Donnerstag, 5. November: Am letzten Tag des 36. Film Festivals Cologne fand am Abend im Filmpalast nicht nur die Preisverleihung statt. Wie man es in den Vorjahren schon erfolgreich etabliert hatte, konnte man die im Vorfeld bereits feststehenden Ehrenpreisträger im Laufe des Tages in Artist Talks im Kino erleben. Dort wurden sie von den jeweiligen Moderatoren zu ihrer Karriere und ihren aktuellen Arbeiten befragt, mitunter blieb auch noch die Zeit, dass man sich auch den Fragen aus dem Auditorium öffnete. Den Anfang machte die diesjährige Gewinnern des International Actors Awards, Ingrid Caven. Bekannt geworden war die geborene Saarbrückerin in den 1960er Jahren, als sie zu Rainer Werner Fassbinders Theaterkollektiv antiteater hinzustieß und bald darauf auch in seinen Filmen (u.a. "Götter der Pest") eingesetzt wurde. Auch ihre Kollaborationen mit Daniel Schmid ("Schatten der Engel") oder Werner Schroeter ("Tag der Idioten") sorgten international für Aufsehen, in den letzten Jahren war sie in erster Linie als Sängerin aktiv. Ihr neuester Film „16 Moments of My Life“ von Albert Serra feierte beim Film Festival Cologne nun seine Weltpremiere, der Regisseur wohnte dem von Thomas Abeltshauser moderierten Künstlergespräch im Publikum bei. Viele der für den Nachmittag vorbereiteten Fragen konnte der Filmjournalist allerdings nicht stellen, denn Ingrid Caven war in ihrem Redefluss kaum zu bremsen, sobald sie einmal mit Erzählen angefangen hatte.

Osmotische Geschichten
Gleich zu Beginn holte sie weit aus und berichtete von ihren entbehrungsreichen Kindertagen in den Nachkriegsjahren. Die Tatsache, dass viele Nazis auch in den Wirtschaftswunderjahren wieder zu Amt und Würden kamen, spornte Caven dazu an, ein politisch denkender Mensch zu werden. „Wir jungen Leute mussten vor diesem Hintergrund etwas Neues erfinden“, so die Schauspielerin. Mit Menschen wie Fassbinder, Schmid und Schroeter kam es deswegen zu „osmotischen Geschichten“, denn „wir mussten etwas zusammen erlebt haben, um zusammen etwas Kreatives zu schaffen“, ergänzte Caven. Sie schätzte sich glücklich, dass nun ein ähnliches Arbeiten auch mit Albert Serra wieder möglich gewesen sei. „Serra gehört zu den Großen dieser Zeit, der mit einem Fuß noch in einer Gesellschaft steht, in der Sprache und Literatur noch eine große Rolle spielen“, führte die Preisträgerin weiter aus. Heute sei es indes ungleich schwerer, Kunst zu erschaffen, weil diese nach Ansicht Cavens größtenteils gar nicht mehr erwünscht sei. Auch der diesjährige Preisträger des Hollywood Reporter Awards auf dem Film Festival Cologne, der französische Regisseur Christophe Honoré ("Der Gymnasiast"), kam im anschließenden Artist Talk zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. Der mittlerweile 56jährige Filmemacher erzählte im Gespräch mit Scott Roxborough, dass er zu Beginn seiner Karriere unglaublich viel Glück gehabt habe. Seine ersten beiden Spielfilme seien nicht sonderlich gut gewesen, und dennoch hätte ihm die französische Filmindustrie ermöglicht, auch noch einen dritten Film zu realisieren. Mit „In Paris“ sei er schließlich zu dem Filmemacher geworden, der er schon als Kind sein wollte, als er fernab von jeglicher Filmkultur in der Bretagne aufgewachsen war.

Honorés persönlichster Film
Da im Dorfkino seinerzeit lediglich Komödien aufgeführt wurden, kam Honoré mit seriösen Filmen zunächst nur in geschriebener Form in Kontakt, ohne diese wirklich gesehen zu haben. Der eifrige Leser der „Cahiers du Cinéma“ bewarb sich deswegen nach seinem Umzug nach Paris bei deren Redaktion als Filmkritiker. Erst mit den Bekanntschaften, die er in dieser Position machte, gelang es Honoré schließlich, im eigentlichen Filmbusiness Fuß zu fassen und seinen Traum, Filmregisseur zu werden, umzusetzen. Sein aktueller Film „Orange Flavoured Wedding“, der in diesem Jahr in Cannes lief und in Köln nun seine Deutschlandpremiere feierte, ist Honorés bis dato sicherlich persönlichster Film. Er ist im Jahr 1978 auf einer bretonischen Hochzeitsfeier angesiedelt, die stark von autobiografischen Erlebnissen geprägt ist. Schon zu Beginn seiner Karriere wollte der Regisseur seiner Familie mütterlicherseits ein filmisches Denkmal setzen, war damals aber noch nicht dazu in der Lage. „Vor fünf Jahren habe ich einige meiner Verwandten dann in ein Bühnenstück integriert, in dem diese als Geister vorkamen. Das hat etwas in mir entblockt, weswegen ich nun auch in diesem Film von ihnen erzählen konnte“, führte Christophe Honoré in Köln aus. Der Filmemacher ist selbst regelmäßiger Kinogänger und sieht zwei bis drei Filme in der Woche, weshalb er mittlerweile gelangweilt ist von Werken, die sich lediglich auf ein oder zwei Figuren konzentrieren. „Deswegen ist mein neuer Film eine Gruppenstudie geworden, bei der ich wahres Leben mit der Kamera einfangen wollte“, so der Regisseur. In der Drehbuchvorlage hätte es zwar geschriebene Dialoge gegeben, aber einige Passagen sollten seine Schauspieler bewusst frei gestalten und am Set improvisieren. Im Gegensatz zu den chancenreichen Anfängen seiner Karriere sei es ihm aber nun selbst als etabliertem Regisseur schwergefallen, „Orange Flavoured Wedding“ finanziert zu bekommen, weswegen auch er der Ansicht ist, dass es Kunst heute schwerer hat. Umso erfreulicher, dass ihr beispielsweise beim Film Festival Cologne ein Forum geboten wird.

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