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Foto: Majestic, Jasper Meurer

„Der letzte seiner Art“

06. November 2026

Jens Meurer über seinen Dokumentarfilm „Biermann“ – Gespräch zum Film 11/26

Anlässlich der Wien-Premiere von „Biermann“ sprach Götz Leineweber für choices mit Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Jens Meurer.

choices: Wie du Biermanns Musik eingesetzt hast, trägt den Film auf besondere Art und Weise.

Jens Meurer: Das freut mich. Das erwähnen nicht viele, dabei war das eine der großen Herausforderungen. Du weißt, aus wie viel Material wir auswählen konnten. Gerade wenn man heute diese Aufnahmen von 1976 sieht, wie Biermann mit der Gitarre auf der Bühne steht, singt und ganz selbstverständlich Rosa Luxemburg zitiert als wäre das das Natürlichste der Welt, dann merkt man: So etwas funktioniert eigentlich nur innerhalb eines Liedes. Dort entsteht ein Raum, in dem solche Gedanken plötzlich selbstverständlich klingen. Meine Idee war, dass der Soundtrack (fast) ausschließlich aus Biermanns eigenem Werk bestehen sollte. Wir haben nicht Lied an Lied gereiht, sondern viele ungewöhnliche Passagen, instrumentale Momente und Solostellen herausgesucht. Die Musik wird aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst.

Wie entstand die allererste Idee zum Film?

Jemand brachte uns zusammen und so kamen wir ins Gespräch. Es war nicht so, dass ich mein ganzes Leben davon geträumt hatte, endlich einen Film über Wolf Biermann zu machen. Umgekehrt saß Biermann nicht da und wartete darauf, dass endlich Jens Meurer auftaucht. Für mich als Dokumentarfilmer war zunächst einmal die historische Figur spannend. Je länger wir arbeiteten, desto stärker verlagerte sich das auf den Menschen, den Künstler, den Charakter. Seine Botschaft und seine Haltung sind für mich nicht vergangen, sie kommen aus einem langen Leben, aber sie sprechen unmittelbar in die Gegenwart. Das war vor etwa dreieinhalb Jahren und noch nie ist ein Film von mir so oft abgelehnt worden. Die beiden großen deutschen Filmförderungen taten zunächst alles dafür, dass dieser Film nicht entsteht. Da hieß es, Biermann brauche man nicht mehr, das Thema sei überflüssig und so weiter. Rückblickend hatte das einen Vorteil: Es gab uns viel Zeit, einander kennenzulernen.

Besucht man sich, isst zusammen, redet?

Genau so. Nicht nur Biermann, die ganze Familie ist ausgesprochen offen. Sie hatten Lust darauf, dass jemand kommt und ihn in diesem Lebensabschnitt begleitet. Außerdem ist das ein offenes Haus, in dem immer Menschen ein- und ausgehen. Es gibt interessante Nachbarn, Familie, politische Weggefährten, Künstler. Biermann ist es gewöhnt, Besuch zu haben, und er mag das auch. Ich war dann einfach derjenige, der immer wieder vorbeikam, irgendwann mit einer Filmkamera. Es war nicht immer harmonisch, aber es war organisch.

Dann entscheidet man sich für bestimmte Momente, die man filmen möchte.

Nicht nur. Das Konzert in Köln haben wir beispielsweise eigens organisiert, um ein Konzert in der Gegenwart filmen zu können. Manche Orte und Ereignisse ergaben sich von selbst, andere haben wir gezielt geschaffen. Und dann alltägliche Situationen: Lass uns um den Block spazieren gehen. Hast du heute Lust, Klavier zu spielen? Natürlich hatten wir sein Leben im Blick: Hamburg, Ost-Berlin, Köln. Dazu kam Paris, nicht selbstverständlich, aber es war ein zentraler Moment der Biografie. Dort erkannte er, dass er kein Kommunist mehr sein kann. Das lag auch an Heinrich Heine, dessen Grab wir auf dem Montmartre besuchten. Während der Arbeit wurde mir klar, wie wichtig Heine für Biermann ist. Als er aus der DDR herausgerissen wurde und nicht in Westdeutschland leben wollte, ging er nach Paris. Die Parallelen zwischen Heinrich Heine und Wolf Biermann sind faszinierend: beide jüdische Künstler, beide politische Intellektuelle, beide im Exil. Das wurde für mich während der Arbeit am Film immer spannender.

Heine und Villon sitzen Biermann auf der Schulter und plappern ihm ins Ohr.

