If it were Love
Frankreich 2020, Laufzeit: 82 Min., FSK 12
Regie: Patric Chiha
Darsteller: Philip Berlin, Marine Chesnais, Kerstin Daley-Baradel
Künstlerische Mischung aus Spiel und Dokumentation
Raven in Zeitlupe
„If it were Love” von Patric Chiha
Patric Chiha nimmt sich Zeit in seinem Film „If it were Love“, das merkt man schon der Eröffnungsszene an. Darin werden die meisten der 15 Tänzerinnen und Tänzer, die in Gisèle Viennes Rave-Tanzstück „Crowd“ auf der Bühne stehen werden, mit Kunstschweiß bespritzt – einer nach dem anderen, und die Kamera hält in langen, wortlosen Einstellungen einfach drauf. Ganz ohne Worte kommt auch das Stück selbst aus, das an internationalen Häusern aufgeführt wurde und uns eine Rave-Technoparty vor Augen führt, in der zahlreiche junge Leute sich auf der Tanzfläche begegnen, miteinander abtanzen und flirten, sich begehren und in Konkurrenz zueinander treten. Das Besondere an Gisèle Viennes Choreografie besteht darin, dass die penibel arrangierten Sequenzen stets wie in Zeitlupe ablaufen, dass sich die Tänzer ganz langsam und bewusst bewegen und dem Zuschauer dabei wie unter einem Vergrößerungsglas vor Augen führen, was hier im Detail auf der Tanzfläche abläuft.
Patric Chiha („Brüder der Nacht“) hat über einen längeren Zeitraum die Proben beobachtet und mit der Kamera festgehalten, aber auch Elemente aus der finalen Aufführung in seinen Film eingewoben. Unterbrochen wird das Ganze immer wieder von intimen Zwiegesprächen zwischen jeweils zwei der Tänzer*innen, die sich backstage über ihre Rollen unterhalten, für die sie sich Geschichten ausgedacht haben, die dem Publikum im Theater nicht eins zu eins vermittelt werden, die für ihre Performances allerdings als Hintergrund dienen und deswegen helfen, sie in die richtige Stimmung zu versetzen. Dass viele der Künstler für diese Geschichten auf ihr eigenes Leben zurückgreifen und persönliche Erfahrungen einfließen lassen, verwischt die Grenze zwischen Fiktion und Realität zusätzlich. Gerade durch Patric Chihas unkommentierte Aneinanderreihung der Proben, Szenen und Interviewsequenzen muss sich der Filmzuschauer selbst seinen Reim darauf machen, was hier echt und was inszeniert ist. Diese Hybridform zwischen Spiel und Dokumentation hat Chiha bereits in „Brüder der Nacht“ erfolgreich angewandt, auch hier ist das Ergebnis vor allen Dingen ein ästhetischer Genuss. Die durchtrainierten jungen Körper werden von Gisèle Vienne und Chiha gleichermaßen äußerst begehrenswert ins Bild gesetzt, die Inszenierung dieser Körper in Kombination mit der Lichtgebung und der spartanischen Bühnengestaltung trägt zusätzlich dazu bei, visuell zu stimulieren. Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass die porträtierten Bühnenfiguren häufig einen queeren Anstrich erhalten, von einem Transmann über einen Nazi, der mit einem schwulen Jungen flirtet, ist hier eine breite sexuelle Palette vertreten. Humorvolle Zwischentöne erhält der Film vor allem in seinen Interviewpassagen mit den sympathischen Tänzer*innen, weswegen „If it were Love“ tanz- und kunstinteressierten Zuschauern wärmstens empfohlen werden kann.
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