutschland/ Spanien 2004, Laufzeit: 104 Min., FSK 6
Regie: Ken Loach
Darsteller: Atta Yaqub, Eva Birthistle, Ahmad Riaz, Shabana Bhaksh, Shamshad Akhatar, Ghizala Avan, DJ Shy, Gerard Kelly, John Yule, Gary Lewis, David McKay, Raymond, Mearns, Pasha Bocarie

"Ich bin eine irre Mischung und stolz darauf", schleudert Tahara ihren Klassenkameraden in einer entfesselten Rede wider die Verteufelung des Islam entgegen. Ihre Eltern sind vor über 40 Jahren aus Pakistan emigriert, sie ist eine in Glasgow geborene Muslimin, noch dazu waschechter Celtic-Fan. Mit vor Stolz und Trotz geschwellter Brust präsentiert sie das heilige grün-weiß gestreifte Fußballtrikot ? und tritt eine Lawine an Ereignissen los. Denn: Die Jungs haben nichts Besseres im Sinn, als der tief sitzenden Problematik mit pubertären Hänseleien zu begegnen, welche sich Tahara beileibe nicht mehr bieten lassen will. Mit Tränen in den Augen setzt sie den Peinigern nach. Ihr hinterher ihr älterer Bruder Casim, der sie von der Schule abholen wollte. Auf einer wilden Verfolgungsjagd. Durchs ganze Gebäude. Bis ins Unterrichtszimmer der jungen Musiklehrerin Roisin. Ein Aufeinandertreffen mit Folgen: So zart die Liebe auch zwischen Casim und der blonden Katholikin aufblüht, so explosiv gestalten sich die folgenden Konflikte zwischen und vor allem innerhalb der Kulturen. Casim führt als angesagter DJ und zukünftiger Besitzer eines eigenen Clubs längst ein westlich sozialisiertes Leben, das seine historischen Wurzeln in den Schatten hat treten lassen. Die Familie bildet einfach den liebenden Schoß. Wäre da nicht die kaum zu verleugnende Tatsache, dass er bereits traditionsgemäß einer anderen versprochen ist. Was ihn unweigerlich und unausweichlich vor die Entscheidung stellt, entweder seine Eltern zu verlieren oder die Beziehung zu Roisin dem Familienfrieden zu opfern. "Entweder der Anbau oder der Garten ? Du kannst nicht beides haben", stellt sein Vater unmissverständlich klar und ist sich sicher, dass sein Sohn das feste Fundament einer geregelten Ehe dem so unberechenbaren wie unkultivierten Gestrüpp einer interkulturellen Liebe vorziehen wirdÖ Generationen im kulturellen Infight So verbohrt der Vater auch in seiner traditionellen Verwurzelung erscheint, vermeidet es der Film doch geschickt, allein den Finger auf diese Wunde zu legen. Nicht nur, dass Regisseur Ken Loach auf die bitteren Gemetzel zwischen Hindus und Moslems verweist, die das britische Imperium dereinst bewusst ausgelöst hat, nein, er bringt genauso das nicht minder stumpfsinnig an seinem Regelwerk festhaltende Christentum aufs Tableau: Auch Roisin hat bis dato ein emanzipiertes, von Religion unbeeinflusstes Leben geführt. Doch genau die ist es, die ihr nun zum Verhängnis zu werden droht, benötigt sie doch für ihre Festanstellung eine 'Unbedenklichkeitsbescheinigung', die ihr der Pfarrer allerdings nur ausstellen will, sofern sie mit Casim nicht weiter in Sünde lebt und sich verpflichtet, gemeinsame Kinder katholisch zu erziehen. Auf diese Weise nähert sich der Film äußerst vielschichtig einem Krieg der Kulturen, der auch die nachfolgenden Generationen in seinen Strudel reißt: Hier die Sicherheit suggerierende muslimische Tradition, an die sich Casims Vater seit den Massenfluchten und ?morden nach dem Abzug der Briten aus Indien klammert. Dort der unbehelligt weiterwuchernde christliche Fundamentalismus, der seine bitteren Früchte immer erst dann offenbart, wenn man sich gegen ihn schon nicht mehr zur Wehr setzen kann. Und mittendrin eine Jugend, die sich ahnungslos in diesen so starren wie überholten Werten zu verlieren droht. Das klingt gewaltig, vermittelt in keinster Weise, wie leichtfüßig Loachs Drama eigentlich daherkommt: Die meisten Charaktere sind sympathisch ? selbst der Vater. Die düsteren Wolken scheinen immer wieder aufzureißen. Sensibilität und Lebendigkeit nehmen den Betrachter gefangen. Die Natürlichkeit und Spontaneität, mit der die Schauspieler Ken Loach folgen, ist beeindruckend. Seiner Improvisiertechnik hat der Film seine Wahrhaftigkeit zu verdanken. Die Problematik wird bedrückend real. Und genau darin liegt die Dramatik.

(Lars Albat)

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