Absolut. Heine steht für etwas zutiefst Deutsches, und zwar im besten Sinne. Mein Lieblingsmoment im Film stammt interessanterweise gar nicht von uns. Er kommt aus einem Dokumentarfilm von 1976, der damals im Umfeld der Konzertreise entstand. Da steht Biermann irgendwo im November in einem Wäldchen bei Köln, erwähnt Heines Wintermärchen und merkt plötzlich, dass die Menschen um ihn herum gar nicht wissen, wovon er spricht. Für einen kurzen Augenblick sieht man ihm das Entsetzen an. Ihm wird klar, welche kulturelle Lücke da entstanden ist. Dann fängt er sich wieder und macht weiter. Er ist schließlich Profi. Ich habe mich in diesem Moment selbst ertappt gefühlt und mir vorgenommen, diese Lücke zu schließen.

Welcher ist Biermanns Lieblingsmoment?

Während der Dreharbeiten war Biermann oft skeptisch. Mal ironisch, mal kokett, manchmal aus echter Unsicherheit. Aber er hat uns machen lassen. Es gab allerdings einen Moment, in dem er plötzlich zu mir sagte: „Mensch Jens, jetzt glaube ich tatsächlich, dass das ein Film wird.“ Das war, als wir eine Kamera auf der Motorhaube seines Autos montiert hatten, um ihn und Pamela während der Fahrt durchs Hamburger Umland zu filmen. Die beiden fuhren einfach los und begannen irgendwann ganz selbstverständlich zu singen. Die Szene hat ihn beeindruckt. Erstaunlicherweise mehr als alles andere.

Biermann hat auf jede Frage eine Paradoxie, Gegenfrage oder Dialektik parat.

Ja, damit muss man umgehen können. Immer wieder sagte er: „Jens, das ist schon wieder so eine Journalistenfrage.“ Dann nahm er sie auseinander, drehte sie durch seinen eigenen Denkapparat und beantwortete sie schließlich doch. Biermann sagt selbst, dass seine innere Uhr mit sechseinhalb Jahren stehen geblieben sei. Von klein auf musste er mit schwierigen Widersprüchen umgehen. Daraus entstand einerseits eine enorme Geradlinigkeit. Andererseits entwickelte er die Angewohnheit, Dinge immer wieder zu drehen und zu wenden, sie von mehreren Seiten zu betrachten und zu hinterfragen. Dieses dialektische Denken ist für ihn Methode, Schutzmechanismus und Inspirationsquelle zugleich. Manchmal wundere ich mich selbst darüber, dass wir den Film auf zwei Stunden begrenzen konnten. Natürlich durch Weglassen.

Er wirkt bis heute unerlöst, als würde es nie enden.

Und wenn wir ehrlich sind, gilt das nicht nur für ihn. Heute wird Ostdeutschland oft auf Wahlergebnisse reduziert, gerade deshalb finde ich Figuren wie Biermann interessant, weil sie Erinnerung und Gegenwart zusammenbringen.

Gewisse Linien wiederholen sich in deiner Filmographie: ZB Bobby Seale in deiner Dokumentation über die Black Panther.

Das Lustige ist: Bobby Seale ist genau wie Biermann Jahrgang 1936. Die beiden sind beinahe auf den Tag genau gleich alt.

Offenbar hält es geistig wach, wenn man sich sein Leben lang mit politischen Fragen oder Aktivismus beschäftigt.

Ist das nicht eine gute Nachricht? Zumindest eine Empfehlung!

In der Süddeutschen Zeitung ist von „fünf Deutschlands“ die Rede. Ich komme beim Zählen auf vier, manchmal sogar nur auf drei, weil die DDR einfach geschluckt wurde. Und gelegentlich denke ich: Vielleicht gibt es am Ende doch nur eins, immer anders lackiert.

