
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte
Deutschland, Frankreich 2026, Laufzeit: 118 Min., FSK 12
Regie: Volker Schlöndorff
Darsteller: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff
Epochales Drama
Haus am See
„Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ von Volker Schlöndorff
„Viele Menschen an einem Platz“: „Heimsuchung“ erzählt von einem Architekten (Lars Eidinger) und seiner zweiten Frau (Susanne Wolff) im Nationalsozialismus. Von einer benachbarten Familie eines jüdischen Tuchfabrikanten (Ulrich Matthes). Von deutschen Soldaten und Rotarmisten. Von einem ewigen Gärtner. Und schließlich erzählt das Drama von einer linientreuen Schriftstellerin aus der DDR (Martina Gedeck). Und Marija, die Enkelin der Schriftstellerin, erzählt uns aus dem Off Dinge über den Ort, der alle Figuren auf sich vereint: Das Grundstück an einem märkischen See. Hort von Frieden und Sehnsucht, Hort der Angst. Der Ort ist Zukunft, Erbe, Refugium, Paradies, Versteck, Relikt. Er ist Privateigentum, Staatseigentum, Wertobjekt, Gefängnis. Und nicht zuletzt ist der Ort autark, steht jenseits des Menschen – passiv, unschuldig. In aller Schönheit. Der Ort ist Geist.
Vielleicht ist es diesem über alles schwebenden Geist zu verdanken, dass wir uns, so grauenvoll es hier mitunter zugeht, wie in einer Weihnachtsgeschichte wähnen. Oder wie bei einem Museumsbesuch. Wir sind tief berührt von manchem Schicksal, und doch bleibt es kuschelig. Sicher. Weil, was immer auch passiert: Der Ort bleibt. Gedreht wurde im Sommerhaus in Caputh, Albert Einstein lebte hier. Er musste das Haus wegen der Nazis verlassen – das Haus steht bis heute.
Volker Schlöndorff („Der junge Törless“, „Die Blechtrommel“, „Homo Faber“, „Rückkehr nach Montauk“) ist 87, und mit seiner Romanadaption legt er ein beseeltes, berührendes, großartig bebildertes und besetztes Alterswerk hin. Die Vorlage des Dramas bildet der Roman von Jenny Erpenbeck aus dem Jahr 2007. Die Autorin verwebt darin autobiografische Elemente und historische Figuren mit fiktionalen Elementen. Das jüdische Mädchen Doris Kaplan und ihr Schicksal sind verbürgt, das Kind trägt im Film denselben Namen. Der Architekt indes ist ein Architekt. Eine Figur, sagt Erpenbeck, die es „quer durch die Zeiten gibt“. Also bleiben viele Protagonist:innen hier namenslos. So auch im Film. Schlöndorff reizte an der Geschichte, „einfach nur Leben einzufangen“. Anders als im Buch erzählt er seinen Film dabei nicht verschachtelt, sondern linear. Zum einen mag die Entscheidung, ein Jahrhundert linear in zwei Stunden zu erzählen, sprunghafter wirken, als würde man das Episodische im verschachtelten Erzählen verstecken. Andererseits ist es eine Wohltat, wenn in Zeiten manch wilder cineastischer Erzählkompositionen ein Film einfach mal wieder chronologisch erzählt. Nein, Schlöndorffs Drama verwebt ganz meisterlich und leichthändig den Geist der Epochen. Nichts ist skizzenhaft, alles fügt sich, wird zärtlich verwoben. Schlöndorff vermag Intensives in Augenblicken zu bündeln, an anderer Stelle nimmt er sich den Raum, wenn zum Beispiel die Kamera (Axel Schneppat) der Frau des Architekten in den See und beim Schwimmen durchs Wasser folgt. Wenn sie in den Ort eintaucht. Magisch. Nichts ist gehetzt in diesem Drama, Schlöndorff erzählt elegant und beseelt. Und er beweist sich noch einmal als großer Erzähler.
(Hartmut Ernst)

Dokumentarische Mischformen
„New Voices – New Forms“ in der Aula der KHM – Foyer 09/26
50 Jahre Tony Marroni
Der Superbulle mit der Strickmütze – Portrait 09/26
Wunden und Heilung
Das 23. Afrika Film Festival Köln – Festival 09/26
Faszination Filmerbe
Das 42. Bonner Sommerkino – Internationale Stummfilmtage – Festival 08/26
„Als Filmemacher habe ich alles verloren“
Ibrahim Snoopy über die Lage und das Filmemachen im Sudan – Portrait 07/26
Nach wie vor relevant
„Virginia Woolf’s Night & Day“ im Cinenova – Foyer 07/26
Was uns im Juli erwartet
Das „größte Fest aller Zeiten“, Fußball und Kino – Vorspann 07/26
Oppositionelle in der DDR
„Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung“ im Filmhaus – Foyer 06/26
Einmalig in der deutschen Filmszene
„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ im Weisshaus – Foyer 06/26
Kino ist Oper ist Kino
Das Singspiel und die Leinwand – Vorspann 06/26
Ein Wonnemonat für Filmfans
Neustarts und Preisverleihungen im Mai – Vorspann 05/26
„Es geht vor allem um Selbstermächtigung“
Regisseur Markus Schleinzer über „Rose“ – Gespräch zum Film 05/26
Was es bedeutet, ein Mädchen zu sein
„Girls Don’t Cry“ im Odeon – Foyer 04/26
Die Hose als Freiheit
NRW-Premiere von „Rose“ im Düsseldorfer Cinema – Foyer 04/26
Köln als Geburtsstadt des Kinos
Stefanie Wüster-Bludau über die Jubiläumsveranstaltung „Wir feiern 130 Jahre bewegte Bilder“ – Portrait 04/26
Feiern im Kreis von Freunden
„Die Schwester der Braut“ im Filmforum – Foyer 04/26
Filme in die Welt tragen
Das Internationale Frauenfilmfest Dortmund+Köln – Festival 04/26
„Kein großes Spektrum an Geschlechtsvielfalt“
Schauspielerin Caro Braun über „Rose“ – Roter Teppich 04/26
Ein Fest im Dunkeln
20 Jahre Filmforum NRW – Festival 04/26
Weimerer Republik
Zur freien Filmkunst – Vorspann 04/26
Film für die ganze Familie
„Mein Freund Barry“ im Cinedom – Foyer 03/26
Was uns blüht
Die Oscars und die Zukunft mit KI – Vorspann 03/26
Zu Unrecht beschuldigt
„Blame“ im Odeon – Foyer 02/26
Bilder von Arbeit, Arbeit am Bild
Das Symposium der dokumentarfilminitiative im Filmhaus Köln – Foyer 02/26
Fiktion mit realen Hintergründen
„White Snail“ im Filmhaus – Foyer 02/26