Letzteres ist wahrscheinlich richtig. Die fünf Deutschlands sind in diesem Verständnis das nationalsozialistische Deutschland, das besetzte Nachkriegsdeutschland, die DDR, die Bundesrepublik und schließlich das wiedervereinigte Deutschland. Meine Familie stammt väterlicherseits aus Dresden. Zum ersten Mal war ich 1981 im Rahmen einer Klassenfahrt in der DDR. Dort hatte ich das Glück, einige junge Ost-Berliner kennenzulernen, mit denen ich anschließend in Kontakt blieb. Wir sind dann fast jedes Jahr nach Ost-Berlin gefahren, um die zu besuchen. Seit 1992 lebe ich dauerhaft in Ost-Berlin. 
Natürlich macht mich das nicht zu einem DDR-Bürger, aber ich habe einen engen Bezug zu dieser Stadt und ihrer Geschichte. Das beginnt schon bei der Chausseestraße 131. Man kommt ständig vorbei. Solche Orte halten die Geschichte lebendig. Und gleichzeitig zeigt gerade Biermann, dass er eben nicht nur eine ostdeutsche Figur ist. Man staunt doch darüber, was für ein gewaltiges Eigentor sich die DDR geschossen hat. Das beginnt mit Biermann und seiner Ausbürgerung, betrifft aber eigentlich große Teile ihrer kulturellen Elite. Im Film sieht man Menschen wie Thomas Brasch, Armin Mueller-Stahl, Jurek Becker oder Manfred Krug. Und das setzt sich fort bis zu Nina Hagen. Sie ist im HaushaltBiermanns aufgewachsen und war bereits in der DDR ein Star. Trotzdem wurden sie und ihre Mutter hinausgedrängt. Wenig später entstand die Nina Hagen Band, und daraus wurde etwas, das bis heute zu den bedeutendsten Erscheinungen der deutschsprachigen Pop- und Rockmusik zählt. Wie konnte man auf die Idee kommen, solche Menschen loswerden zu wollen? Und gleichzeitig erkennt man, dass das alles beinahe zwangsläufig war. Wenn ein politisches System Menschen wie Nina Hagen, Armin Mueller-Stahl oder Barbara Honigmann nicht aushält, dann liegt das Problem nicht bei diesen Menschen, sondern beim System. Biermann hat es sich nie einfach gemacht und gerade deshalb bleibt er als Künstler und öffentliche Figur interessant.

Seine Schmähkritik an den Westlinken hat er sich bis heute nicht abgewöhnt.

Bis heute kritisiert er die Linke vor allem dort, wo er Kontinuitäten zur SED und zu diktatorischen Traditionen erkennt. Das ist natürlich eine Generationenfrage, im Übrigen auch in meiner Famillie. Viele junge Menschen, die heute die Linke wählen, sehen diesen historischen Zusammenhang entweder nicht mehr oder halten ihn für politisch nicht mehr relevant. Man kann darüber streiten. Für viele aktuelle Debatten, etwa über Wohnen oder soziale Gerechtigkeit, ist dieser historische Hintergrund nicht zwangsläufig der entscheidende Bezugspunkt. Aber für Biermann bleibt er prägend.

Hast du irgendwann bereut, auf 16 Millimeter zu drehen?

Nie. Gerade deshalb nicht, weil die Begrenzungen des Materials Teil des Konzepts waren. Ein Dokumentarfilm über das Leben von Wolf Biermann ist letztlich ein unmögliches Vorhaben. Man kann das nicht vollständig erzählen, man kann sich nur annähern. Film ist das richtige Medium, weil er nicht perfekt ist. Das Wort „authentisch“ wird ja häufig überstrapaziert, aber genau diese Unvollkommenheit interessiert mich. Film zeigt immer seine eigenen Grenzen.

Trotzdem erschrickt man, wenn man nach der Entwicklung plötzlich Streulicht entdeckt?

Nein. Mich zwingt ja niemand und ich arbeite so nicht zum ersten Mal. Da gibt es immer Unwägbarkeiten. Manchmal läuft eine Rolle im falschen Moment aus, manchmal ist die Kamera nicht rechtzeitig gestartet. Natürlich gibt es Situationen, in denen man sich eine Rolle mehr gewünscht hätte. Aber das gehört für mich dazu. Stell dir vor, wir hätten Biermann komplett digital gedreht. Dann hätten wir vermutlich Tausende Stunden Material produziert, die uns im Schneideraum erschlagen hätten. So hatten wir zwar immer noch sehr viel Material, aber die Begrenzung zwang uns, genauer hinzusehen.
Wenn wir an einem Drehtag acht Rollen Film dabei hatten, war das immerhin Material für mehr als eine Stunde. Aber irgendwann war die letzte Rolle belichtet. Dann war Schluss. Und genau dann passierten oft die schönsten Dinge. Dann wurde gekocht. Dann saßen wir mit den Biermanns in der Küche. Oder wir gingen an der Ostsee noch etwas essen. Wolf setzte sich zum Kameraassistenten und unterhielt sich mit ihm. So ist er. Man verbringt Zeit miteinander, nicht nur Drehzeit. Irgendwann war es sechs Uhr, halb sieben, das Licht verschwand, der Film war aufgebraucht und man konnte gemeinsam ein Bier trinken.
Die Entscheidung für 16 Millimeter hat vor allem mit dem Entstehen der Bilder zu tun. Mich fasziniert die Tatsache, dass das Licht, das vom Gesicht eines Menschen reflektiert wird, tatsächlich auf einem materiellen Filmstreifen gespeichert wird. Das ist etwas anderes als ein digitales Bild, das technisch simuliert und berechnet wird. Gleichzeitig ist mir wichtig zu sagen: Die allermeisten Menschen im Kino denken darüber überhaupt nicht nach. Für sie spielt das keine Rolle und trotzdem wirkt es. Beim Essen denke ich ja auch nicht unbedingtüber die Zutaten nach.

Wie war die Zusammenarbeit mit Dirk Kämper und Pamela Biermann?

Eigentlich waren die beiden stärker Autoren dieses Films als ich. Dirk kennt Biermanns Leben und Werk seit Jahrzehnten. Für mich war er gerade zu Beginn des Projekts eine Art Wegbegleiter durch diese Biografie. Später, in der Schnittphase, wurde er zu einem wichtigen Gesprächspartner und Korrektiv. Dasselbe gilt für Pamela. Mit der Ehefrau des Protagonisten so eng zusammenzuarbeiten, ist natürlich eine besondere Konstellation.

Mir kommt es so vor, als ob Pamela Biermann die losen Enden seines Lebens zunehmend verknüpft.

„Lose Enden“ ist eine Untertreibung, es gibt soviel zu entdecken und erzählen. Die beiden sind seit mehr als vier Jahrzehnten zusammen. Neben all dem, was mit Werk, Öffentlichkeit und Politik zu tun hat, haben sie Kinder großgezogen und ein gemeinsames Leben geführt. Wenn man die beiden zusammen erlebt, versteht man schnell, warum diese Beziehung funktioniert. Wie sie da im Auto einfach anfangen zu singen. Was man im Film nicht sieht: Ich liege im Kofferraum, unsichtbar, und steuere die Kamera per Fernbedienung. Das ist das Schöne am Dokumentarfilm, man schafft lediglich Voraussetzungen. Entscheidend ist, Menschen vor der Kamera zu haben, die Lust darauf haben. Die Biermanns wollten oft noch einmal von vorne anfangen. „Das können wir noch besser machen.“ Und ich dachte: „Wieso, das war doch gerade großartig.“ Aber genau diese Energie muss man zulassen.

Deswegen wirkt der Film sehr persönlich.

Ja. Mir war früh klar, dass dieser Film nur funktioniert, wenn er persönlich wird. Nicht weil ich das wollte, sondern weil Biermann so ist. Alles andere wäre künstlich. Vor Beginn der Dreharbeiten haben wir ausführlich über das Drehen auf 16 Millimeter gesprochen. Dabei hat Biermann mir eine Wahrheit gesagt und eine kleine Lüge. Die Lüge war: „Jens, kein Problem. Ich kann mich kurzfassen.“ Das trifft nur bedingt zu. Die Wahrheit war: „Du musst mir das mit dem Filmmaterial gar nicht erklären. Als man angefangen hat, mich zu filmen, wurde auch auf 16 Millimeter gedreht. Ich weiß, wie das funktioniert.“ Irgendwann bemerkte ich, dass er aus dem Augenwinkel beobachtete, was am Set passierte. Der Kameraassistent sollte sich nie anmerken lassen, wenn eine Rolle fast zu Ende war. Aber Biermann merkte es trotzdem. Zwischen ihm und dem Kameraassistenten entwickelte sich im Laufe der Zeit beinahe eine eigene Verständigung. Und wenn ihm ein Gedanke besonders wichtig war, kam er oft genau im richtigen Moment zum Punkt. Ein schönes Beispiel für das analoge Filmen.                                                        

Absoluter Profi. Woran arbeitest du gerade?

In gewisser Weise knüpfe ich an „Impossible Project“ an. Aber diesmal als „Possible Project”. Mich beschäftigt, ob wir als Gesellschaft noch in der Lage sein werden, Technik zu beherrschen, oder ob längst die Technik übernommen hat. Ich versuche, daraus einenoptimistischen, hoffnungsvollen und mutmachenden Film zu machen. Im Zentrum steht eine außergewöhnliche Firma aus Stockholm: Teenage Engineering. Man könnte sie als eine Art sozialdemokratisches Silicon Valley beschreiben – nur eben in Schweden. Mit diesem Team war ich gerade in New York unterwegs. Wie können wir uns gegenüber der immer stärkeren technischen Durchdringung unseres Alltags behaupten? Welche Formen von Gestaltung und Selbstbestimmung bleiben dabei möglich? Ich glaube fest daran, dass es eine positive Antwort auf diese Fragen gibt. Deshalb wollte ich Menschen finden, die darüber nicht nur theoretisch nachdenken, sondern praktisch arbeiten. Im Film werden auch Persönlichkeiten wie Alice Phoebe Lou, Nile Rodgers oder Snoop Dogg auftauchen. Die Fragen beschäftigen schließlich nicht nur Ingenieure oder Philosophen, sondern genauso Musiker und Künstler.

Dann bleibt dir die Musik im nächsten Film erhalten.

Offenbar komme ich davon nicht los.

Interview: Götz Leineweber

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